Schuhen lange Beine machen

16. Mai 2010, 11:39
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Bally ist ein Synonym für Schweizer Schuhhandwerk - auch wenn die Marke mittlerweile im Besitz einer Luxusgruppe aus Wien ist - Stephan Hilpold zu Besuch im Bally-Archiv in der Schweiz

Das Herz von Bally schlägt in einer Kleinstadt im Kanton Solothurn. Im Hintergrund ragen die Kühltürme eines Atomkraftwerks in die Höhe, im Hotel an der Durchzugsstraße serviert man "Gipfeli". Am Nachbartisch unterhalten sich zwei Models über die gerade zu Ende gegangene Modewoche in New York.

Sie sind in Schönenwerd, einem einstigen Bauerndorf unweit von Zürich, nicht die einzigen Fremdkörper - eine Handvoll Modejournalisten hat sich heute morgen angekündigt, das 38.000 Stück umfassende Schuharchiv von Bally zu begutachten. Eine verstaubte Schatzkammer, weit weg von den Modezentren dieser Welt.

"Ende der Zwanzigerjahre beschäftigte Bally mehr als 6000 Menschen", erklärt Erhard Gysin, der schon sein ganzes Leben lang im Dienst der Schweizer Schuhfirma steht. Der Großteil von ihnen lebte in Schönenwerd. Hier gründete der Vorarlberger Carl Franz Bally Mitte des 19. Jahrhunderts seine erste Schuhfabrik. Sie war der Grundstein für die "älteste Luxusmarke der Welt". So steht es zumindest in den Unterlagen des Unternehmens.

"global player"

Um das zu verstehen, muss man angesichts der nicht gerade weltstädtischen Umgebung ein bisschen Fantasie aufbringen. Innerhalb weniger Jahrzehnte stieg das Unternehmen aus der Schweizer Provinz zu einem - heute würde man sagen - "global player" auf. Mit eigenen Fabriken in Südamerika, einer Dependance in London und Vertretungen in Beirut, Kairo oder Wien. Mehr als zehn Millionen Paar Schuhe gingen in den Hochzeiten von Bally über die Ladentische. Heute dagegen verkauft man unter einer Million. Sie werden schon seit einiger Zeit nicht mehr in Schönenwerd gefertigt. Neben einem Outletstore steht hier nur noch das Bally-Archiv - und das Bally-Museum.

Szenenwechsel: Zwei Wochen später während der Modewoche in Mailand. Bally hat sich in einen wunderbaren Palazzo eingemietet. Unter ausladenden Fresken zeigt das Verkaufsteam die Modelle für kommenden Herbst und Winter. Mit dabei die Scribe-Kollektion, die Vorzeigekollektion der Marke, bei der der Träger neuerdings selbst ein Wörtchen mitzureden hat. Er kann sich das Material, die Farbe und das Design selbst aussuchen. Bally fertigt daraufhin das Paar mit vergoldeter Silbersohle, geprägtem silbernen Wappen und dem Namen des Besitzers.

Die Kellner servieren Champagner, auf einem ausladenden Sofa sitzt der jugendlich wirkende Berndt Hauptkron, der erst vor wenigen Monaten bestellte neue Geschäftsführer des Unternehmens. Er ist bei der Beraterfirma Boston Consulting groß geworden und ein Fachmann für die Luxusbranche. Seine Welt sind die Zahlen rund um den schönen Schein.

"Was Bally anderen Schuh- und Modeunternehmen voraus hat", sagt er, ist seine über 150-jährige Geschichte. Auf ihr möchte er aufbauen. Während sich andere Marken ihre Geschichte zurechtschummeln (oder gleich erfinden), müsse man bei Bally nur in die Archive gehen. "Die Heritage", das Erbe, ist das neue Zauberwort in der Branche, es vermittelt ein Gefühl von Sicherheit, es steht für Qualität und Langlebigkeit. Kein Luxusunternehmen, das dieser Tage nicht auf die Traditionsschiene setzt.

