Und Mama blieb zu Hause

6. Mai 2010, 16:34
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Von den Verheißungen, dem Zauber und den Enttäuschungen ihrer ersten Reise berichten vier von unterwegs

In Salzburg war noch alles bestens

Ein Verbündeter im Schmerz ist nicht immer die beste Reisebegleitung

Meine erste Reise endete allein am Millstätter See. Was schon relativ weit weg von daheim war. Mit dem Austria Ticket hat man ja nicht sehr viel mehr Möglichkeiten als von Norden nach Süden oder von Westen nach Osten oder umgekehrt zu reisen. Der Millstätter See lag für meine Begriffe schon sehr südlich, weil abseits der familiär genutzten Ost-West-Achse. Auf sie beschränkten sich bis dahin meine Urlaubserfahrungen: glückliche Familienzusammenführungen im schönen Montafon, alle zwei Jahre. Einer 16-Jährigen, die soeben Erstkontakt mit Punk und Lebensmittelfarben kam, war das selbstverständlich zu wenig abseitig.

Zudem hatten meine beiden Schwestern das Jahr zuvor gemeinsam Stationen befahren. Ich sah Fotos, auf denen die beiden mit Tramper-Rucksack auf dem Bankerl vor dem Bahnhof in Gmunden saßen und unerhört souverän wirkten. Heldinnen: souverän sein, in der weiten Welt.

Meine Schwestern hatten einander. Ich hatte Sebastian: ein großer Unterschied. Sebastian lernte ich nach der Zeugnisvergabe kennen. Im Biergarten fanden sich unsere Herzen, weil sowohl er als auch ich mit einer Nachprüfung zurande kommen mussten. Wir waren Verbündete im Schmerz.

Rauchen, trinken, reden und schmusen

Das müssen auch meine Eltern gespürt haben, denn als ich nach einer Woche sebastianischen Glücks fragte, ob ich Austria Ticket fahren darf, stimmten sie zu. Obwohl sie Sebastian nie gesehen hatten. Dass sie ihn nie sehen sollten, dafür sorgte ich selbst.

In Salzburg war noch alles bestens, wir übernachteten in einer Jugendherberge und suchten nette Plätzchen auf, um zu rauchen, zu trinken, zu reden und heftig zu schmusen. Die Reihenfolge der Aufzählung entsprach der von uns empfundenen Dringlichkeit. Schnell entdeckten wir Trennendes: Er bevorzugte die Stones, fand Sex Pistols peinlich. Er stand auf Wolfgang Ambros, ich auf Nina Hagen. Mit einem Wort: Es wurde schlicht unerträglich.

In Innsbruck hielt ich ihn schon fast nicht mehr aus und spülte meine Not über den fehlorientierten Reisebegleiter mit Cola-Rot hinunter, und zwar offensichtlich so heftig, dass Sebastian mich ins Zimmer brachte und - ich muss wohl etwas sehr spröde gewesen sein - sich ziemlich rüde zu meinen punkigen Weltanschauungen äußerte. Genau weiß ich's nicht mehr, aber ich glaube, er sprach von "Scheinwelten".

Dass auch er in seiner lebte, bewies er, als er am nächsten Tag vorschlug, gemeinsam zum Millstätter See zu fahren. Ich war noch nicht richtig bei Bewusstsein und wunderte mich, als er im Zug begann, meine Zehen zu kraulen und etwas von Schlafen im Zelt säuselte.

Darauf hatte ich nun aber wirklich keine Lust, und so kam es, dass ich schließlich im Doppelzimmer im Rauschebett landete. Allein. Das Zimmer mit Seeblick gönnte ich mir, den Rat gab mir meine Mama, die ich nach meiner dramatischen Trennung am Millstätter Hauptplatz plärrend anrief. Im Jahr darauf hielt ich mich wieder an die Ost-West-Achse.

Doris Priesching ist Medienredakteurin des Standard


Ausbruch nach Loutraki

Warum eine Maturareise der erste Schritt in ein neues Leben sein kann

Mein Mallorca heißt Loutraki. Aus Kostengründen erkor unsere Maturaklasse ausgerechnet den damals als etwas verschlafen geltenden Heilwasserkurort auf der Peloponnes, unweit von Korinth, zum Ziel unserer Maturareise.

