Fußball gegen die Apartheid

6. Juni 2010, 17:02
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Auf der ehemaligen südafrikanischen Gefängnisinsel Robben Island half Fußball den Häftlingen dabei zu überleben

Der Durchbruch kam erst, als eine Delegation des Roten Kreuzes 1966 die Insel besuchte und die Gefangenen ihr Anliegen vortragen konnten. Im Jahr darauf kam die Erlaubnis. Zuerst spielten sie in einem Innenhof, später auf großem Feld.

Seine Augen scheinen den Boden abzusuchen. Sedick Isaacs sitzt wie ein Fremdkörper zwischen den Tagesausflüglern, Häftlingsnummer 883/64. Auf seinen eng zusammen gepressten Knien liegt eine hellbraune Ledermappe, die er mit beiden Händen umklammert, darin eine laminierte Kopie seines Haftbefehls. "Wir lagen in Fußketten im Lagerraum, die Überfahrt dauerte eine Ewigkeit", erinnert er sich. Es war der 2. Dezember 1964, der erste Tag von dreizehn Jahren, die er auf der Insel verbringen sollte. Verurteilt wegen Sabotage, war er einer von mehr als 3000 Apartheid-Gegnern, die zwischen 1961 und 1991 nach Robben Island kamen. Im Auf und Ab der Wellen taucht sie für Augenblicke auf, verschwommen durch die bespritzte Scheibe und beinahe farblos vor einem grauen Wolkenvorhang liegt sie im Meer. Nur ein Streifen am Horizont, aber ein Ort, an dem sich Südafrikas Geschichte verdichtet.

Fast 500 Jahre lang wurden auf Robben Island politische Gegner, Verbrecher und Aussätzige gefangen gehalten. Heute, gut zehn Jahre nachdem aus dem Gefängnis ein Museum in einem neuen Südafrika geworden ist, kommen täglich Touristen her, ist die Insel sogar als Weltkulturerbe anerkannt. Jeder Kapstadtreisende kennt den Blick vom Tafelberg auf die zwölf Kilometer entfernte Insel, und viele setzen über, um sie zu besuchen. Am Kai warten Busse für eine Rundfahrt. Die Besucher werden im Zwei-Stunden-Takt über die Insel geführt, fahren durch das Dorf der Wärter, in dem heute die Museumsangestellten leben, vorbei an den Gräbern der Leprakranken und zu den Steinbrüchen, in den die Häftlinge schufteten. Sie sehen das Hochsicherheitsgefängnis von innen, wo 60 Mann in einer Zelle zusammengepfercht wurden, hören einige Worte von ehemaligen Gefangenen, fotografieren die Zelle, in der Nelson Mandela 18 Jahre in Einzelhaft verbrachte, und kaufen ein Andenken im Gift Shop, meistens einen nachgemachten Schlüssel als Symbol des befreiten Robben Island. Und dann, kurz bevor sie die Insel wieder verlassen, übersehen sie linker Hand das Feld, vor Eile die Fähre nicht zu verpassen.

Sedick Isaacs setzt sich auf die hölzerne Mannschaftsbank am Rande des verwucherten Spielfelds. "Als wir hier spielten, war es eine grüne Wiese", sagt er und blickt auf zu den Möwen, die schreien über Robben Island. Er steht auf und geht langsam über das Feld, knipst das Blatt einer Pflanze ab und zerreibt es zwischen den Fingern, riecht daran, erinnert sich. Hier kickten Rangers gegen Gunners, Bushbucks gegen Manong, Dynamos gegen Hotspurs. Samstag war der große Tag. Alle Häftlinge - mehr als tausend Mann - durften dann die Zellen verlassen und zuschauen. "Jeder Verein hatte Fans, die ihn lautstark unterstützten, es war ein wie im Stadion", sagt Isaacs. Die Wärter stellten sich am Feldrand mit Gewehren auf, der Schiedsrichter pfiff das Spiel an - zwei Spiele morgens, zwei Spiele nach dem Mittagessen. Sedicks Augen weiten sich. "Ich kann sie fast spielen sehen und schreien: Los Gunners!", sagt er mit zittriger Stimme. "Mein Freund Anthony Suze, der die gegnerische Seite unterstützt, schaut mich an und sagt: 'Heute gewinnen wir', und ich rufe ihm zu: 'Nein, wir sind viel stärker!'". Dann wird sein Gesicht wieder ausdruckslos.

Die Gefangenen kämpften lange für das Recht, Fußball zu spielen. Jede Woche beantragten sie es bei der Gefängnisleitung, jede Woche wurden die Antragsteller dafür bestraft. Der Durchbruch kam erst, als eine Delegation des Roten Kreuzes 1966 die Insel besuchte und die Gefangenen ihr Anliegen vortragen konnten. Im Jahr darauf kam die Erlaubnis. Zuerst spielten sie in einem Innenhof, später auf großem Feld. Familienangehörige schickten Geldspenden für Trikots, Schuhe und Bälle. Rund 20 Jahre lang hielten die Häftlinge so einen professionell organisierten Spielbetrieb am Laufen. Drei Ligen, neun Vereine, mehr als zwanzig Mannschaften und ein Verband - die Makana Football Association, benannt nach einem Xhosa-Führer, der 1819 bei der Flucht von Robben Island ertrunken war.

