Blechbrummen

24. Juni 2010, 16:28
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Das deutsche Musikkollektiv Faust beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit der Kunst der Vorläufigkeit - Der Weg ist das Ziel? So soll es sein

Das neue Album Faust Is Last beginnt wie eine Orchesterprobe der Einstürzenden Neubauten - wenn diese noch einen fröhlichen Alleinunterhalter-Orgler und einen sich tief im Hallraum selbstverwirklichenden Melancholiker wie Ricky King an der Fender Stratocaster beschäftigen würden. Brumm und Blech nennt sich das Stück. Es klingt genau so. Und es leitet über in eine auch nicht ohne betitelte Piece namens Imperial Lover, die daran erinnert, dass Pink Floyd einmal Drogen genommen haben könnten, was sie aber mit Humor weggesteckt haben, während irgendwo im Hintergrund die britischen Stahlfabriken kreischend verenden. Wenn man dann die zehn Meter groß machenden Amphetamine und die nahrungsergänzenden russischen Vitamine der Neubauten abzieht, die aus dem letzten Loch des Antonin Artaud krächzende Gesangsdiva und brennende Ölfässer als Perkussionsobjekte in die Rente schickt und durch gewöhnlichere Bauchmaschinen aus dem Geräteschuppen und die Ernte aus eigenem Anbau ersetzt, sprich die Zeit von 1980 noch um einige Jahre weiter zurückdreht, landen wir beim deutschen Musikkollektiv Faust.

Faust existiert seit 1971 (derzeit sogar in zwei Besetzungen, was uns aber nicht weiter zu kümmern braucht) und gilt, abgesehen von einer weitgehenden Nichtbeachtung zu Hause in Deutschland, als musikhistorisch zentraler Ausgangspunkt nicht nur für die spätere Industrialmusik. Mit ihrem vor beinahe vier Jahrzehnten veröffentlichten namenlosen Debüt und dem Nachfolgealbum Faust So Far versuchten Faust damals mittels Klangcollagen, Gruppenimprovisation, Heimwerker-elektronik, Anspielungen auf die Musique Concrete und Dada- und Gaga-Rock, ja, sogar ruppigen Proto-Punks und überhaupt Verhöhnungen damals gängiger Progressive-Rock-Musik das sogenannte musikalische Spektrum ordentlich zu erweitern. Sie verkauften mit ihren Pioniertaten davon in der Heimat gut tausend Stück Schallplatten und wurden wegen ihres brutalen Dilettantismus verhöhnt, in Großbritannien und Nordamerika wurden sie als Sensation gefeiert.

Seither hat sich Faust zigmal gewandelt, umbesetzt, aufgelöst, zellgeteilt. Über die Jahre entstanden aber immer wieder Platten, fanden Tourneen statt, wurde das Label Klangbad gegründet sowie das gleichnamige jährliche Festival im Hauptquartier der Band im süddeutschen Scheer (heuer vom 6. bis 8. August: www.klangbad-festival.de). Kurz, die Band, die bis heute immer den Prozess des Musikmachens und die Vorläufigkeit ihrer Kunst wichtiger nimmt als unveränderliche Ergebnisse, ist sich treu geblieben, weil nichts bleibt, wie es ist.

Jetzt ist mit Faust Is Last nicht nur eine neue Doppel-CD mit neu improvisiertem Material erschienen. In der auf DVD vorliegenden Dokumentation Klangbad: Avantgarde in the Meadows (Faust: Live at Klangbad Festival) kann man diese zentrale - und rüstige! - Band des deutschen "Krautrock" auch live bei der Arbeit beobachten. Parallel dazu wurden auch die ersten zwei Faust-Alben, Faust und Faust So Far, neuaufgelegt. Sie dokumentieren (übrigens weltweit einzigartig seit 40 Jahren noch immer nicht wegen eines unautorisierten Beatles- Samples von Paul McCartney vor Gericht gezerrt!), welch wichtige Brückenfunktion die Band am Übergang der psychedelischen Sixties in die dekadenten 1970er-Jahre hatte. Und es wird klar, warum sich nachfolgende Künstler wie Throbbing Gristle, die Neubauten (wohl eher heimlich), Nine Inch Nails bis herauf zu diversen Techno-Wunderwuzzis auf Faust berufen. (Christian Schachinger, RONDO/DER STANDARD - Printausgabe, 25.06.2010)

  • Faust - Faust Is Last (Klangbad)
  • Faust - Klangbad: Avantgarde In The Meadows (play loud!)
  • Faust - Faust (Universal)
  • Faust - Faust So Far (Universal)
  • Artikelbild
    foto: universal
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