Die meisten in meiner Klasse erwarteten zwei mehr oder weniger Spaß versprechende Abschlusswochen ihrer Schulzeit. Ich dagegen fieberte dem Schlusspunkt einer nervenaufreibenden Teenager-Zeit entgegen (während der "Schriftlichen" bekam ich prompt Feuchtblattern). Anders als die meisten meiner Mitschüler hatte ich damals noch keine Interrail- oder zumindest Österreich-Ticket-Erfahrung. Da war meine Mutter vor gewesen. Sie hatte rigoros jegliche "Ausbruchversuche" meinerseits (so nannte sie das wirklich) verboten, aus Sorge um mein Wohl und meine Gesundheit, wie sie sagte - aus purer Engstirnigkeit, wie ich mutmaßte.

Unsere Auseinandersetzungen waren zermürbend, die Gegenwart erschien dunkel, aber am Ende des Tunnels sah ich Licht: endlich volljährig, Matura, Maturareise. Niemand und nichts sollte mich mehr aufhalten.

Cocktails, Tanz und Liebe

Loutraki war dann freundlicherweise genau so, wie es sein sollte: die Tage sonnig und ölig, die Nächte heiß und öliger, von verschlafen keine Spur. Wir probierten aus, was ging: tanzen bis zum Zusammenbrechen, wach bleiben bis zum Wegbrechen, Cocktails trinken bis zum Erbrechen. Dazu noch junge, große Liebe mit Robert, dem Schulkollegen, garniert mit Souvlaki, Sirtaki, das volle Programm.

Am Ende der zwei Wochen totale physische Erschöpfung, wir waren blass unter der Sonnenbräune. Die meisten verschliefen die gesamte Rückreise.

Ich dagegen war hellwach. Hatte nach meiner Meinung viel erlebt, mutig allen beschworenen Gefahren getrotzt. Doch die Verhältnisse und die Argumente blieben die alten, die Enge wurde noch enger. Einige Wochen später zog ich zu Robert, und auf die Eingangstür meines neuen Heims klebte ich eine Postkarte von Loutraki.

Petra Stuiber ist Chronikchefin des Standard und derzeit in Karenz.


Das erste Mal: Der Duft des Ostens

Eine Reise nach Lemberg, die eine ungarische Schaffnerin vergeblich verhindern wollte

Progrody. Als ich von Progrody las, wurde ich sofort melancholisch. Der Name dieses galizischen Dorfes, in dem der Korallenhändler Nissen Piczenik lebte, wirkte auf mich wie Vogelbeerschnaps um zwei Uhr in der Früh. Er löste heftige Sehnsucht aus, die ich nicht zuordnen konnte, die mir aber sehr erwachsen vorkam. Ich war 18, und ich las Joseph Roth. Und während der Korallenhändler Piczenik sich nach dem Meer sehnte, wünschte ich mich immer mehr nach Galizien, in die Ukraine, in den Osten.

Damals, 1990, schien die Ukraine noch irgendwo bei Sibirien zu liegen, aber mein Vater hatte einen Freund, der bereits nach Lemberg gefahren war. Er gab mir einen fleckigen Stadtplan aus der Zeit der Monarchie und die Telefonnummer von einem Hotel. Meine Freundin B. war bereit, mich zu begleiten. Es war der Sommer nach der Matura, der Eiserne Vorhang war gerade gefallen. Und ich hatte genug vom faden Frankreich und Italien.

Wir stiegen in den Zug nach Budapest. Dort roch es nach ungarischem Bahnhof. Ich dachte selig: "Das also ist der Duft des Ostens." Die Kartenverkäuferin hinter der Glasscheibe ignorierte mein Glück, sie redete stattdessen ungarisch. Ich sagte: "Lemberg, Lviv, Lvov. Ticket, please." Sie sagte: "Nem." Ich bettelte. Sie schüttelte den Kopf. Bisher waren mir Ungarinnen nicht feindselig erschienen. Sie kamen jeden Sommer auf Besuch, in Gestalt von Tanten, namens Ildiko und Emöke. Und ich beschloss, dass auch diese Ungarin mich nicht von meinen galizischen Sehnsüchten fernhalten konnte.

