Kuscheln mit Holz

8. Mai 2010, 18:12
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Elisa Strozyk wurde für ihre "Wooden Textiles" mit dem Nachwuchs-Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Ingo Petz besuchte sie

Dies ist ein guter Ort für Überraschungen: Berlin-Wedding. Der im Norden der deutschen Hauptstadt gelegene Stadtteil ist weniger schick als Berlin-Mitte, weniger hip als Friedrichshain, weniger trendig als Prenzlauer Berg. In Berlin vergisst man ja schon mal leicht, was Normalität eigentlich ist. Aber Wedding wirkt wie ein relativ normaler Stadtteil. Wenn man am S-Bahnhof Wedding landet, sieht man normale Menschen, nicht reich, nicht arm, nicht nur jung, sondern auch Menschen über 60. Die Häuser sind nicht besonders hässlich und nicht besonders schön. Man sieht ein, zwei Cafés, eine Apotheke, einen Imbiss. In einer grauen Straße mit alten und neueren Mehrfamilienhäusern gegenüber des architektonisch tristen Stadtbades, das nur durch die knatschbunte Aufschrift "Then we take Berlin" Aufsehen erregt, geht es in einen verzweigten Hinterhof, in dem es nach Lack und Eisenstaub stinkt. Die S-Bahn rattert vorbei. Alte Beschriftungen erinnern an die Werkstätten, die hier in einer anderen Zeit existierten: Sandbläsereien, Metall-Lackierereien.

Natürlich kommt einem bei so viel brachliegender industrieller Nutzfläche der Vergleich mit Londons Osten in den Sinn, den Künstler und Designer seit geraumer Zeit zu neuem Leben verhelfen. Ähnliches scheint sich in Wedding abzuspielen. Durch ein staubiges kühles Treppenhaus geht es in den dritten Stock. "Deutschland. Land der Ideen", steht da auf einem Schild neben einer schweren Stahltür. Und: "berlindesign.net". Eine junge Frau, ganz in Schwarz gekleidet, mit Pferdeschwanz und keckem Blick öffnet.

Konsequent, schön und überraschend

"Ich hinterfrage das Alltägliche, interpretiere neu, setze das Gewohnte in einen neuen Kontext, und ich mag es, überrascht zu werden", erklärt Elisa Strozyk ihre Arbeitsweise, als wir nach einem Rundgang durch die Werkstätten, die sich Berliner Designer miteinander teilen, in einem hohen weißen Loft-artigen Raum sitzen und die amerikanische Schauspielerin Tallulah Bankhead von einem Bild streng und wissend auf uns hinabblickt. Die zierliche, quirlige Frau, die ihre Beine so lässig über die Sesselkante geworfen hat, ist Designerin. Erst Anfang des Jahres wurde die 27-Jährige mit dem Nachwuchs-Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Für eine Arbeit, die konsequent, schön und - eben - überraschend ist. Strozyks "Wooden Textiles" wurden von der Jury besonders gelobt.

Der "Wooden Carpet" beispielsweise ist ein Teppich, dessen Oberfläche aus mosaikartig verbundenen und diametral arrangierten Holzelementen besteht. Er verbindet die Starrheit, Wärme und Einzigartigkeit von Holz mit der Flexibilität und Formbarkeit von Textilien zu einem ästhetisch eleganten Stück, das nicht nur als Parkett-Teppich-Crossover eine gute Figur abgibt, sondern auch als Decke, Tischdecke - oder alten Möbelstücken eine neue ästhetische Wendung gibt. "In Zukunft werden wir mehr Abfall und weniger Ressourcen haben", erklärt Strozyk. Deswegen müsse man als Designer mehr über die Lebensdauer von Objekten nachdenken. So könnte man beispielsweise Material benutzen, das schön altere - wie Holz eben. Gerafft ergeben die feinen Furnier-Elemente außerdem immer neue Formen, die mitunter eine gewisse Skulpturhaftigkeit und Verspieltheit erkennen lassen. Die freie Kunst, insbesondere Skulpturen, hätten sie immer schon interessiert, sagt Strozyk. Die Eigenwilligkeit von Strozyks Designsprache, die uns mit einem radikalen neuen Blick auf die Eigenschaften und Verwendbarkeit von Holz schauen lässt, hat bereits die internationale Designwelt aufmerksam werden lassen. Erst vor kurzem präsentierte Strozyk ihre "Wooden Textiles" auf der Mailänder Möbelmesse.