Historische Vorläufer

Bei Bally sieht das so aus: Die Designer in Caslano, der Tessiner Zentrale (das Team wird derzeit von Graeme Fidler und Michael Herz geführt), nehmen sich Modelle aus der Vergangenheit vor, die ihnen in die Augen gestochen sind - zum Beispiel einen robusten Skischuh aus den 1950er-Jahren, der in der Version von 2010 mindestens die Hälfte an Gewicht verloren und eine Portion Eleganz gewonnen hat. Auch der edle Zwei-Schnallen-Schuh, der "Fioro", den Til Schweiger in der aktuellen Bally-Kampagne trägt, hat einen historischen Vorläufer. Dieser stammt aus dem Jahre 1908 und müsste eigentlich gar nicht neu designt werden - so elegant und modern sieht er selbst mehr als 100 Jahre nach seiner Entstehung aus.

Das kann man leider nicht von allen Bally-Schuhen sagen. Das Schweizer Traditionsunternehmen gehörte nicht immer zur Speerspitze des modernen Designs. Die Wechselläufe seiner Geschichte spiegeln sich in den schön ordentlich aufgereihten Schuhen in den Vitrinen in Schönenwerd wider. Edle Oxfords wechseln sich mit beigen Gesundheitsschuhen, wechseln sich mit Keilabsatz-Ungeheuern ab. Während sich das Unternehmen in den 60er-Jahren in einer absoluten Hochzeit befand (Bally produzierte damals unter anderem die Bergschuhe, mit denen Sir Edmond Hillary den Mount Everest bezwang), verlor es nach seinem Verkauf an den Rüstungskonzern Oerlikon-Bührle (1977) zusehends an Profil. Billigimporte aus Entwicklungsländern verschärften die Konkurrenz, Missmanagement und unkluge Lizenzvergaben schadetem dem Image. Aus dem einstigen Prestigekonzern war ein Hersteller biederen Schuhwerks geworden. Aufwärts ging es erst wieder, als die US-Investmentgesellschaft Texas Pacific Group den Betrieb übernahm (1999) und die Marke wieder im Luxussegment positionierte.

Labelux-Gruppe

Heute ist Bally im Besitz von der in Wien sitzenden Labelux-Gruppe, zu der auch die Schmuckdesignerfirma Solange, der Lederwarenhersteller Zagliani und das amerikanische Modehaus Derek Lam gehören. Eigentümer von Labelux ist die Joh. A. Benckiser SE, eine Finanzholding der deutschen Milliardärsfamilie Reimann, zu der auch eines der weltweit größten Parfumhäuser, Coty, gehört. Bally ist gewissermaßen das Herzstück einer neuen, sich seit 2008 formierenden Luxusgruppe. Dass diese ihren (Steuer)-Sitz ausgerechnet in Wien hat, ist eine nette Pointe.

Die edle Schuhmarke aus der Schweiz ist in der neuen, unübersichtlichen Welt der Luxuskonglomerate angekommen. Fein säuberlich sind im Schönewerder Bally-Museum die Werkzeuge aufgereiht, mit denen vor 150 Jahren die ersten, noch nicht namentlich gekennzeichneten Schuhe gefertigt wurden. Erhard Gysin kann jedes einzelne beim Namen nennen. Wehmut beschleicht den Produktmanager aus Schönenwerd, wenn er von den alten Zeiten spricht. "Sie sind unwiederbringlich vorbei", sagt er und versucht dabei gar nicht, seine Enttäuschung zu verbergen. Ein Glück für ihn, dass ein klein wenig von der Vergangenheit in den Schuhen von heute weiterlebt. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/14/05/2010)

Am Wiener Graben 12 eröffnet am 1. Juni ein neuer Bally-Flagship-Store.

  • Zwei Bally-Schuhe von 1939.
    foto: hersteller

    Zwei Bally-Schuhe von 1939.

  • Artikelbild
    foto: hersteller
  • Künstler formten das Image von Bally: Ein Plakatmotiv von Bernard Villemot von 1982.
    foto: hersteller

    Künstler formten das Image von Bally: Ein Plakatmotiv von Bernard Villemot von 1982.

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