Nähen an der Seine

26. Juni 2010, 10:21
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Die Österreicherin Sissi Holleis und die Schweizerin Martena Duss zeigen den Französinnen, dass Selbstgenähtes mindestens so viel Charme hat wie Designermode

Ist es Idealismus? Naivität? Oder schlicht eine kluge Geschäftsidee? Wer das Nähcafé Sweat Shop von Sissi Holleis und Martena Duss im 10. Pariser Arrondissement betritt, ist zunächst überrascht. So viel Improvisation kennt man bisher nur aus Berlin oder Amsterdam. "Wir wollten einen alternativen Hauch nach Paris bringen", sagt Sissi Holleis, springt auf und eilt einem kleinen Mädchen zu Hilfe, das gerade mit Schablonen und einer Menge bunter Farben auf dem großen Stoffzuschneidetisch in der Mitte des Raumes ein T-Shirt bemalt.

Trotz des bunt zusammengewürfelten Interieurs, der fehlenden Edelhölzer und des fehlenden, Schritte dämpfenden Teppichs scheint das Konzept einer Nähstube bei den sonst so an Schick gewöhnten Pariserinnen anzukommen. "Viele Kundinnen kommen aus dem Quartier", sagt Holleis, "wir haben das junge Bobo-Viertel bewusst als Standort gewählt." Der aktuelle Do-it-yourself-Trend und das wachsende Bewusstsein für recycelbare Mode kommen den jungen Unternehmerinnen dabei entgegen. Denn auch die Modenation Frankreich entdeckt ihr Herz für alternativen Lifestyle. Gleich neben dem Sweat Shop gibt es einen Bioladen, dessen Kuchen und Getränke im Sweat Shop ausgeschenkt werden. Und praktisch ums Eck empfängt der Luxus-Öko-Concept-Store Merci die gehobene Pariser Bourgeoisie, die ihr grünes Gewissen zwischen Holzboden und Design-Objekten pflegt.

Basiskurse und Nähtage

Das Nähprogramm indes kann sich sehen lassen. Nähprofis können zu sechs Euro die Stunde eine von Singer gesponserte Nähmaschine buchen und so in Gesellschaft ihrem Hobby frönen. Für Anfänger und Amateure gibt es Basiskurse. Daneben bietet der Sweat Shop regelmäßig Nähtage mit jungen Designern an - etwa mit Mademoiselle Kou, die für ihre witzigen Accessoires bekannt ist. Oder der Strickkurs mit Sébastien Davidtelevision. Seine Spezialität: LP-Cover, etwa von David Bowie oder Serge Gainsbourg, in Strickmode umwandeln. Die Wolle wird übrigens von Bergère de France zur Verfügung gestellt.

Im Sweat Shop gibt es aber auch komplette Nähkits zu kaufen, mit denen man im Do-it-yourself-Verfahren in null Komma nichts zu seinem Lieblingsteil kommt. Und wer daneben auch gleich seine Englisch- und Französischkenntnisse verbessern möchte, belegt den Kurs "Patch-up your English" oder den Sommerkurs "Vormittags Französisch pauken und nachmittags stricken".

Die Leidenschaft, ihr Wissen weiterzugeben, steht der Ex-Designerin Sissi Holleis ins Gesicht geschrieben. Fehlende Financiers und der Wandel des asiatischen Marktes bewogen sie, ihr Label aufzugeben. Bereut hat sie es keine Sekunde, fühlt sie sich doch hier viel mehr gebraucht. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, so würde sie in den nächsten drei Jahren, drei weitere Sweat Shops in Paris eröffnen. "Ich weiß, der Name ist etwas makaber. Aber es sollte wirklich mehr Sweat Shops wie den unseren geben und nicht jene wie die in China." (Sara Allerstorfer/Der Standard/rondo/25/06/2010)

Sweat Shop, 13 rue Lucien Sampaix, 75010 Paris, T. +33/9/52 85 47 41

  • Wer sagt, dass Stricken & Nähen nur für Langweiler ist? Im DIY Sweat Shop geht es richtig lustig zu - Kaffee und Kuchen inklusive. Wo? Im 10. Arrondissement von Paris.
    foto: hersteller

    Wer sagt, dass Stricken & Nähen nur für Langweiler ist? Im DIY Sweat Shop geht es richtig lustig zu - Kaffee und Kuchen inklusive. Wo? Im 10. Arrondissement von Paris.

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