Plastikhaussause

24. Mai 2010, 17:58
5 Postings

Was wäre das Leben ohne Obsessionen, fragt, während sie ein weiteres Glashäuschen zusammenbaut, Ute Woltron

Seit ein Wintersturm mein Glashaus in einer eleganten Drehung aus den Fundamenten riss, in einer der Schwerkraft spottenden Höhe ein wenig rotieren ließ, um es dann, seiner gewissermaßen bereits wieder überdrüssig geworden, nachlässig fallenzulassen, habe ich ein Problem.

Dieses Problem lautet: Ich habe kein Glashaus mehr. Gerade jetzt im Mai fällt mir das wieder einmal besonders schmerzlich auf. Verdammt, so ganz ohne Glashaus heißt das Gärtnern nichts auf 420 Metern älplerischer Seehöhe.

Vor allem dann nicht, wenn es um die Hege und Pflege verehrungswürdiger Geschöpfe der Sonne und der Wärme wie der Pardeiserpflanzen geht. Als Samen und zuletzt sogar als stramme Pflänzchen haben die über Schleichwege und Geheimquellen zu mir gefunden, monatelang wurden diese Raritäten nun begossen, mehrfach umgetopft und gepflegt, sodass sie jetzt das Dach über meinem Kopf zu sprengen drohen.

Kurzum: Die Paradeiser müssen jetzt raus, weil unsere Indoor-Koexistenz beendet werden sollte, bevor sie mich erwürgen, und bevor der Weg durch das Haus zu einer Art Dschungelpfadbeschreitung wird.

Aber - Problem! Man kann diese noch nicht abgehärteten Glashaustanten nicht unakklimatisiert den kalten Winden nächtlicher Wetterstürze überantworten. Und auch untertags lauert eine Gefahr nach der anderen: zu gleißendes Sonnenlicht samt Blättersonnenbrand, blitzschnell über die Berge rasende Hagelkatastrophen, die sich exakt über meinem Garten entladen, böige Windsituationen und andere Heimtücken der im Mai noch nicht stabilen Witterungssituation. Ich sage nur: Glashaus.

Kleinbürgerlicher Vollirrsinn

Nun ist es aber so: Manche Menschen mögen Befriedigung im Erwerb figurschmeichelnder Klamotten finden, anderen wurden vielmehr die Bau- und Grünmärkte zur Boutique. Wo es Erde, Eisenwaren, Samen, Krampen gibt, sind die glücklich. So auch ich.

Nur ein Säckchen Sand hätte es sein sollen, dessentwegen ich auszog in einen dieser Horte herrlicher Kleinodien gärtnerischer Begehr. Zurück kehrte ich mit etwas, was Nichtparadeiserzieher als kleinbürgerlichen Vollirrsinn abtun mögen - und gegebenenfalls haben sie sogar recht. Doch wen kümmert's. In Anbetracht der sechs wirklich praktischen kleinen Tomatenhäuschen - mit kinderpelarinenartigem Kunststoff überzogene Stabkonstruktionen samt Zipp-Türchen -, in denen meine Schönheiten nun halbwegs gesichert über den Mai und die Erben aller Eismänner kommen sollten, befindet sich eine solche Sicht der Dinge jenseits meines auf Ertrag und Lucull gerichteten Sinnenhorizonts.

Eine kurze Überschlagsrechnung ergab, dass ich um die Summe, die für ein neues Glashaus vonnöten wäre, mindestens 180 solcher Kunststoffglashäuschen erwerben könnte, was einer Glashausfläche von 90 Quadratmetern entspricht.

Ich überlege, ob nicht auch das Basilikum, die Scheibengurke, das Pfefferkraut, die Physalis, ja Melanzani, Kardamom und Schwarzbeere, um nur eine kleine Auswahl zu nennen, gar dringend solcher Plastikglasstürze bedürfen. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/21/05/2010)

Tipp
All diese Probleme hat nicht, wer sich auf Wildobst und Wildfrüchte verlegt. Im Idealfall hat man freilich von allem ein gerüttelt Maß. Welche Gaben der Natur jene sind, die frei Haus kommen, verrät das außergewöhnlich informative Buch mit dem Titel Wildobst und seltene Obstarten im Hausgarten von Helmut Pirc.

Erschienen ist es im Vorjahr im Leopold Stocker Verlag in der Reihe Praxisbuch (EURO 14,95). Mehr als sechzig Wildobstarten werden vorgestellt, von der Doldigen Ölweide über die Büffelbeere bis hin zu bekannteren Arten wie Mahonien, wilden Brombeeren und Wildäpfeln. Dieses Buch lädt zu Experimenten ein - und damit zu neuen Obsessionen.

 

  • So wird den Pflanzen selbst in diesem Mai nicht kalt.
    foto: matthias cremer

    So wird den Pflanzen selbst in diesem Mai nicht kalt.

Share if you care.