Ufos können mich kreuzweise

24. Juni 2010, 16:26
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Am Samstag kommt Nina Hagen zum Konzert in die Wiener Stadthalle, Gospel-CD und Autobiografie im Gepäck - Über ihr enthaltsames Leben, Mutter-Tochter-Konflikte und schamlose Popkolleginnen im RONDO-Interview

Kürzlich lief ein alter Film im Fernsehen: "Heiraten/Weiblich", noch aus DDR-Zeiten - aus dem Jahr 1975.

Hagen: Ah! Ein Schwank, sozusagen. Das war im Arbeitertheater Bitterfeld und für mich ein Nebenjob. Ich war Sängerin und wollte immer gerne beides machen, Gesang und Schauspiel.

Sie spielten die verliebte Tochter, Ihre Mutter die karrieristische Kühle. Klingt ähnlich wie Ihr wirkliches Leben damals.

Hagen: Meine Mutter war nur in manchen Momenten dominant. Ich habe ihr immer sofort verziehen. Ich liebe diese Frau so abgöttisch und kann sie inzwischen auch in Ruhe lassen, wenn ich ihr zu viel werde. Wir sind ein eingespieltes Team. Wenn ich sie brauche oder wenn unsere Kinder sie brauchen - wir sagen immer "unsere Kinder", als ob wir verheiratet wären - dann ist sie da.

In Ihrer Autobiografie packen Sie sie aber recht hart an?

Hagen: Aber ich schreibe doch über meine Kindheit. Seitdem ist vieles anders geworden. Zwar hat meine süße Mami auch ein Buch rausbringen wollen, in dem sie sehr niederträchtig über meine Lebensabschnittspartner geschrieben hat ...

... gegen das Sie eine einstweilige Verfügung erwirkten. Schon hart, nicht?

Hagen: Sie knallte ein Foto von mir da rein, auf dem ich nackt und schwanger bin, ohne mich vorher zu fragen. Sie dachte nicht darüber nach und meinte, das sei ein toller Moment, ihre Tochter so hochschwanger zu präsentieren. Sie hat nicht an mich gedacht. Das beweist einmal mehr, dass sie glaubt, ich gehöre ihr. Ich bin genauso wild und frei wie alle anderen Menschenkinder auch.

Gibt es Chancen auf Versöhnung?

Hagen: Wenn ich sage, lass uns doch zur Therapie gehen, damit wir uns wirklich näherkommen können, lehnt sie das ab. Ich glaube, dass wir einen Menschen brauchen, der in der Mitte sitzt. Sonst funktioniert zwischen diesen beiden Menschen Eva und Nina keine ehrliche Diskussion. Ich würde gerne mit ihr auf allen Ebenen Frieden schließen. Über Wichtiges sprechen, Vergangenheitsbereinigung betreiben - aber sie sagt: Kann ich nicht, will ich nicht. Ich glaube, das Phänomen gibt es in vielen Familien.

Wie reagierte sie auf Ihr Buch?

Hagen: Wir haben uns unlängst im Club von Cosma (Nina Hagens Tochter, Anm.) getroffen. Dort habe ich gelesen und gesungen. Sie kam wie selbstverständlich auf die Bühne und sang mit. Sie ist ja auch ein Teil von Gottes großer Kinderschar.

Ihre Autobiografie "Bekenntnisse" kennzeichnet ein interessanter Bruch: Ihren Weg zum Star beschreiben Sie sehr diesseitig, ab dem Ende der "Nina Hagen Band" geht es fast nur um Ihren spirituellen Weg. Wieso die Ausblendung?

Hagen: Wenn ich erwachsen bin, muss ich doch nicht jede Beziehung schildern. Ich hatte jedes Mal gehofft, dass es für immer ist und ich in einer richtig guten christlichen Ehe lande. Bin ich nicht. Mein Weg ist Jesus und mein Herzensgebet ist: "Lieber Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir." Wenn ich dann eine von den Menschen bin, die keine irdische Liebesbeziehung leben, dann ist klar: Ich verteile meine Liebe anders.

An "Bis der Tod euch scheidet" glauben Sie nicht mehr?

