Hotel Mama

6. Mai 2010, 17:18
  • Hotel Mama ist nicht nur der Titel mehrerer schlechter deutscher 
Komödien, so nennt man auch einen fragwürdigen Lebensentwurf.
    foto: der standard

    Hotel Mama ist nicht nur der Titel mehrerer schlechter deutscher Komödien, so nennt man auch einen fragwürdigen Lebensentwurf.

Mama mäkelt... - Oder: Mutti, es rinnt!

+++Pro
Von Ronald Pohl

Niemand, wirklich niemand hat den Menschen dazu bestimmt, erwachsen zu werden. Erwachsen sind vielleicht Abteilungsleiter - meinetwegen Weichensteller, Hersteller von Backmischungen oder jene meist schlohfarbenen Experten, die dem Chaos der griechischen Volkswirtschaft einen tiefen, im Urschlamm der Moussaka-Zubereitung nistenden Sinn abgewinnen. Mutter würde nie ein Moussaka zubereiten. Mutter blickt durch fliederfarbene Stores, sooft ihr Kind auf die andere Straßenseite hinübertritt. Sie weint, weil sie sieht, wie der Sohn mit der Baseballkappe auf dem Schopf (was sträubt er sich nur so gegen das Kämmen?) Hosen trägt, die - obzwar auf Halbmast gehängt wie die Fahne einer früheren Sowjetrepublik - seine Gesäßfalte freilegen. Der Bub seufzt nur, wenn er sie sieht. Mutter zerknüllt das Papiertaschentuch. Er wird Bobo werden, beschließt sie für sich. Er wird Latte macchiato trinken, kreativ sein, MGMT hören und den Laptop vor ihr aufklappen. "Er ähnelt mir ja doch", denkt sie, wieder Mut fassend.

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Contra---
Von Karl Fluch

Hotel Mama ist nicht nur der Titel mehrerer schlechter deutscher Komödien, so nennt man auch einen fragwürdigen Lebensentwurf, der die Revolution der Pubertät als langsam aufkeimende und notwendige Abnabelung von den Erzeugern ignoriert. Das führt mittelfristig zwar zu einem Made-im-Speck-Dasein, das relativ frei ist von banalen Alltagsverantwortungen wie Kochen, Waschen, Aufräumen oder Sich-selber-Schnäuzen-Müssen: "Mutti, es rinnt schon wieder!"

Längerfristig aber rächt sich die Unfähigkeit, den Arsch in ein eigenes Leben zu erheben. Nicht nur, dass sich das Hotel Mama als wenig akzeptabel für dort eventuell eincheckende Geschlechtspartner erweist, spätestens wenn Mama ihrem vermeintlichen Lebensinhalt nicht mehr so gut nachkommen kann, wird der Daueruntermieter selbst in die Pflicht genommen. Dann wird's tragisch. Plötzlich soll das Burli oder das Mädi für die Eltern sorgen, dabei kann er oder sie ja nicht einmal auf sich selber schauen. Dann schon lieber die Emanzipationskriege mit all ihren Narben. (Der Standard/rondo/07/05/2010)

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Interessant wäre zu wissen, wie viele der zu Hause bei Mama gebliebenen auch noch Geschwister haben bzw. wie da die Geschlechterverteilung aussieht.
Intuitiv, sag ich mal, dürfte ein hoher Prozentsatz davon in die männl. Einzelkindsparte fallen.
Im Übrigen meine ich, dass die Erfahrung, sich um die notwendigsten Bedürfnisse selber kümmern zu müssen, wichtig und unverzichtbar in der Erziehung der eigenen Kinder ist.

Warum ausziehen, wenns doch eh leiwand ist bei Mama?

Das scheint bei sehr vielen Jugendlichen und auch nicht mehr ganz so jugendlichen das Motto zu sein. In meinem Umfeld (Jahrgang 1960) wollte jeder/jede so schnell wie möglich weg von zu Hause. Egal obs unbequem war (Matraze am Boden als Bett, Klo am Gang und Ölofen, der meist kalt blieb, als Heizung) oder nicht.
Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung war die Triebfeder.

Heute sind die "Alten" oft weniger konservativ als die Jungen. Einschränkungen für die Nesthocker gibts keine, Pflichten im Haushalt meist auch nicht, Kosten (der Begriff "Kostgeld" dürfte weitgehend unbekannt sein) für Essen und Wohnen fallen keine an, quasi Idealzustand.

Ich find trotzdem dass der Auszug so früh wie möglich ein wichtiger Prozess ist.

