Alles, nur nicht nackt

20. Mai 2010, 17:22
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Eine Wiener Pop-Prinzessin und ein Floridsdorfer HipHopper im Boxring: Madita und MAdoppelT im visuellen und verbalen Schlagabtausch - mit Ansichtssache

DER STANDARD: Der nackte Körper ist im Pop allgegenwärtig. Ihr habt euch bei unserer Fotostrecke geweigert, Blößen zu geben. Warum?

Madita: Nacktheit ist die primitivste Form, Erotik zu suggerieren. Es gibt dafür auch andere Mittel, Mimik und Gestik. Mein Anliegen ist es, das, was ich zu sagen habe, durch meine Musik zu sagen. Zeige ich zu viel Haut, dann lenkt das bloß von ihr ab.

DER STANDARD: Schaut nackte Haut per se billig aus?

Madita: Natürlich. Als Frau muss man da stark aufpassen.

DER STANDARD: Der Rap spielt stark mit Äußerlichkeiten. Auch du, MadoppelT, zeigst in einem deiner Videos Silikonbrüste. Warum warst du bei unserem Shooting selbst so zimperlich?

MadoppelT: Ich wollte ungern meine nicht vorhandenen Bauchmuskeln zeigen. Aber klar: Der Körper ist das naheliegendste Mittel, Emotionen auszudrücken. Und das setze ich in meiner Musik ein.

DER STANDARD: Allerdings nur den Körper von Frauen. Warum nicht den eigenen?

MadoppelT: Ich habe wenig Scham, den banalen Aspekt von Sex zu zeigen. Wir werden schließlich davon überflutet.

DER STANDARD: Wie gefällt dir die Macho-Attitüde im Rap?

MAdoppelT: Der Rapper ist für mich ein Superheld, die Welt liegt ihm zu Füßen. Diese Facette finde ich cool.

Madita: Diese Haltung finde ich gefährlich. Als Musiker hat man eine Vorbildfunktion. Ich möchte Frauen das Gefühl geben, dass man sich mit seinem Körper nicht gleich prostituieren muss.

MAdoppelT: Man sollte den plakativen Aspekt von Rap nicht mit der Realität verwechseln. Der Rap lebt von einer gewissen Banalität - auch in visueller Hinsicht.

DER STANDARD: Das beinhaltet auch viele Sexismen. Es war dir ein großes Anliegen, beim Shooting nicht "schwul" rüberzukommen. Verträgt sich das mit der Machoattitüde eines Rappers nicht?

MAdoppelT: Da ist sicher etwas dran. Aber ich möchte nicht auf diesen Part reduziert werden. Meine Songs sind teilweise sehr persönlich, sehr verletzlich. Mein aktuelles Album vereint viele Extreme, auch die Videos funktionieren ganz unterschiedlich. Da gibt es die sehr aggressive Nummer, aber auch ein Video wie jenes zu Luft. Das ist richtig schwul, da renne ich im Anzug herum.

DER STANDARD: Was ist an einem Anzug schwul?

MAdoppelT: Mit "schwul" meine ich nicht homosexuell. Der Begriff steht im HipHop, aber auch in der Alltagssprache für etwas Inszeniertes, etwas Ästhetisches.

DER STANDARD: Bushido ist schon öfters durch homophobe Äußerungen aufgefallen. Wird auch er missverstanden?

MadoppelT: Ich will nicht für andere sprechen. Ich verwende das Wort "schwul" kein einziges Mal in meinen Songs. Für mich ist das auch nichts Negatives.

DER STANDARD: Wie groß ist der Druck von Agenten und Plattenfirmen, dass ihr euch ein sexy oder skandalöses Image zulegt?

Madita: Wenn man von keinen Verkäufen abhängig ist, kann man sich jegliche Narrenfreiheit nehmen. Die Kunst besteht darin, interessant zu sein und sich gleichzeitig treu zu bleiben.

MadoppelT: Einen Skandal um des Skandals willen zu inszenieren, kommt für mich nicht infrage. Aber irgendwann will ich auch auf Ö3. Aber mit meiner Musik, nicht mit einem Skandal.

DER STANDARD: Madita, deine Mutter ist Serbin, dein Vater Bosnier. Wie wichtig ist bei Fragen, wie du mit Nacktheit umgehst, dein kultureller Hintergrund?

Madita: Ich identifiziere mich nicht mit meiner Herkunft. Aber ich bin natürlich mit dem Bild, das diese Kultur von Frauen und Männern hat, aufgewachsen. Die Frage, wie edel man rüberkommt, ist wichtig.

DER STANDARD: Wie edel?

Madita: Die primitiv-billige Schiene der Inszenierung ist einem gewissen Kreis vorbehalten. Das ist hierzulande oder in Amerika nicht anders: Beyoncé oder Lady Gaga ziehen für mich auf eine zu einfache Art Aufmerksamkeit auf sich.

DER STANDARD: In deiner Musik thematisierst du Geschlechterfragen kaum. Warum?

Madita: Ich bin in meiner Musik sehr persönlich. Feministische Inhalte handle ich in meinem Alltag ab. Mein Vater ist in Bosnien ein Volksmusik-Star. Ich habe einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Da hat es durchaus Reibereien gege- i i ben, auch bei der Frage, welche Frauenrolle ich verkörpere.

DER STANDARD: Auch in deinem zweiten Leben als Schauspielerin ist die Frage, wie du dich und deinen Körper präsentierst, zentral. Beim Film "Zweiohrküken" hast du eine Tussi mit Riesenbrüsten gespielt.

Madita: Das war eine Prothese. Ich habe mich nicht mit dieser Frau identifizieren müssen.

MadoppelT: Wo ist da der Unterschied, wenn ich in einem meiner Videos Frauen mit Silikonbrüsten zeige oder du im Film als Busenwunder auftrittst?

Madita: Ich würde das nie in einem Videoclip machen. Meine Musik und die dazugehörigen Clips sind mein Fingerprint.

DER STANDARD: Das Ganze war dir nachher unangenehm. In Interviews hast du dich davon distanziert.

Madita: Ja, aber erst nachdem ich eine Anfrage vom Playboy bekommen habe. Ich wollte klarmachen, dass ich die Frau, die ich darstelle, selbst nicht bin.

DER STANDARD: Wie war das Shooting mit dem Playboy?

Madita: Das habe ich nicht gemacht.

(Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/21/05/2010)

Zur Ansichtssache: Visueller Schlagabtausch

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