Kunst zum Tragen

13. Juni 2010, 11:44
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Das Design-Duo Bless alias Désirée Heiss und Ines Kaag richteten sich im Grazer Kunsthaus ein verspieltes, verwirrendes Wohnzimmer ein.

Das Design-Duo Bless alias Désirée Heiss und Ines Kaag richteten sich im Grazer Kunsthaus ein verspieltes, verwirrendes Wohnzimmer ein.

"Jeder Mensch ist ein Künstler", behauptete Joseph Beuys 1967. Doch nicht jeder Mensch will Künstler sein. Auch nicht die zwischen Berlin und Paris pendelnden Designerinnen Désirée Heiss und Ines Kaag, die, 20 Jahre nach Beuys' These, begannen, miteinander zu arbeiten, und mittlerweile unter dem Namen Bless zu gefragten und höchst erfolgreichen Modemacherinnen wurden. Künstlerinnen wollen sie nicht sein - und trotzdem finden gerade die 1971 geborene Heiss und ihre 1970 geborene Kollegin Kaag sich immer wieder an der Schnittstelle zwischen Mode und Kunst.

Vielleicht liegt es daran, dass sie durch die Verschiebung von Perspektiven, durch einen neuen Blick auf Formen und Funktionen von Gegenständen ganz neue Objekte generieren. Und das erinnert unweigerlich an das Prinzip der Readymades von Marcel Duchamp, der einst mit der Umbenennung eines Urinals in einen Fountain, also einen kleinen Brunnen, die etablierte Kunstwelt vor den Kopf stieß. Mehr als 90 Jahre später werden Bless, die etwa eine Eckbank mit einer Truhe unter der L-förmigen Sitzfläche durch bloßes Kippen zu einem seitlich befüllbaren Schrank machen, eingeladen, ihre Mode, ihre Möbel, ihre Ideen an einem Ort zu zeigen, der kein Laufsteg, sondern eine der größten Kunstinstitutionen des Landes ist: Im Grazer Kunsthaus. Die blaue Blase ist zwar von oben ein Hingucker inmitten der mittelalterlichen Dachlandschaft an der Mur, doch nicht wenige Kuratoren wissen, wie schwer es ist, den Bauch des Gebäudes zu bespielen.

Living-Room

Bless schienen keinen Problem mit dieser Frage zu haben. Gewohnt, mit den Sphären von Innen und Außen, Privatem und Öffentlichem zu spielen, bauten sie einen an manchen Stellen fast intim wirkenden Living-room in die weitläufige Ausstellungsfläche des Space01.Besucher der Ausstellung Bless N° 41 Retrospektives Heim bewegen sich vorsichtig mit dem Respekt eines Eindringlings in einer Privatwohnung zwischen den Objekten, die man anfassen und ausprobieren und - zum Teil - auch im Museumsshop kaufen darf. Ein riesiges ledernes Knautschsofa in der Form eines Autos, das an das "fette Auto" von Erwin Wurm erinnert, Hängematten, die mit altvaterischen Polstern mit Tiermotiven ausstaffiert sind, ein Computer, dessen einzelne Tasten Punchingballs sind, so dass jedes Schreiben dem Aggressionsabbau dient, oder einfach witzig Jacken und Schuhe: Da ist für jeden was dabei.

Das Spiel mit Funktion und Perspektive zieht sich durch die ganze Schau: Ist die Tasche nun ein Armreif oder umgekehrt? Hab ich die Holzschüssel nicht gerade als Pullover gesehen? Und: Hängen da nicht Lampen von Omas Nachtkästchen vom Boden, als ob dieser ein Plafond wäre, während an der Decke Parkett verlegt wurde? Nicht verwirren lassen! Und nicht persönlich nehmen, wenn die mit Bless-Teilen bekleideten Typen, die vereinzelt herumlungern, einem nicht antworten: Es sind Models ohne Pulsschlag: täuschend echt aussehende Puppen. Bis 29. 8. Colette M. Schmidt (DER STANDARD, RONDO, 11.06.2010)

 

  • Wenn sich Bless wie hier über Kabel, oft auch über Aufladegeräte hermachen, sehen diese aus wie zufällig entstandene Schmuckstücke.
    foto: bless

    Wenn sich Bless wie hier über Kabel, oft auch über Aufladegeräte hermachen, sehen diese aus wie zufällig entstandene Schmuckstücke.

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