Sommer im Gesicht

9. Mai 2010, 18:01
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Die Make-up-Macher greifen tief in die Retro-Kiste und frischen für den kommenden Sommer Bilder aus den 1960ern und 1970ern auf

Wer sich seufzend fragt, wer bitteschön die Mode vom Laufsteg der Saison tragen soll, wer wohl die Auserwählten sind, die über drei Grundvorraussetzungen, Figur, Geld, Mut in ausgewogener Formel, verfügen, könnte auch bei den saisonalen Make-up-Kollektionen was zum Seufzen finden. Aber viel weniger. Denn immerhin: Figur spielt keine Rolle, Geld schon, aber bei weitem nicht in diesem Ausmaß. Und Mut? Ja, darum geht's. Mehr noch als bei der Kleidung herrscht beim Make-up die Ansicht, dass man, so einmal gefunden wurde, was einem steht, dabei bleiben möge. Denn das Gesicht ändert sich in der Grundstruktur ja nicht. Weit gefehlt, leider. Hier fallen Selbstwahrnehmung und Realität meist auseinander. Das täglich geprüfte Spiegelbild wird nicht neutral bewertet und morphologisch untersucht. Veränderungen im Hautton werden wahrgenommen, Linien erst, wenn sie zu Falten werden, altersbedingte Veränderungen der Proportion meist gar nicht. Und dass diese drei Entwicklungen im Zusammenspiel ein anderes Gesicht ergeben, erkennt eigentlich nur der Profi. Und dem kann man ruhig trauen, wenn er drauf aufmerksam macht, dass Kajal am unteren Lidrand vor zehn Jahren besser ausgesehen hat und dass der knallrote Lippenstift nur dann gut aussieht, wenn man genügend Zeit hat, die entsprechende Make-up-Unterlage vorzubereiten.

Ist die einmal vorhanden, geht es raus auf die Sommer-Make-up-Spielwiese. Tom Ford etwa hat mit der brandneuen Zwölffarbenkollektion The Private Blend Lip Color die großen Klassiker von Hollywood-Rot bis zum zartesten Rosa in einer luxuriösen Textur mit Soja und pflegenden Ölen im Angebot.

Les Pop-up

Mehr Mut braucht man für die Chanel- Make-up-Kollektion des kommenden Sommers. Les Pop-up heißt die Kollektion. Und Popart ist gemeint. Wilde Plastikfarben, die an eine Zeit erinnern, als Experimentieren oberstes Gebot war, befriedigen den Spieltrieb. Manches daraus wie der Minzeis-farbene Nagellack namens Nouvelle Vague sind wohl nur einen Sommer lang aushaltbar. Anderes wie die "Gloss fluo" sehen auf den ersten Blick aus wie ein Leuchtstift, erscheinen aber nach Anwendung so zart, dass sie künftige Jahreszeitenwechsel überdauern. Wer die Popart nicht auf der Haut will, kriegt's auf die Nase. Um den Look komplett zu machen, bietet Chanel eine Sonnenbrille mit dickem weißem Rahmen - fertig ist der Edie-Sedgwick-Lookalike.

Die Zukunft hatte man auch bei Yves Saint Laurent im Visier. Die Kollektion heißt nicht umsonst Solaris. Starke Farben wie Yves Klein-Blau fürs Auge oder ein Violett für die Fingernägel brauchen ein bisschen Mut. Aber die Basisprodukte der Kollektion geben den Melonentönen für die Lippen und Pfirsichtönen für die Wangen einen soliden Rahmen. Das Bronzing Powder "Saharienne" ist eine Nachricht in eigener Sache, mit der die Yves-Saint-Laurent-Make-up-Leute an den Erfinder des gleichnamigen Luxus-Imperiums erinnern. Der Meister erhob die Kleidung der Afrika-Abenteurer in den 1970ern zum Look. Die "Saharienne" vulgo Safari-Jacke wurde von der Kalahari auf den Pariser Laufsteg gehoben und hat dort seither einen Fixplatz.

Auch Lancôme hat den eigenen Firmenmythos bemüht und die aktuelle Farbenkollektion "O my Rose" getauft. Ein gelungener Griff in die Retro-Kiste bietet nicht nur für jede etwas, sondern auch eine Reihe technischer Neuerungen: etwa Farben, die trocken oder nass aufzutragen sind, oder ein "Khol"-Gloss, für das man sich Anwendungstipps beim Profi holen sollte.

Tadelloses Sommergesicht

Beim Thema Sonne liegt Lancaster auf der absolut sicheren Seite. Zuerst muss die Pflege stimmen, dann die Hauttonabstimmung, erst dann kann Farbe drauf. Zentrales Produkt der Farbkollektion 2010 ist der Face Luminizer mit Schutzfaktor 15. Die getönte Tagescreme schützt und gleicht Hauttonunterschiede aus. Dann kann gut und gerne einer oder mehrere der kontrastierenden Farbtöne aus der Palette "Kaleidoscope"aus der Kollektion "Infinite Bronze" drauf.

Besonders lustvoll bei minimaler Farbkatastrophen-Gefahr ist man mit Bobbi Brown unterwegs. Die maximale Farbenpalette, die besten Pinsel und ein paar Profitipps machen ein tadelloses Sommergesicht. Clinique legt einen Fokus auf die Lippen. Der Vitamin C Lip Smoothie, ein Gloss in Obstfarben, wirkt antioxidant und erfrischend, hat aber den kleinen Nachteil, dass man immer ein wenig diffusen Appetit hat.

Fazit: Sommer ist eine gute Zeit, Schminkgewohnheiten zu überprüfen. Die Spielwiese ist bereit. Es muss ja nur eine Saison währen. (Bettina Stimeder/Der Standard/rondo/07/05/2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sommerlicher Augenaufschlag

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