Regenschirm herborgen

21. Mai 2010, 10:34
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Pro: "Weil es Sinn macht"- von Sigi Lützow
& Contra: "Der Kreislauf" von Michael Völker

+++Pro
Von Sigi Lützow

Regenschirme eignen sich im Gegensatz zu Speisefischen, die auch zum Zuschlagen nicht hergeborgt werden sollten, hervorragend für diese Gefälligkeit. Schließlich sind Regenschirme ohnehin ebenso flüchtig wie die Contenance. Selbige verlor einst, als der Fußballklub Vienna noch das Oberhaus schmückte, ein in Ehren ergrauter Fan der Döblinger anlässlich eines Heimspiels gegen Vöest Linz, welches für seinen üblen Anhang bekannt war. Auf einen besonders garstigen Vöestler wollte der Vienna-Greis nach einstündiger Schmähung seiner ballesterischen Liebe einschlagen. Einfach nur einschlagen. Allein, es fehlte ihm das geeignete Gerät, um diesen Henker Mores zu lehren. Also griff er mit dürren Fingern nach dem Regenschirm eines ängstlichen Muttersöhnchens, das ebenfalls zur Vienna hielt und, ja, ebenfalls litt. Und er schlug ein auf den Barbaren aus dem Westen, dass die Fetzen flogen. Nie habe ich lieber einen Regenschirm hingegeben, und ich wünschte, die vielen, die ich seither verlor, hätten sich als ebenso nützlich erwiesen.

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Contra---
Von Michael Völker

Es schüttet wie aus Schaffeln. "Hat jemand einen Schirm?", fragt der Kollege unschuldig in die Runde. Hätt ich einen, ich würde ihn jetzt verstecken - und sicher nicht herborgen. Wenn der Kollege einen ähnlichen Umgang mit Schirmen pflegt wie ich, dann würde ich den Schirm nämlich nie wieder sehen. Schirme borgt man sich aus, zumeist gibt man sie nicht zurück. Da steckt nicht einmal Kalkül oder böse Absicht dahinter. Schirme sind dazu prädestiniert, vergessen zu werden. Man betritt ein Lokal, steckt den Schirm irgendwo hin, es hört zu regnen auf, und schon ist der Schirm aus dem Gedächtnis gestrichen. Darum hab ich auch nie einen, den ich herborgen könnte, aber ich borg mir einen aus, den vergess ich dann, und weg ist er. Das ist der natürlich Kreislauf der Regenschirme. Darum kann und will ich dem Kollegen jetzt keinen Schirm borgen, er soll sein jugendliches Haar dem Regen aussetzen oder sich ein Plastiksackerl aufsetzen. Prinzipiell gilt: Regenschirme borgt man sich aus, aber nicht her - und das ist immer eine Frage der Position. (Der Standard/rondo/21/05/2010)

  •  "Hat jemand einen Schirm?", fragt der Kollege unschuldig in die Runde. 
Hätt ich einen, ich würde ihn jetzt verstecken - und sicher nicht 
herborgen.
    foto: der standard

    "Hat jemand einen Schirm?", fragt der Kollege unschuldig in die Runde. Hätt ich einen, ich würde ihn jetzt verstecken - und sicher nicht herborgen.

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