Doch das Zugeständnis der Gefängnisleitung diente auch Propagandazwecken: Die südafrikanische Regierung rang um Ansehen in der Welt und Sport auf Robben Island - später auch Rugby und Volleyball - war ein gutes Argument gegen die internationale Kritik an den Haftbedingungen im Land. Die änderten sich kaum, doch für die Häftlinge bedeutete der Fußball ein Stück Freiheit. "Im Steinbruch erzählten wir uns nach dem Wochenende immer wieder, wie dieses oder jenes Tor geschossen wurde", erzählt Isaacs. "Und dann begannen ab Mitte der Woche die Diskussionen über die Spiele am nächsten Samstag - wer würde gewinnen, wer ein Tor schießen?" Man vergaß für kurze Zeit, wie die Schäferhunde gehetzt wurden, wie Rohrstöcke auf nackte Rücken niedergingen oder wie die Arbeit eines Tages im Steinbruch am Abend ins Meer gekippt wurde.

Man vergaß die Beschimpfungen und Schikanen der Wärter. Man vergaß, wie die Essensrationen im Steinbruch nach der Hautfarbe zugeteilt wurden, wie für Tiere in einem Pferch mit einer großen Tonne Wasser. Wer eine dunklere Haut hatte, bekam weniger zu essen.

Charles Korr, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität von Missouri, hat die Geschichte der Makana Football Association studiert, seit er 1997 auf 70 Kisten mit der Aufschrift "Robben Island Sports" gestoßen ist. Mithilfe des Inhalts, hunderten von Briefen und Schnipseln sowie der Makana-Verbandssatzung konnte Korr, damals Gastprofessor an der University of the Western Cape, nachvollziehen, wie der Fußball auf Robben Island organisiert worden war. "Es wurde nicht einfach nur zum Spaß gekickt, die Ligen, Turniere und die Verwaltung richteten sich so genau wie möglich nach internationalen Vorgaben", sagt Korr. Die FIFA-Regeln wurden gewissenhaft abgeschrieben und unter den Spielern verteilt. Vorstände und Mannschaftskapitäne wurden gewählt, Trainer bestimmt, ein Schiedsrichterverband und eine Erste-Hilfe-Einheit gegründet.

"Sie organisierten den Verband so professionell wie möglich, die Vereine schrieben untereinander hochoffizielle Briefe, auch wenn sie in benachbarten Zellen saßen", sagt Korr. Im Gefängnis sein den Häftlingen alles vorgeschrieben worden, aber im Fußball konnten sie sich eine eigene Welt schaffen, und sie versuchten, die Realität nachzuahmen.

Es war auch ein Proben für die Zeit nach Robben Island. Denn viele Spieler und Funktionäre der Makana Football Association sind heute wichtige Persönlichkeiten im demokratischen Südafrika. Jacob Zuma, der aktuelle Präsident Süd-afrikas, war auf Robben Island Mannschaftskapitän der Rangers. Jetzt fällt die erste Fußballweltmeisterschaft auf afrikanischen Boden in seine Amtszeit. "Er war ein guter Spieler, sehr athletisch", erinnert sich Isaacs. "Ich mochte ihn sehr, er war immer für Gespräche offen, und ich glaube, das macht ihn auch heute noch so beliebt bei den Leuten." Auch der derzeitige Siedlungsminister, Tokyo Sexwale, kickte zu Apartheid- Zeiten auf Robben Island. Die Liste ist lang.

Der stellvertretende Präsident des südafrikanischen Verfassungsgerichts, Dikgang Mosenek zum Beispiel, war eine Zeit lang Vorsitzender der Makana Football Association. Der bereits verstorbene Steven Tshwete, erster demokratischer Sportminister unter Nelson Mandela, war Vereinsvorsitzender der Dynaspurs. "Einen Fußballverband zu organisieren - und dieser war nebenbei gesagt besser organisiert, als der auf dem Festland für ganz Südafrika - war ein gutes Training dafür, nach der Gefängniszeit politische Organisationen aufzubauen", resümiert Korr.

Lange Zeit war die Geschichte des Makana-Fußballverbands auf Robben Island kaum bekannt, doch pünktlich zur Weltmeisterschaft wurde sie wieder entdeckt. Schon vorab verlieh der Weltfußballverband der Makana Football Association eine Ehrenmitgliedschaft und der Kinofilm More Than Just A Game machte die Geschichte der Kicker von Robben Island in Südafrika bekannt. (Mirco Lomoth/DER STANDARD/Rondo/04.06.2010)

  • Der Tafelberg.

    Der Tafelberg.

  • Robben Island mit dem Tafelberg im Hintergrund.

    Robben Island mit dem Tafelberg im Hintergrund.

  • Informationen:
Tickets zur Insel kosten rund 15 Euro und sind oft mehrere Wochen im
Voraus ausgebucht. Erhätlich direkt am Nelson Mandela Gateway an der
Victoria and Alfred Waterfront, von wo die Schiffe im Stundentakt
abfahren odervorab per Email (ebookings@robben-island.org.za), Tel.:
0027 /21/ 4 13 42 00.
Kapstadt Tourismusamt
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    Informationen:

    Tickets zur Insel kosten rund 15 Euro und sind oft mehrere Wochen im Voraus ausgebucht. Erhätlich direkt am Nelson Mandela Gateway an der Victoria and Alfred Waterfront, von wo die Schiffe im Stundentakt abfahren odervorab per Email (ebookings@robben-island.org.za), Tel.: 0027 /21/ 4 13 42 00.

    Kapstadt Tourismusamt

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