Gas ist rechts

13. Mai 2010, 17:47
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Annäherungsversuche, verpackt im Helfersyndrom: Was Rudolf Skarics erlebte, als er den klügsten und hübschesten Töchtern im Ort das Autofahren beibrachte

So wie andere in Tanzkurse gingen oder zum Reiten, um die Kontaktmöglichkeiten mit dem weiblichen Geschlecht in die Höhe zu schrauben, präsentierte ich mich in meinem Umfeld als begnadeter Autofahrer. Etwas, das unter jungen Männern eigentlich eine Selbstverständlichkeit war, dass man sich nämlich für genial hielt hinter dem Lenkrad, ergänzte ich noch gerne und häufig mit der Frage: Willst du mit mir den Führerschein machen? Ich kannte kein Pardon und machte mich solcherart an die hübschesten Töchter ran.

Es war mit Adele, damals, als man noch ganz privat und ganz ohne Fahrschule den Führerschein machen durfte. Jeder unbescholtene Führerscheinbesitzer, der diesen mindestens drei Jahre ohne Unterbrechung besaß, durfte sich zum Fahrlehrer erklären, um sodann in beliebig vielen Übungsstunden mit einer Schülerin oder einem Schüler der großen Prüfung entgegenzukurbeln. Die wichtigste Voraussetzung seitens des Fahrzeugs war ein Handbremshebel in der Mitte, sodass dem selbsternannten Fahrlehrer in drohender Not wenigstens eine marginale Eingriffsmöglichkeit gegeben war. Mamas VW Käfer war höchst geeignet für dieses Amt. Damals jedenfalls, kristallisierte sich schnell heraus, dass die hohe Kunst des Autofahrens nur marginal zu einem positiven Ergebnis der Prüfung beitragen konnte. Es waren sehr häufig ganz andere Faktoren ausschlaggebend über Sieg oder Niederlage, man könnte sie unter dem brandgefährlichen Begriff "Frau am Steuer" zusammenfassen. Selbstverständlich sind die Prüfungsrituale in den letzten dreißig Jahren verbessert und der Ausbildungsstand des prüfenden Personals angehoben worden, aber letztlich haben wir es immer noch mit Menschen zu tun.

Adele war nett, sehr nett, klein schlank, blond, mädchenhaft hübsch. Sie sollte sich später noch zu einer exzellenten Autofahrerin entwickeln, der Tag der Prüfungsfahrt war jedoch nicht unbedingt ihr Tag – oder doch? Wir wurden von einem Taxi überholt, das sodann vor unserer Nase eine Vollbremsung hinlegte, um rechts abzubiegen. Der Prüfer hinten und ich am Beifahrersitz erwarteten nun, dass Adele bremsen würde. Doch sie tat nichts. Und wir näherten uns rasend dem Heck des Taxis. Während sich der Prüfer auf der Rücksitzbank verkeilte, um beim drohenden Crash nicht umzukommen, zwang ich mich mit aller Gewalt, nicht zur Handbremse zu greifen, denn dies hätte das Ende der Prüfungsfahrt bedeutet. Doch plötzlich war das Taxi abgebogen, also nichts passiert.

Adele hatte noch ein kleines Problem, von dem man sagt, dass es bei Frauen öfter als bei Männern vorkomme: das Lechts-rinks-Syndrom. Doch der Käfer besaß etwas, was es heute nur noch bei echten Geländewagen gibt: einen Haltebügel auf dem Armaturenbrett. Um Missverständnisse in der Kommunikation mit dem Prüfer zu verhindern, vereinbarten wir, dass ich immer so auf den Haltebügel griff, dass der Daumen in die gewünschte Richtung zeigte.

Zum Schluss bat der Prüfer, vor der nächsten Parklücke anzuhalten und nicht einzuparken, denn sonst passiere wirklich noch was, meinte er. Geschafft. Was lernen wir daraus: Adeles gewinnende Art war die Trumpfkarte im Spiel. Der Faktor Mensch ist nie ganz auszuschalten.

Das Gegenteil passierte deshalb mit Jutta. Heute eine erfolgreiche Anwältin, fiel es ihr schon damals leicht, Gesetzestexte auswendig zu lernen. So gelang es ihr spielerisch, alle Unterlagen an einem Sonntag zu erlernen. Sie kam zur Prüfung, schräg aufgedonnert wie Nina Hagen in ihrer wildesten Zeit, und machte die Theorie-Prüfer mit ihrer frechen Art fertig. Doch es gelang ihnen nicht, ihr irgendeine Falle zu stellen. Bestanden. Zur Fahrprüfung kam es jedoch nicht mehr. Ein Formfehler vereitelte das Antreten. Der Käfer war auf Mama angemeldet, und wir hatten keine Vollmacht dabei.

Dann kam Beatrix. Einen Tag vor der großen Prüfung bat sie mich, doch noch schnell eine Runde mit ihr zu drehen, weil sie sich noch nicht sehr sicher fühlte. Ein Schreckensszenario schon beim Einsteigen: Wie hatte sie ihre bereits absolvierten dreißig Fahrstunden bloß überlebt? Sie saß völlig falsch hinter dem Lenkrad, und man hatte das Gefühl, das Auto fahre eher mit ihr als umgekehrt.

Da man gegen lange Beine und in der Folge zu kurze Arme nichts machen kann, rückten wir den Sitz zurecht, stellten die Lehne steiler, zogen das Lenkrad heraus und fuhren zwanzig Minuten lang im Rückwärtsgang zwischen Pylonen Slalom. Dann hatte sie die Herrschaft über ihr Fahrzeug zurückgewonnen.

Wir wissen, dass es für junge Damen ein Leichtes ist, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, wobei sie mitunter auch beim Autofahren nicht vor der hohen Kunst des Multitaskings zurückschrecken. Es ist natürlich nicht einfach, der Tochter klarzumachen, dass Autofahren nicht nur einen ganzen Mann, sondern auch eine ganze Frau erfordert. Schnell kippt man hier in die Rolle des Spaßverderbers. Und sollten Sie sich auf dem Beifahrersitz unwohl fühlen, liegt es sehr oft an zwei Dingen. Erstens: Die Fahrerin lässt sich in die Kurve reinfallen, fährt also mit unverminderter Geschwindigkeit in die Kurve ein und bremst den Wagen erst nach Bedarf ab. Kein Problem, wenn man nicht allzu schnell unterwegs ist, aber am Beifahrerplatz sehr unangenehm. Irritierende Signale sendet auch aus, wer noch einmal auf das Gas steigt, wenn die Ampel in einiger Entfernung gerade auf Rot schaltet. Das ist nicht nur für die Umwelt schlecht, weil es den Verbrauch erhöht, das macht auch die hilflosen Passagiere nervös. Selbstverständlich distanziere ich mich von der Ansicht, dass Frauen schlechter einparken könnten oder einen weniger ausgeprägten Orientierungssinn hätten. Was aber sicher ist: Frauen sind die besseren Autofahrer, und zwar vom ersten Tag an – jedenfalls sagt das die Unfallstatistik. (Rudolf Skarics/RONDO/7.5.2010)

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