"Paradies aus Süßigkeiten"

11. Juni 2010, 09:28
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In München präsentiert Alessi sich und seine Designgeschichte in einer Museumsschau: eklektisch, bunt - und ironisch kichernd, findet Alexander Kluy.

In München präsentiert Alessi sich und seine Designgeschichte in einer Museumsschau: eklektisch, bunt - und ironisch kichernd, findet Alexander Kluy.

Mehr als fünfzehn Jahre hat Florian Hufnagl, der Direktor des Münchner Designmuseums Neue Sammlung, all sein beträchtliches Körpergewicht in die Waagschale geworfen. Hat auf Alberto Alessi eingeredet, doch bei ihm in München auszustellen. Bis ihm dann nicht nur der Chef des Familienunternehmens endlich zusagte, sondern für die Schau gleich noch den viel beschäftigten Universalentwerfer Alessandro Mendini mitbrachte - seit mehr als 30 Jahren der quecksilbrige Spiritus Rector und gestalterische Wirbelwind des Familienunternehmens aus der kleinen Ortschaft Crusinallo im Piemont.

Der Endsiebziger Mendini hat sich viel Mühe gegeben, den eigentlich völlig unbespielbaren Sonderausstellungsbereich irgendwie aufzulockern. Erst einmal hat er einen Stock höher drei Modelle platziert, Alessis "Tea & Café Towers" und die von Philippe Starck entworfene Zitronenpres se, die allesamt so groß sind, dass sie ihn selber um Haupteslänge überragen, was kein sonderliches Kunststück ist. Starcks "Juicy Salif" gibt übrigens Alberto Alessi, der 1970 die Firmenleitung übernahm, noch immer Rätsel auf. Ist sie doch für die Küchenpraxis erstaunlich ungeeignet. Sieht aber gut aus und ist bis heute zumindest in Deutschland eines der bestverkauften Haushaltsobjekte aus der Alessi-Produktion. In den fünfzehn Meter hohen Raum hat der italienische Architekt wie schon bei früheren Alessi-Retrospektiven Hans Holleins postmoderne Arkaden gesetzt. Er nutzt sie wieder einerseits als Ausstellungspodest, andererseits als Abschirmung der Objekte von den unterhaltsamen verspielten lustig-bunten Alessi-Werbe-videoclips dahinter. In der Mitte dreht sich Mendinis "Giostra della meraviglie", das im Jahr 2000 von ihm konstruierte, kleine Jahrmarktkarussellchen, in dem sich zu Musik statt Pferdchen Alessi-Töpfe und Pfannen, Kannen und Küchenzubehör auf und nieder bewegen. An den Wänden hängen Zeichnungen. Auf diversen frei stehenden Podesten ist in sehr reduzierter Art und Weise das Werden eines Modells nachzuverfolgen: vom Holzscheit bis zur mehreckigen Espressokanne. Und in schön gebauten Modellen sind Mendinis Alessi-Küchenzeile und das von Wiel Arets entworfene, dezent elegante "Il Bagno Alessi Dot" zu sehen.

Dass die Firma Alessi von Anbeginn an ein Mehrgenerationenprojekt gewesen ist, zeigt die für eine Designausstellung doch recht ungewöhnliche Kombination von Familienfotos aus privaten Alben mit den guten alten Alessi-Bekannten aus Küche, Kredenz und Wohnzimmer. Da wäre die Besteckserie "Nuovo Milano" von Ettore Sottsass etwa, der Wasserkessel von Richard Sapper und Philippe Starcks tatsächlich gebrauchsfähige "Hot Bertaa", Stefano Giovannonis deutlich auf Alessis "Bombé"-Reihe von 1945 Bezug nehmenden bauchigen Edelstahltöpfe und -pfannen namens "Mami", Aldo Rossis "La Conica", Mendinis Korkenzieherkollektion "Anna G." und der Tupfenmannflaschenstöpsel namens "Marcel A. Proust." Sie alle brachten seit Ende der 1980er-Jahre etwas in die Küche, was bis dahin dort kaum bekannt war: Humor. Ironisch kichernde Gerätschaften waren das, die gut aussahen und gut zu gebrauchen waren. Und enthemmt einem hedonistischen Eklektizismus huldigten, der wirklich nichts ausschloss.

Dazwischen, und das zeigt die Ausstellung auch, immer wieder Fehlgriffe: etwa mit dem postmodernen britischen Architekten Michael Graves, dem nur Kreuzbraves einfallen wollte. Auch David Chipperfields Tafel-service "Tonale": geschmäcklerisch, doch ohne Geschmack. Oder, ein besonders krasses Beispiel für ironieresistentes Design, Peter Zumthors hölzerne Pfeffermühle, der deutlich anzusehen ist: Mit dem Kochen hat es der Schweizer Materialminimalist ganz offensichtlich nicht.

Neue Projekte sind auch zu sehen, auch da herrscht angestrengter Pluralismus, allerdings ohne jeden Anflug von Humor. Das trifft auf die spartanischen Stahldrahtkörbe Pauline Deltours ebenso zu wie auf Naoto Fukasawas grundsolide "Shiba"-Kochgerätschaften. Oder auf das weiße Tischservice "Ovale" der Gebrüder Ronan und Erwan Bouroullec: farbenfrei, formal reduziert und in den Entwurfszeichnungen ganz erstaunlich an Morandi-Gemälde erinnernd. Alberto Alessi nennt "Ovale" selber "neoprimitiv". Ob das ein Kompliment ist? Die Bretonen revanchierten sich ebenso zweideutig, indem sie die Fabbrica Alessi als "Paradies aus Süßigkeiten" beschrieben, das sie an Tim Burtons Film Charlie und die Schokoladenfabrik erinnere.

Dass die bunte Zeit vorbei ist, haben die Alessis, Eklektizisten par excellence und sozusagen die Enzenbergers des internationalen Designs, die stets vor dem Winde segelten, rasch erkannt. Das zeigt eine kleine Bemerkung, die in der Ausstellung an unscheinbarer Stelle, in einer der vielen schwer zu lesenden, weil ungewöhnlich klein geschriebenen Objektbeschreibungen, steht (größer dann im schönen Katalog). Darin gesteht der im letzten Jahr verstorbene Seniorchef Carlo Alessi seine Vorliebe für das Design der ersten dreißig Firmenjahre - und kündigte an, über einen Retro-Relaunch jener Modelle nachzudenken. Die Piemontesen haben einfach die Nase im Wind, gleich, welche Generation am Ruder ist. Dafür liegt Crusinallo schließlich auch hoch genug. (DER STANDARD, RONDO, 11.06.2010)

 

  • "Oggetti e Progetti. Alessi: Storia e Futuro di una fabbrica del design 
italiano" in der Neuen Sammlung, Pinakothek der Moderne, München, bis 
19. September. Begleitbuch (Electa Verlag), broschiert im Museum EURO 
35.

    "Oggetti e Progetti. Alessi: Storia e Futuro di una fabbrica del design italiano" in der Neuen Sammlung, Pinakothek der Moderne, München, bis 19. September. Begleitbuch (Electa Verlag), broschiert im Museum EURO 35.

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