Design

Formlos anbandeln

29. April 2010, 15:41

Die wichtigste Möbelmesse der Welt, der "Salone Internazionale del Mobile", endete vor kurzem in Mailand

Thomas Edelmann brachte ein paar ausgewählte Stücke mit.

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Autoblüte

Autoevents gibt es auch in Mailand zuhauf, doch aus vielen schnell vergessenen PR-Gags stach das "Dwelling Lab", ein Kooperationsprojekt von BMW, der dänischen Textilmanufaktur Kvadrat, der italienischen Leuchtenfirma Flos und den Designern Adrian van Hooydonk,Patricia Urquiola und Gulio Ridolfi heraus. Vom Auto, einem BMW 5er Gran Tourismo, war auf den ersten Blick kaum etwas zu sehen. Eine expandierende Architektur, ein multiples Gedankengebäude schien das Auto nach allen Seiten zu erweitern und auch zu sprengen. Allerlei Alltagsgegenstände, die man im Auto ständig mit sich nimmt oder doch dabei haben könnte, wurden hier aufgereiht und von leuchtend gelben Bändern fixiert. Doch nicht nur das: Alle sichtbaren Teile, ob Auto oder Zuladung waren umwickelt, bespannt und kaschiert von einem ungewöhnlichen, zum Teil dreidimensional ausgeformten Stoff. Das Auto als Archetyp, das einem geheimen Naturgesetz zufolge scheinbar stets komfortabler und luxuriöser, nicht unbedingt aber praktischer variabler werden muss, haben die Designer von innen her neu interpretiert. www.bmw.com; www.kvadrat.dk; www.flos.com

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Auch in Zukunft wird das Deutschschweizer Unternehmen Vitra natürlich wohldurchdachte Sitzmöbel entwickeln und verkaufen. Messegespräch aber war "Chairless", ein Produkt des chilenischen Architekten Alejandro Aravena, das in der Mitte des Standes ausprobiert werden konnte. Ein Freund hatte Aravena auf die Gewohnheit des indigenen Stammes der Ayoreo hingewiesen, die, sobald sie in der Hocke sitzen, sich ein endloses Stoffband umlegen, das Rücken und Oberschenkel abstützt, die Hände aber freilässt. Aravena hat daraus ein flexibles Polyamid-Band gemacht, mal schmaler, mal breiter geformt, das moderne Nomaden mit sich führen, um es auf Reisen, am Flughafen oder in der Bürobesprechung zum entspannten Sitzen zu benutzen. www.vitra.com

Kurvendetail

Nahezu alle Polstermöbel-Neuheiten von B&B Italia sind in diesem Jahr mit abgesetzten Ziernähten versehen. Auch das Sofa "Bend" von Patricia Urquiola zeigt stolz seine Nahtstellen in Farben, die jeweils mit dem Bezugsstoff kontrastieren. Seinem Namen macht das Sofa alle Ehre, seine äußeren Formen springen einmal vor, ziehen sich dann wieder schwungvoll zurück. Die so geformten Sitzmodule betonen Individualität, Variabilität und Komfort. Sie können mitten im Raum stehen, da "Bend" keine ungestaltete Rückseite hat, sondern als skulpturales Objekt konzipiert ist. Ein Baukasten von Einzelelementen kann zu stärker geschlossenen oder offenen Formen konfiguriert werden. So lässt sich das Sofa entweder einzeln oder in Reihung aufstellen. www.bebitalia.it

Kollektiv

Design aus Österreich ist auf der Messe und in den Showrooms der Stadt eigentlich überall vertreten, sei es durch Hersteller wie Wittmann oder Bene, aber auch durch Designer wie Eoos, Polka oder Walking Chair, um nur einige zu nennen. Hinzu kam unter dem Motto "Surprising Ingenuity" noch ein weiteres Forum. Seinen Be-suchern haben die "Außenwirtschaft Österreich" und Kurator Robert Punkenhofer ein wohldosiertes mehrgängiges Menü serviert. Als Ort wurde eine ehemalige Galvanik-Fabrik in der Via Bugatti mitten in der Zona Tortona gewählt. In den kleineren Laborräumen waren Gläser von Lobmeyr, Porzellan von Augarten und Bestecke der Wiener Silber Manufaktur zu sehen; in den größeren Sälen Möbel, Betten, Sitzgelegenheiten. Eine Struktur entstand durch künstlerische Interventionen, raumerweiternde Spiegelelemente von Eoos, das Arrangement von Gläsern, Porzellan und Bestecken durch Polka oder der theatralischen Inszenierung "Living Room" von Liquid Loft, bei der motorisierte Kaffeehausstühle kopulierten, sich auf dem Boden wälzten und Veitstänze vollführten. Walking Chair war nicht nur mit seiner "Animal Farm" und Liveauftritten von Fidel Peugeot am Gitarrenmöbel vertreten, sondern schuf auch das visuelle Leitsystem. Eine äußerst gelungene, unterhaltsame nationale Selbstdarstellung, der man eine vertiefende Buchpublikation wünschen würde.

Formlos

Aus der Not machten die Designprofessoren um Volker Albus und die Studenten der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe eine Tugend und nannten ihre erstmals 2009 in Mailand gezeigte Präsentation einprägsam "kkaarrlls". Die Entwürfe der Produktdesigner spielen virtuos mit den Erwartungen der Betrachter. So hat Silvia Knüppels Holzschichtkommode "Pl(a)ywood" nur die äußere Form mit einem herkömmlichen Staumöbel gemein. Hohlräume, Schubladen oder Klappen gibt es nicht, dafür können die insgesamt 38 lose aufgestapelten Vollholzplatten in aller Richtungen verdreht werden und als Ablage dienen. www.kkaarrlls.com

Urhütte

"Barbarians" nennt sich die aktuelle Kollektion von Edra, die wie stets vom Designer Massimo Morozzi kuratiert wurde. Die "Barbarians" stehen dabei für alles Grobe, das sich über das spätantike Erbe hermacht. Eine Hommage an "jene Völker, die einst den Untergang der kraftlosen großen Westreiche beschleunigten und die Grundlagen für das heutige Europa schufen," heißt es in der Erläuterung zur Kollektion. Nun denn: Mit dabei sind Fernando und Humberto Campana mit einer Leuchte und einem Tisch und dem auf den ersten Blick rätselhaften Objekt namens "Cabana", einem Containermöbel in Form einer Urhütte. Das Gestell aus Aluminium und die fünf Regalbretter verschwinden hinter einem Knäuel aus sehr langen Raffiabastschnüren, die frei herabhängen und durch spezielle Behandlung feuerfest gemacht wurden. www.edra.com (Thomas Edelmann/Der Standard/rondo/30/04/2010)

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