Mord und Kahlschlag

30. Mai 2010, 15:20
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Diese schöne Welt wird von Barbaren regiert - im Großen wie im Kleinen, behauptet Ute Woltron

Entlang der B50, der Burgenland Straße, kann man jetzt und auch in den kommenden Jahren anhand der dort geschändeten Alleebäume menetekelhaft studieren, wohin der Weg des Ungeregelten und damit des geringsten Widerstandes führt.

In das Herz der Finsternis, möchte man in unoptimistischen Momenten meinen, in das Grauen, das Grauen.

Der Weg des geringsten Widerstandes in Sachen Alleebäumeschneiden schaut jedenfalls so aus: Ein aller Wahrscheinlichkeit nach männlicher Mensch stand, die Kettensäge geschultert und mit dem Die-Alleebäume-sind-zu-schneiden-Auftrag versehen, vor der Entscheidung, entweder sorgfältig und mit ein wenig Aufwand viele kleinere Äste oder, gänzlich unaufwändig, einen einzigen großen abzusägen.

Im Falle der B50 traf dieser Unmensch deutlich zu oft letztere Entscheidung - und säbelte den größten und schönsten Bäumen am Straßenrand nichts Geringeres als deren gesamte Krone ab.

Wie kommen diese alten, langsam gewachsenen Kreaturen eigentlich dazu? Die Rede ist nicht von irgendwelchen Bäumchen, sondern von großen, vormals stattlichen Alleebäumen. Von alten Linden und Kastanien.

Gewaltige Wunden

Und es schmerzt bis dorthin, wo man früher eine Seele vermutete oder vielleicht sogar eine solche hatte, wie auch immer die zum Teufel beschaffen war, diese großen, traurigen Strünke an den Rändern ihrer gewaltigen Wunden neue Blätter treiben zu sehen. Dem Schnitter, dem dürfte all das wurst sein.

Was soll's? Auftrag erfüllt - so oder so.

Diese schöne Welt, kann es sein, dass sie im Großen wie im Kleinen zumeist von Barbaren regiert wird?

Die einen, und das sind noch die harmloseren Deppen, dürfen ungestraft Bäume köpfen, weil sie halt blöd und faul sind. Die anderen dürfen mit 52 in den vom Rest der Nation bezahlten Ruhestand sinken, weil sie bei der Bundesbahn gearbeitet haben, oder besser ausgedrückt: dort beschäftigt waren, und sich vor langem schon zu diesem und keinem anderen Zwecke zur Macht im Staat verbündeten.

Marodierende Räuberbanden auch andernorts: Sie zapfen Meeresböden an und vernichten ungestraft hunderttausende Kreaturen damit. Sie spekulieren mit Werten, die es nicht gibt, und stürzen ganze Nationen in Krisen. Sie regieren Konzerne, ohne sie zu besitzen, und knechten deren Belegschaften bis auf die nackten Knochen der Existenz. All das kommt einem in den Sinn auf der B50. Nach Neusiedl, vor Eisenstadt. Nach der Zeit der Nationalstaaten, vor - ja, vor was? (Ute Woltron/Der Standard/rondo/28/05/2010)

Tipp
Keine Missverständnisse bitte: Ja, Alleebäume müssen geschnitten werden, mitunter sogar radikal, und Nein, wir sind keine Baumumarmer und Baumkreis-Eso-Heinis, die mit Linden verwandt sind und mit Erlen flüstern. Aber zwischen Kahlschlag und Bäumeschneiden ist ein Unterschied. Und dieser Unterschied sollte von uns allen, die wir Bäume mögen, eingefordert werden von den Häuptlingen, die uns zu regieren und zu verwalten vorgeben.

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    Wie kommen diese alten, langsam gewachsenen Kreaturen eigentlich dazu?

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