Hagen: Nein. Meine erste und einzige Liebe ist früh gestorben, und ich suchte weiter als Witwe. Und zum Schluss war es jedes Mal das Gleiche: Es endet in einem Tod. Das ist ein richtiger Tod, wenn eine Liebe verraten wird. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr zu sterben und sagte: Jetzt ist genug gestorben.

Sich nicht mehr zu verlieben, das konnten Sie kontrollieren?

Hagen: Das ist wie mit Zigarettenrauchen: Eines Tages ist dir das weggenommen, du brauchst es nicht mehr und denkst: Komisch, dass ich davon einmal so abhängig war.

Sie leben enthaltsam?

Hagen: Seit meiner letzten Scheidung vor fünf Jahren. Ich wollte aber schon davor im Zölibat leben. Ich brauch das nicht mehr, und ich will das auch nicht mehr. I'm free!

Dem Hinduismus haben Sie auch abgeschworen, Sie sind getauft. Welche Folgen hat das für die Musik? Nie mehr "Om Namah Shivay" auf der Bühne?

Hagen: Nee, das gibt's nicht mehr. Das ist ein krankmachendes Mantra. Man weiß doch, dass ich mein ganzes Leben lang eine absolute Christin war. Im Gegensatz zum Christen George W. Bush will ich aber keine Kriege.

Und was ist mit "Die Ufos sind da - hipp-hipp-hurra"?

Hagen: Ich würde eher singen: Die Peacemaker sind da. Die Ufos können mich mal kreuzweise - im Bibelkurs abfragen.

Das heißt, daheim sind auch alle Räucherstäbchen und Figürchen entfernt?

Hagen: Ja, aber ich bin keine fanatische Räucherstäbchen-Hasserin. Sie machen in der Luft Zigarettengestank weg. Ich mag aber ohnehin lieber Öle ins Duftlämpchen, Lavendel, Orange.

Auf der neuen CD singen Sie Gospel, davor Bigband, Swing - interessiert Sie das Raue gar nicht mehr?

Hagen: Ich habe in den letzten Jahren viele Demos gemacht und schreibe immer noch Lieder, und bald wird es wieder eine richtige Rockplatte von mir geben. Ich habe ganz viele politische Lieder.

Nach einer Lesereise gehen Sie jetzt auf Tournee. Was bedeutet Ihnen das Tourneeleben?

Hagen: Mein Sohn hat vor einem Jahr den Highschool-Abschluss gemacht. Er lebt mit seiner Freundin, baut sich seinen Beruf auf. Ich bin keine Staying-home-Mom mehr und kann jetzt endlich wieder meine Mission weiterführen. Ich bin auf der Welt, um zu singen und für den Frieden zu missionieren. Ich würde mir total bekloppt vorkommen, wenn ich zu Hause herumhängen würde. Was soll ich denn zu Hause?

Zum Beispiel Bücher schreiben?

Hagen: Hab ich doch schon! Zu Hause ist für mich überall. Ich will meine Zeit auf Erden nutzen und freue mich, dass der liebe Gott mein Manager ist. Meine Tour ist von oben gesegnet.

Im Pop gibt es seit geraumer Zeit Tendenzen zur "Verpuppung". Wie gefällt Ihnen diese Entwicklung?

Hagen: Die Puppen tun mir sehr leid. Sie ordnen sich einer Maschinerie unter, werden von ihr hofiert, bekommen sehr viel Geld und haben Konkurrenzverhältnisse gegenüber ihren Kolleginnen. Daran erkennt man, dass etwas faul ist. Man hat zum Beispiel gehört, dass Rihanna und Lady Gaga sich nicht mögen. Und Lady Gaga ist nicht so gut mit Mrs. Be-yoncé. Das zeigt mir, dass dieses System verrottet ist. Es tut mir auch weh, wenn ich sehe, wie Lady Gaga, Beyoncé, Rihanna, Britney und Madonna ständig die Beine breitmachen und ihre dünnen Höschen herzeigen müssen. Da sollen sie doch gleich ins Pornogeschäft einsteigen.