DDR-Gurken und DDR-Käseeckerln

"Komm!", sagte ich zu B. Und wir stiegen in den Zug nach Lemberg. Eine uniformierte Dame mit soldatischem Schritt stellte sich vor die Tür des Abteils, in dem wir saßen. Ich sagte: "Ticket please." Sie schüttelte den Kopf und sagte: "No ticket." Ich streckte ihr zehn Dollar entgegen. Sie nahm das Geld. Ich sagte: "Ticket please." Sie sagte: "No ticket. Sit down!" Den Zöllnern gaben wir bereitwillig unsere Marlboro.

B. und ich verbrachten eine sehr kurzweilige Woche in Lemberg. Wir gerieten mit zehntausenden Ukrainern in ein Bischofsbegräbnis. Wir ernährten uns von eingelegten DDR-Gurken und DDR-Käseeckerln. Die Verkäuferin hatte den Preis mit einem hölzernen Abakus errechnet. B. verliebte sich in einen niederländischen Piloten, mit dem sie in der Lobby des Hotels tanzte. Ich verhandelte jeden Tag mit dem Hotelmanager, damit er uns weiter in dem durchhängenden Eisenbett schlafen ließ. Jeden Morgen bat ich einen Taxifahrer, mich zu dem jüdischen Friedhof zu bringen. Er führte mich überall hin, nur zu dem Friedhof nicht. In einem Museum trafen wir aber einen Mann mit weißem Bart. Ich hörte das erste Mal Jiddisch, dachte an den Korallenhändler und war mir sicher, dass ich mich mitten in einem Roman befand und diese Szene gerade von einem Autor erzählt wurde. Ich war - wie gesagt - 18.

Als ich zurückkam, bemerkte ich sofort, dass sich meine Eltern keine Sorgen gemacht hatten. "Wohin muss ich eigentlich reisen, in welche Abenteuer muss ich mich stürzen, damit ihr euch Sorgen macht?", dachte ich mir. Ich verstand erst später, dass sie dies nicht mehr tun würden, weil sie mich für erwachsen hielten. Im Sommer 1990 öffnete sich für uns eine ganze Welt. Endlich durften wir in den Osten reisen und tun das noch immer.

Adelheid Wölfl ist außenpolitische Redakteurin des Standard.


Heiße Tränen in Paris

Mit acht Jahren heult die Tochter - als die flügge wird, ist die Mama dran

Zugegeben: Es ist lange her und nur schemenhaft in meinem Gedächtnis. Eine ganz wichtige Rolle spielte eine Tafel Schokolade, die ich zwischen Socken und Unterhosen in meiner Sporttasche mit einer Schleife umwickelt fand. Ich sollte sie beim Pyjama-Anziehen finden, so hatte das meine Mama geplant. Ich war acht Jahre alt und zum allerersten Mal allein unterwegs: mit meiner Volksschulfreundin Evelyn und ihren Eltern, die eine Almhütte im Salzburger Lungau besaßen.

Ich erinnere mich diffus, dass ich mich mutig fand, so allein unterwegs. Wie es dort aussah: keine Ahnung. Was wir gemacht haben: Weiß ich nicht mehr. Einzig die Schokolade ist mir im Gedächtnis geblieben und die Worte meiner Mutter beim Abschied: "Komm gut zurück!" Abends wartete ich, bis meine Freundin eingeschlafen war, und dann heulte ich los: Ich vermisste meine Mama, weil ich wusste, dass sie mich genauso vermisste.

Auf mich allein gestellt und stolz

Gut 14 Jahre später besuchte sie mich in Paris, wo ich - nach der Matura - ein Jahr studieren durfte. Paris war schön, aufregend und hart. Ich war auf mich allein gestellt und stolz, dass ich mich durchboxte, glücklich war und endlich kein Heimweh mehr hatte. Als dann meine Mama zu Besuch kam, wollte sie dort anknüpfen, wo unsere Beziehung aufgehört hatte: Ich die Tochter, und sie die, die wusste, wie das Leben so geht. Aber das passte nicht mehr. Im Gegenteil: Sie irritierte und verwirrte mich. Hier, zwischen Café Les Deux Magots und Les Halles, wollte ich nicht mehr die Tochter sein. Eines Abends gegen Ende ihres Besuchs kam ich unerwartet in ihr Zimmer und sah sie weinen. "Weil du jetzt erwachsen bist", sagte sie nur.

Karin Pollack arbeitet für den MedStandard und das RONDO.
(Der Standard/rondo/07/05/2010)

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    Ganz schön spannend, die erste Reise ohne Eltern.

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