Bis in die Champions League

20. Mai 2010, 16:53
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Im Zuge des Grazer Designmonats ist die Steiermark auch in Wien zu Gast und zeigt rassiges, ruhiges, futuristisches und bodenständiges Design im Designforum

Alles Denkbare war Design schon: Unsichtbar etwa. Politisch, weil Gestaltung ja nie gänzlich unpolitisch sein kann. Einmal war es Kunst / nicht Kunst. Und subversiv, ein hinter kleinen Pünktchen verschanzter, ironisierender Akt. Oder einfach nur: Superbrav statt subversiv. Dann leiten staubige Sätze wie "Die Kunst, Funktion mit Ästhetik zu verbinden" durch die langen, glatten Korridore der designtheoretischen Diskussion. Und jetzt ist Design auch: steirisch.

Das klingt wie vom Chef kreativ verordnet. Aber Halt! Das © Voves braucht es in diesem Fall nicht. In Wahrheit braucht das Gros der Arbeiten, um die es hier geht, noch nicht einmal die anachronistisch gerührte Werbetrommel des regionalen Ansatzes, der Äpfeln und Wadeln gut steht und der jetzt auch Steirer-Design branden soll. Hier geht es um Design, das aus der Fachhochschule Joanneum Graz kommt und das schon seit längerem zu den besonders intensiv gebündelten Lichtblicken der heimischen Szene zählt. Ob das Woher oder das Wer oder besser doch das Warum im Vordergrund einer Leistungsschau steht, darüber könnte man philosophieren. Ein Mastermind vom Format einer Li Edelkoort - Direktorin der Design Akademie Eindhoven und personifizierte Triebfeder einer ganzen Avantgarde-Generation - findet man nicht so einfach am Straßenrand - wohl auch nicht am Murufer. Doch herausgelöst aus dem Umfeld agieren die steirischen Designer ebenfalls nicht.

Da wäre, neben dem steil gestiegenen Renommee der FH Joanneum Graz - sie wurde in der jüngeren Vergangenheit vom US-Magazin Business-Week unter die sechzig besten Designschulen der Nordhalbkugel gereiht! -, etwa die Energie der Creative Industries Styria (CIS). Dass sich die Stadt Graz um den Unesco-Zuspruch in Sachen "City of Design" müht, überdies Flächendeckendes wie den Designmonat (im Mai) organisiert, fügt sich ähnlich gut ins Bild ein.

Design-Schwarzenegger

Und natürlich gibt es da auch noch Büros und Partner in London, Helsinki oder Deutschland, die den nötigen Abstand schaffen und die Grazer Design-Absolventen zuletzt auch ein wenig wie Arnie wirken lassen. Frei nach dem Motto: So richtig stark wirst du erst im Ausland!

Der Design-Schwarzenegger bleibt bislang aus, aber äußerst fruchtbare Rückkoppelungseffekte zeigen die steirischen Design-Legionäre allemal. Die, die es in die Champions League geschafft haben, bei Nokia Helsinki den Design-Manager geben (Silvia Feichtinger), die Deutsche Telekom um innovatives Potenzial bereichern (Peter Respondek und Dominic Flik) oder vom Londoner Office aus Kunden wie British Airways betreuen (Michael Tropper), blicken heute gern auf die solide Grazer Basis zurück, die Professor Gerhard Heufler mit dem Studiengang Industrial Design in bislang fünfzehn Jahren realisiert hat.

Die großen Tiere und großen Firmen, die in der Vergangenheit mit den Nachwuchsdesignern der FH Projekte umsetzten, sehen das ganz ähnlich. "Die FH Graz ist seit einigen Jahren ein wichtiger Kooperationspartner für die Audi AG", lobt etwa Wolfgang Egger, der Leiter der Ingolstädter Audi Group Design, eine recht konsistente Zusammenarbeit, die er durch ein noch wichtigeres Element charakterisiert sieht - nämlich dem gegenläufigen Naturell dieser Auseinandersetzung. Das erfrischend innovative und kreative Potenzial, das diesen selbstbewussten Umgang von Designstudenten und Global Players prägt, ist denn auch der wahre Treibstoff, der nun im Designforum gezeigten Ausstellung "DESIGN IMPULSE aus der Steiermark".

Aerodynamik-Fahrhilfesystem

Kommunikationsdesign, medizinisches Gerät, und am wenigstens zu übersehen: Speed. Auch darum geht es hier. Der Blick auf Markus Klugs rassige Konzeptarbeit des puristischen Roadsters "Audi Grid", der mit einem innovativem Aerodynamik-Fahrhilfesystem aufhorchen lasst, macht das schnell klar. Hart am Rande des steirischen Auto-Clusters fahren freilich auch andere flotte Gefährte vor: Entwürfe für BMW und Porsche Design, die neue Jetski-Produktlinie "HSR Benelli" und erst recht das von Kiska-Design-Mitarbeiter Marc Ischepp designte, erste Superbike des Motocross-Weltmarktführers KTM (Modell KTM RC8) machen dabei Tempo.

Aber auch sanfteres Rollen schwebt den Grazer Nachwuchs-Designern vor, wobei es zu den besonderen Stärken der als Wanderschau konzipierten Ausstellung zählt, auch den mühevollen, von zahllosen Hindernissen gepflasterten Weg zwischen erstem Prototyp und fertigem Entwurf, zwischen Verve und Rechner ein Stück weit mitzugehen. Das spontan zu einer Art Coverstar mutierte und in Kooperation mit Audi AG Konzept Design München entwickelte Klapprad, das mit einem intelligent "über Kreuz" geführten Klappmechanismus und einer neuartigen Knicklenkung punktet, wäre ein Beispiel dafür. Markus Ofners flexibles, auf verbesserte Outdoor-Anwendung ausgerichtetes Rollstuhlkonzept "Free 4" ein anderes. Wo die Entwerfer all dieser Geräte schließlich ankommen mögen und wohin es sie weiterziehen wird - man darf auch darauf gespannt sein. (Robert Haidinger/Der Standard/rondo/21/05/2010)

DESIGN IMPULSE aus der Steiermark
designforum MQ Wien, quartier21
Museumsplatz 1, 1070 Wien
Dauer: 5. Mai bis 31. August 2010
www.designforum.at; www.cis.at

  • Das Rollstuhlkonzept "Free 4" von Markus Ofner.
    foto: hersteller

    Das Rollstuhlkonzept "Free 4" von Markus Ofner.

  • Das klappbare "Audi Beik" von Lukas Jungmann.
    foto: hersteller

    Das klappbare "Audi Beik" von Lukas Jungmann.

  • Der futuristische Roadstar "Audi Grid" von Markus Klug.
    foto: hersteller

    Der futuristische Roadstar "Audi Grid" von Markus Klug.

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