Musikrundschau, britisch

24. Juni 2010, 16:27
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Während der Rest der Welt meist zwischen Kleckern und Klotzen unterscheidet, haben sich Oasis früh für eine andere Disziplin entschieden, das Großkotzen

OASIS
Time Flies ... 1994-2009

(Sony)

Genährt aus wesenseigener Selbstüberschätzung und Anmaßung galt die britische Band Oasis in den mittleren 1990ern gemeinsam mit dem ewigen Konkurrenten Blur als Speerspitze des Brit-Pop-Booms nämlicher Dekade. Zwar taten Oasis wenig mehr, als das Beatles-Erbe neu aufzupolieren, um es vom nölenden Gesang Liam Gallaghers als Eigenleistung verkaufen zu lassen, während Bruder Noel Gassenhauermelodien aus der Gitarre hobelte. Die ausgestellte Ungustl-Attitüde war dabei oft unterhaltsamer als die musikalischen Ergebnisse, transportierte sie doch die Renitenz des Rock 'n' Roll und Punk auf ihre Art - während sich heute ja alle so liebhaben, dass es fast nicht auszuhalten ist.

Dazu gab es damals noch einen funktionierenden Tonträgermarkt, und Oasis wurden reich und berühmt und zelebrierten diesen Umstand mit sämtlichen Begleiterscheinungen, für die neureiche Prolos anfällig sind. Ein Bild aus diesen Tagen, als das Quartett wie ein Volksheld vor zigtausenden Fans auf der Bühne stand, ziert nun das Boxset Time Flies ... 1994-2009, auf dem die besten Stücke aus 15 Jahren Bruderzwist, Größenwahn und Absturz in die Bedeutungslosigkeit zusammengetragen worden sind. Für Unverbesserliche gibt es gar eine Fünf-LP-Box selben Inhalts.

Die Wellen, die Oasis mit Songs wie Wonderwall, Supersonic und anderer geklonter Beatles-Kunst einst geschlagen haben, lassen sich heute noch weniger nachvollziehen als in den 1990ern. Damals, als die Band aus Manchester Dinge wie "Wir sind nicht arrogant, bloß die beste Band der Welt" verkündete und dabei übersah, dass Formationen wie Pulp oder Blur nicht nur im Umgang mit der Selbstdarstellung subtiler und intelligenter waren, sondern auch in ihrer Kunst. Spätestens bei Standing On The Shoulder Of Giants (2000) war die heiße Luft endgültig draußen. Über Heathen Chemistry (2002) schweigt man besser ganz, während Don't Believe the Truth (2005) und Dig Out Your Soul (2008) für Oasis-Verhältnisse - keine eigene Idee je von innen gesehen ... - gar nicht so übel waren.

Time Flies ... wird also niemanden neu bekehren. Es ist der Schatten eines selbsternannten Giganten, der der Verführung erlag, an den eigenen Mythos zu glauben. Der Soundtrack zum Hochmut und dem Fall.

THE DIVINE COMEDY
Bang Goes The Knighthood

(DCR/Pias)

Im Vergleich zu Oasis trägt Neil Hannon seine Lieder nachgerade mit abgespreiztem kleinem Finger vor. Der aus Nordirland stammende Chef von The Divine Comedy arbeitet seit zwei Jahrzehnten an seiner eigenen Ästhetik, die in einem dandyesken Kammer- und Teatime-Pop ihre Bestimmung gefunden hat. Nach dem wunderbaren Victory For The Comic Muse kehrt er nun weitgehend unverändert wieder. Zart pikiert, dabei leidenschaftlich detailfreudig, klingt er wie der frühe Bowie, lässt es hübsch zirpen, etikettegerecht streichen und formuliert gewählt seine originellen, wenn nicht gar feingeistigen Lyrics, sodass jeder Englischlehrer seine Freude hätte. Nebst dem eventuell im Zustand eines Damenspitzes verfassten Neapolitan Girl wartet der 39-Jährige mit At The Indie Disco auch mit einem kleinen Zitat-Pop-Hit auf. Well done, Sir! Very well done! (flu, RONDO/DER STANDARD - Printausgabe, 25.06.2010)

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    foto: sony
  •  Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Die britische Band Oasis blickt auf der CD-Box "Time Flies 1994-2009" auf die Bandgeschichte zurück.
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    Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Die britische Band Oasis blickt auf der CD-Box "Time Flies 1994-2009" auf die Bandgeschichte zurück.

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