Krachend ins Unterholz

6. Juni 2010, 18:29
posten

Fußball ist in meinem Garten immer willkommen, er soll dort besprochen und analysiert - aber bitte nicht gespielt werden, pfeift Ute Woltron ab

"Wir passen eh auf!", sagt die rotwangig verschwitzte Nachbarsgörenrotte, die am Rande des Gartens gefährlich Aufstellung nimmt. Einer von ihnen hat die Gerätschaft der Saison, einen brandneuen Fußball, hoffnungsfroh unter den Arm geklemmt, die anderen halten eindeutig schon nach geeigneten Torkonstrukten zwischen den Hecken und Stauden Ausschau.

Das personifizierte Gartenuntergangsszenario also.

"Wenn du das Leder dereinst beherrschst wie Ronaldinho seinerzeit und Messi heute", lautet denn auch die Antwort, "dann reden wir weiter. Wenn du beispielsweise das Kreuzeck lässig drei Mal hintereinander zu treffen vermagst, so wie es auf Youtube von allen Größen der Zunft gelehrt und wie es von euch täglich mehrfach zumindest in der Theorie studiert wird, treten wir erneut in Verhandlungen. Bis dahin: Sofortiger Abmarsch. Hinweg. Nicht einmal dran denken. Hinfort mit euch auf Felder und Fluren und auf die Fußballplätze."

Der letzte Wir-passen-eh-auf-Versuch klafft immer noch als viele Lücken zwischen den Dahlien und Pfingstrosen. Fußball im Staudenbeet ist selbstredend ungefähr so erfreulich für den Gärtner wie Éric-uhhh-ahhh-Cantona seinerzeit für Schiedsrichter und gegnerische Zuschauer.

Fußball in den öffentlichen Raum

Aber warum reden wir hier eigentlich ständig über Fußball? Ist doch eine Gartenkolumne? Egal, es muss eingestimmt werden auf das freudige und jetzt endlich schon knapp bevorstehende Ereignis der Fußballweltmeisterschaft. Eine herrliche Zeit ist das für diejenigen, die sich vier Jahre lang darauf freuen und vorbereiten.

Und wo sollen denn diese armen kleinen Nachwuchskicker zwischen den Matches tatsächlich üben, wenn nicht auf den wohlgepflegten Rasen ihrer Elterngärten? "Wozu ist dieser ganze depperte Garten gut, wenn man in ihm nicht Fußball spielen kann?" stöhnt die Brut aufsässig. Hat ja eh recht.

In anderen Ländern, in denen es auch winters allerdings etwas wärmer zu sein pflegt, müssen sich die nicht so aufregen. Dort gehört der ums Eck gelegene und jederzeit von den ersten, die da sind, bespielbare Fußballplatz zur Alltagskultur dazu. Die öffentlichen Fußballplätze sind dort sozusagen Mitbestandteil der Parks und der öffentlichen Gärten.

Nicht zuletzt deshalb sind die Spanier auch keine schlechte Truppe gewesen bei der letzten Europameisterschaft. Die kicken eben dauernd, schon als Kinder. Müssen ihre elenden Erzeuger nicht scheel anschauen, wenn sie keine Dahlien abrasieren dürfen. Und erst die Brasilianer: Die spielen überhaupt überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit. In Rio zum Beispiel laufen so gut wie ununterbrochen kleine Privatmatches auf den Grünflächen zwischen den Stadtautobahnen - weil's dort praktischerweise Gratisflutlicht gibt. Vom wadelstärkendsten Fußballplatz der Welt, dem Strand, gar nicht zu reden.

Kurzum: Viel mehr Fußball gehörte auch hierzulande in den öffentlichen Raum. Was nützen Parks und Grasflächen, wenn die, von Ausnahmen abgesehen, nur zum Anschauen und Durchwandeln sind, aber nicht benutzt werden können? So werden wir jedenfalls nie Fußballweltmeister werden, das steht fest. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/04/06/2010)

  • Fußball im Staudenbeet ist selbstredend ungefähr so erfreulich für den 
Gärtner wie Éric-uhhh-ahhh-Cantona seinerzeit für Schiedsrichter und 
gegnerische Zuschauer.
    foto: epa / jan hrusa

    Fußball im Staudenbeet ist selbstredend ungefähr so erfreulich für den Gärtner wie Éric-uhhh-ahhh-Cantona seinerzeit für Schiedsrichter und gegnerische Zuschauer.

Share if you care.