Doge für eine Nacht

  • Quallenluster
    foto: aldo&christiana martinelli / palazzina grassi, ivan terestchenko / palazzina grassi

    Quallenluster

  • Spiegelkabinett
    foto: aldo&christiana martinelli / palazzina grassi, ivan terestchenko / palazzina grassi

    Spiegelkabinett

  • Philippe Starck griff tief in die Klischeekiste, die Bodenkeramik in der
 Schauküche wurde eigens produziert.
    foto: aldo&christiana martinelli / palazzina grassi, ivan terestchenko / palazzina grassi

    Philippe Starck griff tief in die Klischeekiste, die Bodenkeramik in der Schauküche wurde eigens produziert.

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    foto: aldo&christiana martinelli / palazzina grassi, ivan terestchenko / palazzina grassi

Nichts für Spiegelphobiker: Die Palazzina Grassi, Philippe Starcks erstes Hotel in ganz Italien, ist rundherum mit hunderten von Spiegeln übersät - Wojciech Czaja fühlte sich eine Nacht lang wie ein Venezianer von Welt

Es gibt keine Rezeption. Wer hier absteigt, der hat bereits auf der Fahrt vom Flughafen oder vom Bahnhof Santa Lucia eingecheckt. Abgeholt wird man mit der hauseigenen Celli, einem schnittigen Holzboot, Baujahr 1962. Der Fahrtwind streift einem durchs Haar, als wäre man Bond auf Mission. Auf Wunsch gibt's Martini. Nach 15, spätestens 20 Minuten hat man das temporäre Domizil erreicht. Direkt neben dem fetten Palazzo Grassi, in dem die Werke des französischen Kunstsammlers François Pinault zu sehen sind, taucht schüchtern zwar, aber unübersehbar die kleine Schwester namens Palazzina Grassi aus dem Kanal.

Kein Wort, kein Schild, kein Stern an der Fassade. Stattdessen prangt über dem Portal eine gläserne Skulptur von Aristide Najean. Die Maske von der benachbarten Insel Murano zeigt einen bunten, stilisierten Stierkopf. "Die Zurückhaltung ist Teil des Konzepts", sagt Manuele Garosci kurz und bündig. "Wer uns sucht, der findet uns auch." In seinem früheren Leben war Garosci Autorennfahrer. Statt Siege fuhr er nur Niederlagen und Knochenbrüche ein. Heute ist das anders. Vor ein paar Jahren gründete der heute 37-jährige Mailänder das Label Design Hotel Development (DHD). Die Palazzina Grassi ist bereits sein zweites Luxushotel in der Lagunenstadt.

"Venedig ist eine wunderbare Stadt, doch sie gehört den Touristen", sagt er, "ich wollte daher einen Ort schaffen, an dem sich der Gast für ein paar Tage wie ein richtiger Venezianer fühlen kann." Durch Zufall stieß er auf diesen leerstehenden Palazzo aus dem 16. Jahrhundert. Ursprünglich als Badehaus genutzt, wurde daraus im 20. Jahrhundert ein ordinäres Bürohaus mit Schreibmaschinenklackern und klappernden Ventilatoren. "Das war eine geschichtsträchtige Schatulle. Ich war davon überzeugt, dass man daraus etwas Großartiges zaubern kann. Der beste Verwandlungskünstler, den ich kenne, ist Philippe Starck. Ich musste sofort an ihn denken."

Karneval der Tiere

Nach nur sieben Monaten Bauzeit geht die Tür auf. Man taucht ein in eine dunkle Welt aus surrealen, bisweilen bedrohlichen Motiven. Auf dem Teppich räkeln sich Hühnerhaxen und Fischskelette, aus der Wand wachsen gläserne Geweihe heraus, von der Decke hängen Porzellanluster, die aussehen, als würden sich sabbernde, triefende Quallen daran festhalten und geschmacklos ihren gläsernen Gallert zu Boden triefen lassen.

Ähnlich sinister geht es in der Lobby zu. Fauteuils und Sitzgarnituren aus Holz, Fell und Acrylglas, unverkennbare Kreationen von Monsieur Starck, sind zu einer intimen Insel in der Raummitte gruppiert, dazwischen protzige Kandelaber aus Plastik und Metall, daneben ein Haufen von ledernen Reisekoffern. Thomas Mann und Agatha Christie sind kurz auf die Toilette entschwunden. "Signore, das sind die Zehner-, Zwanziger- und Dreißigerjahre, Venedig war damals groß im Geschäft, vor allem in der Literatur", erklärt Garosci, "diese Ära war prägend und muss unbedingt festgehalten werden."

Verschnörkelt und verspielt ist auf der Türschwelle die Zimmernummer eingraviert: 218. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Was eben noch dumpf und zappenduster war, entfaltet sich plötzlich zu einer watteweichen Himmelsresidenz in Weiß und blassem Rosé. Die Orientierung ist leicht zu verlieren angesichts der 40, 50 Spiegel im Raum. Doch dafür ist man niemals allein. Oder, wie Philippe Starck es ausdrückt: "Was wäre Venedig ohne seine Spiegel? Die Palazzina Grassi ist wie ein stilles Gedicht, in dem der Besucher sich selbst und die Geschichte der Stadt wiederfinden kann."

Das Frühstück ist angerichtet

Und zwar überall: vor dem Bett, hinter dem Bett, neben der Garderobe, in der Dusche, über dem Waschtisch, auf der Terrasse. Ja sogar die Schränke und Kommoden sind rundherum mit Spiegeln und Gravuren versehen. Dank modernster LED-Technik kann der Gast jede erwünschte Lichtstimmung erzeugen. Den Schalter nach oben gedrückt wird Zimmer 218 zu einem gleißenden Operationssaal, nach unten gedrückt verwandelt es sich in einen schummrigen Erotikpalast. "Signore, fühlen Sie sich wie in einer hübschen, venezianischen Wohnung! Gute Nacht!"

Obacht: Bis spätestens fünf Uhr in der Früh sollte man das ausgefüllte Frühstücksformular vor die Zimmertür gelegt haben. Der bürokratische Akt macht Freude: Man kann sich aussuchen, wann und wo man die "prima colazione" zu sich nehmen will. Zur Auswahl stehen Restaurant, Klubraum, Terrasse sowie das eigene Zimmer. Serviert wird rund um die Uhr. Herrlich die pochierten Eier mit Büffelmozzarella, am besten irgendwann am Nachmittag. Sobald der Tisch an der frischen Luft gedeckt ist, läutet das Telefon. "Buon giorno, signore. Das Frühstück ist angerichtet. Buon appetito!" (Wojciech Czaja/Der Standard/rondo/29/04/2010)

Palazzina Grassi: www.designhotels.com/palazzinagrassi
Tel.: 00 800 37468357 (kostenfrei)

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