Aufbruchstimmung im Textildesign

Der Weg zu den "Wooden Textiles" scheint in Strozyks Lebenslauf vorgezeichnet. Ihr Interesse für kreative Berufe, meint Strozyk, habe sie von ihrem Vater mitbekommen, der Architektur studiert und als Zeichner gearbeitet habe. Sie sei ein sehr haptischer Mensch, sagt sie, spiele gern mit Materialien, freue sich über überraschende Oberflächen, und ein gewisses Interesse für Mode habe sie auch gehabt. Dies hat Strozyk zum Studium Textil- und Flächendesign an der Kunsthochschule Weißensee gebracht. Ein Studium, das sie aufgrund seiner künstlerischen Freiheit und Experimentiermöglichkeit schätzen lernte. "Allerdings wussten wir zum Schluss nicht so ganz, wohin wir mit unseren Ideen und Fähigkeiten sollten", meint Strozyk, "was sicher auch an den schlechten wirtschaftlichen Zeiten lag und daran, dass es in Deutschland kaum noch Textilindustrie gibt." Strozyk beschäftigte sich bereits mit High-End-Textilien, die leuchten können, und nach einem Zwischenstopp in Paris ging sie schließlich nach London, wo sie "Future Textiles" am mit der Industrie gut vernetzten Central Saint Martins "College of Art and Design" studierte. Dort habe es eine richtige Aufbruchsstimmung im Textildesign gegeben, erzählt sie. Eben weil in der Medizin, in der Architektur, überhaupt in der Wissenschaft mit Techniken aus dem Textildesign experimentiert werde und London als Designmarkt sehr groß und vielfältig sei. In der englischen Hauptstadt lernte sie auch, dass das Verkaufen und Präsentieren von Ideen ähnlich wichtig ist wie der eigentlich kreative Designprozess.

Das Studium, erzählt die gebürtige Berlinerin, sei stark darauf ausgerichtet gewesen, sich zu überlegen, welche Designs und Materialien in der Zukunft interessant werden könnten. Deswegen hätte man viel am Computer gearbeitet, animiert und simuliert. Diese materialferne zukunftsorientierte Arbeit hat bei Strozyk den Wunsch geweckt, wieder mit natürlichen Materialien arbeiten zu wollen. Auf Holz sei sie schließlich gekommen, weil sie die Idee inspiriert habe, Holz flexibler oder "flüssiger" zu machen. Zudem habe sie sich in dieser Zeit mit der Idee des nachhaltigen Designs von Jonathan Chapman beschäftigt. So entstanden schließlich die "Wooden Textiles" als Abschlussarbeit in London.

Ohne ideologische Scheuklappen

Es ist offensichtlich, dass Strozyk in die Reihe junger Designer gehört, die Design und Kunst ohne ideologische Scheuklappen näher zusammenbringen. Man sieht dies auch an den anderen Arbeiten Strozyks, die alle das offenbaren, was man einen Design-Twist nennen könnte - an ihren Tapeten, in die sie haptische Muster eingearbeitet hat und die so eine starke Räumlichkeit hervorrufen. Oder an einer von ihr entworfenen Thermotapeten und Thermosticker für Heizungen, die sich mit steigender Raumtemperatur der Raumfarbe oder einem Tapetenmuster anpassen.

Ihre Holztextilien werden Strozyk allerdings noch länger beschäftigen. "Das Material hat einen starken Charakter und ist sehr formbar. Da will ich noch weiter mit experimentieren", sagt sie und lächelt. Ihre Zukunft als Designerin sehe sie eher als Ideengeberin und nicht unbedingt als Produktdesignerin. Auf die Frage, was gutes Design für sie sei, hat Strozyk eine klare Antwort: "Es muss mich davon überzeugen, etwas anfassen zu wollen." Dann schließt sich die Tür an diesem Tag in dem verzweigten Hinterhof im Wedding. Und andere Türen öffnen sich. www.elisastrozyk.de

"Ich hinterfrage das Alltägliche, interpretiere neu, setze das Gewohnte in einen neuen Kontext, und ich mag es, überrascht zu werden." (Ingo Petz/Der Standard/rondo/07/05/2010)

  • Der "Wooden Carpet" ist ein Teppich, dessen Oberfläche aus mosaikartig verbundenen Holzelementen besteht.
    foto: hersteller

    Der "Wooden Carpet" ist ein Teppich, dessen Oberfläche aus mosaikartig verbundenen Holzelementen besteht.

  • Er verbindet die Starrheit und Wärme von Holz mit der Flexibilität von Textilien.
    foto: hersteller

    Er verbindet die Starrheit und Wärme von Holz mit der Flexibilität von Textilien.

  • Elisa Strozyk
    foto: hersteller

    Elisa Strozyk

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