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Julia Child, arriviert: Da konnte sie schon mehr als Eierspeis', und ihr Mann Paul hatte McCarthy's Bluthunde auch schon hinter sich gelassen.
Den Film Julie & Julia habe ich nicht gesehen, und das wird auch nichts mehr - aber dessen Erwähnung in einem "Einserkastl" veranlasste einen Leser, mir die Autobiografie der Julia Child zu schicken. Ja, auch solche Reaktionen gibt's. My Life in France, das die alte Dame mithilfe ihres Großneffen Alex Prud'homme schrieb, ist 2006 posthum erschienen. Sie war 2004 zwei Tage vor ihrem 92. Geburtstag gestorben - so ungesund kann beurre blanc also nicht sein (Achtung Ironie! Bitte keine bösen Briefe). 2004: Das heißt, Julia Child hat 2003, als Frankreich nicht der Irakkriegs-Resolution im Uno-Sicherheitsrat zustimmen wollte, noch erlebt, dass in den USA die french fries in liberty fries umbenannt und zum Boykott französischer Weine aufgerufen wurde.
Zuerst lag das Buch bei mir zu Hause eine ganze Weile ab; bevor es aber endgültig einen Hautgout entwickeln konnte, schnupperte ich hinein - und gleich schlugen die Butterberge über mir zusammen. Sofort wurde Mastering the Art of French Cooking angeschafft, denn es geht (mir) um dessen Genesis und nicht um Childs spätere Karriere als die Mutter aller Fernsehköche und -köchinnen.
Die Geschichte des ersten amerikanischen "Gebrauchs"-Kochbuchs für französische Küche liest sich wie ein Gruß aus einer anderen Welt (und dann doch wieder nicht, dazu später). Heute, in einer Ära der Kochbücher, die zusammengeschupft werden genau wie das Essen, das in ihnen zusammengeschupft wird, beeindruckt diese profunde Sehnsucht der jungen Amerikanerin nach dem Wissen - der Weisheit -, die dieser französischen Küche innewohnt, und dann, in einem zweiten Schritt, die besessene Pedanterie, die sie ihren Rezepten angedeihen lässt. Nicht aus Arroganz: aus Demut!
Geheimnis der Eierspeis'
Die hat sie gelernt, als sie, schon im Fortgeschrittenenkurs im Cordon Bleu, wo sie 1949 in Paris kochen lernt, von Chef Max Bugnard mit einem entsetzten "Non ... das ist absolut falsch" beim Eierspeismachen unterbrochen wird. Da eine Omelette ein viel schwierigeres Unterfangen ist, nimmt diese dann (mit entsprechenden Zeichnungen) im Kochbuch auch gleich ein paar Seiten in Anspruch. Wer meint, das sei blöd, verwirkt sich das Recht aufs Weiterlesen.
Etwa zehn Jahre hat Julia Child an dem Buch gearbeitet (gemeinsam mit ihren Freundinnen aus dem Cercle des Gourmettes, Louisette Bertholle und Simone Beck) und jedes Rezept akribisch ausprobiert, bevor sie es ihrer Leserschaft zumutete. Auch die Verlage schossen damals die Kochbücher noch nicht aus der Hüfte, und ob die französische Küche überhaupt auf den US-Markt gehöre, war noch eine andere Frage. Aber nicht nur deshalb hat Child liebevoll versucht, ihren zu Hause sitzen gebliebenen Nationals alles nicht nur deppensicher zu erklären bis hin zum zu verwendenden Geschirr, sondern auch ins Amerikanische zu "übersetzen". Deshalb ist das Kochbuch auch ein Buch über Amerika.
Was ganz stark auch für die Autobiografie gilt. Julia und ihr Mann Paul sind als Paar ein Produkt des amerikanischen OSS (Office of Strategic Services), sie lernen sich auf Sri Lanka kennen, eine ihrer Stationen während des Zweiten Weltkriegs. Er wird 1948 nach Paris versetzt - und steckt seine Frau prompt mit dem Paris-Virus an, den er sich als junger Mann in den 1920ern eingefangen hat und der sich dann bei beiden - unter anderem - kulinarisch Bahn bricht.
Verräterischer Homosexueller
Und da kommen dann plötzlich die Sätze wie "We were getting depressed about McCarthy again ...", der von "Texas oil millionaires" unterstützt wird, und irgendwo da ist auch "Pop", Julias Vater, anzusiedeln, aus dessen Briefe Auszüge zitiert werden: "You are all steamed up about what Europe thinks of America ...", und das sei doch gerade das Projekt der "Roten". "Diese Leute, die das rote Abzeichen tragen, müssen exponiert werden. Das ist ein verdammt harter Job, der erledigt werden muss ...". (Ganz wie heute bei Barack Obama, der nicht nur Kommunist, sondern auch Krypto-Muslim ist.)
Paul wird 1955 (da sind sie schon in Deutschland stationiert) als "verräterischer Homosexueller" vor eine McCarthy-Kommission geladen, "situation here like Kafka story" telegrafiert er Julia. Er soll als Offenbarungseid "die Hosen run-terlassen". Paul weigert sich, und sie lassen ihn dann doch in Ruhe. Julia "beendete ihre Hühner-Recherche und fing an, wie blöd mit Gänsen und Enten herumzutun".
Keine Angst, wir stilisieren die kulinarischen Abenteuer einer Amerikanerin in Paris nicht politisch hoch - man kann das Buch, wenn man denn will (ich will nicht), sogar als ein nicht zynismusfreies Dokument darüber lesen, wie es sich als Sieger im Nachkriegseuropa lebte. Great old Julia (1,90 m) weiß, was ihre Franzosen nicht wissen: dass es das alles in dieser Form nicht mehr lange geben wird. Nach Bonn gehen sie gar nicht gern, aber "As my German improved, I began to explore my surroundings". So, und Rezept aus French Cooking hat jetzt keines mehr Platz. Aber wozu gibt es das Buch beziehungsweise die Bücher? (Gudrun Harrer/Der Standard/rondo/28/05/2010)
Julia Child: "My Life in France", Duckworth Verlag, Großbritannien 2009. 368 S., ISBN 9780715639009, EURO 10,99 (nur auf Englisch)
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