Oder:

wie es eine Freundin (mit 2 erwachsenen, zu Hause lebenden Töchtern) mir (1 erwachsener Sohn, zu Hause lebend) mir gegenüber ausgedrückt hat: "Früher war ich der Nurmi meiner Eltern, heute bin ich der meiner Kinder." ;-)
Aber es bleibt uns die Gewissheit, dass wir viel toleranter, verständnisvoller sind als unsere Eltern. ;-)

hihi ja und die kinder dieser generation holen sich das, worum sie als kinder dieser ach so jungen unabhängigen und viel zu früh (da nicht existenzgesichert) gebärenden Generation zunächst verkürzt wurden nun eben wieder zurück in dem sie länger verweilen.
Vielleicht auch weil sie den Anspruch haben "meinen Kindern soll es mal besser gehen". Schlecht?
Und außerdem nicht vergleichbar weil der arbeitsmarkt Gehälter/Preise in den 80ern ganz anders waren als heute.

der sartre...

hat auch bei seiner mama gewohnt und zwischen dem verfassen revolutionärer schriften hat er vierhändig mit seiner mama am klavier gespielt.
und mit dem einchecken hatte sartre bekanntlich auch nicht so seine probleme...

etliche der heute alten männer haben sich per heirat eine zusätzliche mutter verschafft, die sie konsequent "mama" nennen. und die "mama" nennt ihn "papa". jetzt wollen frauen keine angeheirateten mamas mehr sein. die söhne bleiben bei mama - und rechtfertigen es damit, sich keine eigene wohnung leisten zu können.
eigenartigerweise wird dieses phänomen nur im hinblick auf söhne erörtert.

Fragt der 6-jährige seine Eltern :

"Wo zieht ihr hin, wenn ich einmal heirate?"

Diese Überlegung hatten tatsächlich meine Eltern. zum Glück blieb es bei deren Sorgen - und nicht meinen. :-)

Das contra vor allem darauf aufzubauen, dass man sich ev. einmal um die Mama kümmern muss, ist ziemlich unsympathisch, Herr Fluch!

Ich hoffe für Ihre Mama, dass Sie noch Geschwister haben.
;-)

Was haben Sie denn von Herrn Fluch erwartet? Lesen Sie nie seine Musikkritiken? :)
Aber Spaß bei Seite, eigentlich haben beide Kommentare eine ziemliche Schlagseite.

Erwachsensein lässt sich doch nicht an der Wohnsituation festmachen. Es ist normopathisch zu glauben, das Ausziehen vom Elternhaus wäre der Einzug ins echte Leben. Viele große Denker haben das Leben mit der Mutter geteilt. Oder sind Sartre und Roland Barthes weniger bedeutend, weil sie lebenslang bei ihrer Mutter geblieben sind? Roland Barthes hat übrigens ein wunderbar-kluges, anrührendes "Tagebuch der Trauer" nach dem Tod seiner Mutter verfasst, mit der er 62 Jahre zusammenlebte.

Das Leben im Hotel Mama ist nicht nur - wie oft behauptet- eine Notlösung für die scheinbar Gescheiterten und Unfähigen, sondern kann auch eine freiweilig gewählte, weil erwünschte Lebensform sein. Diese Wahl soll man jedem/r zugestehen.

die meisten großen Denker

sind nicht besonders lebensfähig und erwachsen.

Ab einer gewissen Dosis abstrakten Denkens scheint es sogar unmöglich zu sein wirklich erwachsen zu werden - schauen Sie sich einmal Programmierer, Astrophysiker und Schachspieler an!

Erwachsen sein

Was soll das sein???

Ich zeige es der Welt schon seit 2001, daß das geht

So Frage am Rande, auch wenn es mich nicht persönlich trifft: Welche Features für die Foren hätten Sie gerne noch unter derStandard.at ?

Bitte

auch den Eltern.

genau

ich kenne jemanden, dessen mutter quasi von ihm erhalten wird und bei ihm wohnt.

interessant auch, daß man auf dem land, wo generationen im gleichen haus/am gleichen hof leben, nie so quasi-abwertend von "hotel mama" spricht.

Hotel ist abwertend?

Wer am Land mit den Eltern zusammenlebt geht oft durch die Hölle. Kein Wunder, dass da niemand von "Hotel" spricht.

Das Landleben entspricht halt auch nicht mehr dem, was man im Fernsehen davon zu sehen bekommt...

Normapathisch... ein schönes Wort, muß ich in mein Repertoire aufnehmen :)

Aber bitte gern. Bedienen Sie sich! Vergessen'S aber nicht beim Verwenden des Wortes mich als Urheberin anzugeben :-)

Übrigens, normOpathisch nicht normapathisch. Obwohl mit a könnt' es auch eine interessante, ganz andere, sinnvolle Wortkomposition ergeben.

Ok, kapiert, normopathisch :)

ja verdammt meine eltern wohnen noch bei mir ;-)

Pro/Contra? Was soll das? Was des einen Glück mag des anderen Leid sein. Ich maße mir nicht an, anderen Normen vorzugeben, nach denen sie erst als "erwachsen" angesehen werden. Aber genau das ist der Grundtenor in unserer Gesellschaft.

tja drum gibts ja auch pro und contra!

? das es pro und contra gibt ändert nichts an der Sinnlosigkeit einer Verhaltensnorm.

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