(Doris Priesching, RONDO/DER STANDARD - Printausgabe, 25.06.2010)

  • CD: "Personal Jesus". Koch Universal Music.
  • Autobiografie: "Bekenntnisse". Pattloch
  • "Ich bin auf der Welt, um zu singen und für den Frieden zu 
missionieren." Nina Hagen, fotografiert von Jim Rakete.
    foto: jim rakete

    "Ich bin auf der Welt, um zu singen und für den Frieden zu missionieren." Nina Hagen, fotografiert von Jim Rakete.

  • Preiset den Herrn! - Um Konventionen und Erwartungen schert sich Nina Hagen zeit ihres 
Lebens herzlich wenig. 1979 verlässt sie am Höhepunkt ihrer 
Musikkarriere die Nina Hagen Band und produziert Nunsexmonk-rock,
 eine erfrischend avantgardistische Platte, mit der sie die 
sensationsheischende Presse völlig vor den Kopf stößt. Enttäuscht wenden
 sich jene ab, die von ihr kalkulierte Dauerprovokationen erwartet 
hatten - das waren nicht wenige.   
Den Mut, den es brauchte, 
einen solchen Schritt zu gehen, ignorierten die meisten. Nina Hagen 
erweiterte  damit ihren eigenen Fantasiehorizont und öffnete die Tür in 
die freie Welt der Musikstile: Nach Avantgarde kamen Pop (Angstlos),
 Disco (z. B. mit Adamski), indische Klänge (Om Namah Shivay),  
Schwermetall (mit Rammstein), schließlich Swing und Big Band (Irgendwo
 auf der Welt, Fever).
Jetzt also Gospel. Und erneut zeigt die
 55-jährige Künstlerin ihren treuen Anhängern die Zunge. Der CD-Titel 
drückt die Leidenschaft einer eifrigen Religionsschülerin aus. Ihre 
entschleunigte Version des Depeche-Mode-Gassenhauersist nun 
gewiss nicht, was man mit Gospel gemeinhin verbindet. Egal, davor und 
danach lobt und preist sie mit starker Stimme Vater, Sohn und Heiligem 
Geiste. Die legt sie zwar nicht mehr ganz so schrill über jene sieben 
Oktaven an, in der sie sich früher so gut gefiel. Das rauchige Timbre 
passt gut zu den Huldigungschorälen und fröhlich dahinhopsenden Banjo- 
und Fidelklängen.     
 
    foto: universal

    Preiset den Herrn! - Um Konventionen und Erwartungen schert sich Nina Hagen zeit ihres Lebens herzlich wenig. 1979 verlässt sie am Höhepunkt ihrer Musikkarriere die Nina Hagen Band und produziert Nunsexmonk-rock, eine erfrischend avantgardistische Platte, mit der sie die sensationsheischende Presse völlig vor den Kopf stößt. Enttäuscht wenden sich jene ab, die von ihr kalkulierte Dauerprovokationen erwartet hatten - das waren nicht wenige.

    Den Mut, den es brauchte, einen solchen Schritt zu gehen, ignorierten die meisten. Nina Hagen erweiterte damit ihren eigenen Fantasiehorizont und öffnete die Tür in die freie Welt der Musikstile: Nach Avantgarde kamen Pop (Angstlos), Disco (z. B. mit Adamski), indische Klänge (Om Namah Shivay), Schwermetall (mit Rammstein), schließlich Swing und Big Band (Irgendwo auf der Welt, Fever).

    Jetzt also Gospel. Und erneut zeigt die 55-jährige Künstlerin ihren treuen Anhängern die Zunge. Der CD-Titel drückt die Leidenschaft einer eifrigen Religionsschülerin aus. Ihre entschleunigte Version des Depeche-Mode-Gassenhauersist nun gewiss nicht, was man mit Gospel gemeinhin verbindet. Egal, davor und danach lobt und preist sie mit starker Stimme Vater, Sohn und Heiligem Geiste. Die legt sie zwar nicht mehr ganz so schrill über jene sieben Oktaven an, in der sie sich früher so gut gefiel. Das rauchige Timbre passt gut zu den Huldigungschorälen und fröhlich dahinhopsenden Banjo- und Fidelklängen.

     

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