In Guatemala entwickelt sich ein nachhaltiger Tourismus - In einem Land mit großer Armut und massiven Umweltproblemen ist das ein wichtiger erster Schritt
Sie kaufen seine Fische nicht mehr, seit der See krank ist. Carlos Bizarro sticht mit spitzen Fingern Larven auf einen Angelhaken. Das Holzpaddel hat er auf den Boden des schmalen Cayuco-Bootes gelegt. Wir treiben der Sonne entgegen. Es ist früher Morgen in der Bucht von San Juan la Laguna. Nebel steigt auf, wo der See noch im Schatten liegt. Er wirft die Angelschnur ins Wasser, lässt sie über den ausgestreckten Zeigefinger laufen. Einen halben Meter über dem Grund muss der Haken hängen, dann beißen die Fische an. Doch was bringt das schon.
Die Krankheit. Das ist eine schleimige grüngelbe Schicht von Cyanobakterien. Sie kommt jedes Jahr, aber so schlimm wie dieses Mal war es noch nie. 38 Prozent des Atitlán-Sees waren im letzten November davon bedeckt. Fischer wie Carlos haben ihre Einkünfte verloren. Und es kamen immer weniger Touristen, Hoteliers klagen über einen Rückgang von bis zu 40 Prozent. Wer will schon an einem verseuchten See Urlaub machen. Jetzt ist das Wasser klarer geworden, aber schon in ein paar Monaten wird der Algenteppich zurückkehren, und wer weiß, wie schlimm es dann wird.
Schönster See der Welt
Das wuchernde Cyanobakterium ist nicht das einzige Umweltproblem des Atitlán-Sees, den die Guatemalteken gerne als schönsten See der Welt bezeichnen. Er liegt auf knapp 1600 Metern und ist umgeben von Vulkankegeln, aus denen gelegentlich kleine weiße Wolken in den blauen Himmel puffen. Touristen kommen von weither, um das zu sehen. Doch das Ufer ist dicht besiedelt, die Hänge der Vulkane vielerorts abgeholzt, Abwasser fließt ungeklärt in den See, Müll treibt an der Oberfläche. Der Mensch hat hier bereits den endemischen Atitlántaucher ausgerottet. Pato Poc verschwand durch die zunehmende Vernichtung der Schilfgürtel am Ufer und durch fremde Barsch-Arten, die die Jungvögel fraßen. Die Fischer von San Juan la Laguna haben jetzt eine Initiative gestartet, um zumindest das tul-Schilf zu retten. Sie setzen regelmäßig neue Pflanzen in ihre kleine Bucht, es ist schon wieder ein ordentlicher Schilfgürtel entstanden.
San Juan la Laguna will sich unterscheiden von den anderen Dörfer am Atitlán-See, das merkt man auch im Tourismus. Es will nicht die Touristenmassen und den Dreck von Panajachel am Ostufer, nicht die Drogen des benachbarten San Pedro. Stattdessen hat sich die Maya-Gemeinde organisiert und in den letzten Jahren eine nachhaltige Tourismusentwicklung auf den Weg gebracht. Es gibt eine Künstlerkooperative, eine Weberinnen-Kooperative mit 75 Frauen, einen Heilerinnenverband, die Fischerkooperative und eine Ökotourismus-Vereinigung mit zehn Touristenführern, die Gästen all das zeigen. "So hat die ganze Gemeinde etwas davon", sagt Raúl Obispo Batz im Büro der Ökotourismus-Vereinigung an der Hauptstraße.
Obispo Batz und seine Kollegen kümmern sich nicht allein um Touristen, sie versuchen auch den Leuten im Ort beizubringen, ihren Müll zu recyceln und die Wäsche nicht im See zu waschen. Sogar das Thema CO2-Ausgleich ist hier bereits angekommen. "Touristen können ihre Emissionen bei uns kompensieren", sagt Raúl. "Wer aus Alaska kommt, muss drei Bäume pflanzen." Wer will, ist auch dabei, wenn die eigenen Bäume während einer Maya-Zeremonie gepflanzt werden. Eine nette Idee, aber keine wirklich sinnvolle Kompensation, wenn man bedenkt, dass allein der Hurrikan "Stan" hier vor ein paar Jahren 2500 Bäume umgemäht hat.
Green-Deal-Siegel
Seit 2007 ist die Ökotourismus-Kooperative in San Juan la Laguna mit dem Green-Deal-Siegel für nachhaltigen Tourismus zertifiziert, als einer von 27 Tourismusanbietern in Guatemala, darunter Reiseagenturen, Hotels und Restaurants. "Das garantiert, dass sich die Betriebe gegenüber der Umwelt, der lokalen Bevölkerung und den Angestellten verantwortungsvoll verhalten", sagt Karla Noemi López von Rainforest Alliance. Die Umweltschutzorganisation hilft Betrieben, sich auf die Zertifizierung vorzubereiten und hält sich dabei an vorhandene Umweltsiegel. In Ecuador und Peru an Smart Voyager, in Costa Rica an CST, in Mexiko an Green Globe und Ecoturismo, in Guatemala an Green Deal.
Die Takalik Maya Lodge zum Beispiel ist eine alte Kaffee-Finca, die jetzt eine Öko-Lodge mit Green-Deal-Siegel ist. Man erreicht sie, wenn man von Atitlán zwei Stunden lang in Richtung Pazifik fährt. Gäste wohnen im hölzernen Verwaltungsgebäude gegenüber einer Kapelle. Nach der Kaffeekrise vor gut zehn Jahren haben sich die Eigentümer umgestellt. Zwar wird hier noch immer Kaffee produziert, aber jetzt auch Kautschuk und Macadamia-Nüsse. Und Tourismus wird immer wichtiger, macht bereits 40 Prozent der Einnahmen aus und sichert den ansässigen Familien ein Auskommen. Elf Hektar Regenwald wurden zum Schutzgebiet erklärt, das Personal wurde in Nachhaltigkeit geschult, eine Solarstromanlage installiert. Andere Fincas in der Region haben auf die Kaffeekrise mit Kahlschlag für Viehweiden oder Zuckerrohrplantagen reagiert.
Oder das Hotel Villa Colonial in der Kolonialstadt Antigua. Ein Vier-Sterne-Haus, 50 Zimmer, seit 2008 zertifiziert. Im Patio sitzt Hotelmanager Manuel Aguilar und blättert in den Handbüchern, die er für sein Personal zusammengestellt hat, um sie mit nachhaltigen Praktiken vertraut zu machen. Anfangs ist er auf Widerstand gestoßen. "Das war keine Böswilligkeit, sondern einfach nur Unwissen", sagt Aguilar. Jetzt machen die Angestellten das Licht aus, wenn sie einen Raum verlassen und lassen das Wasser nicht unnötig laufen, sie trennen Müll und verwenden keine Chemikalien mehr. So konnte das Hotel auch zehn Prozent Betriebskosten einsparen. "Das ist gerade in der aktuellen Krise sehr wichtig für uns", sagt er. Für Aguilar steht der Prozess jedoch erst am Anfang. Er plant als nächsten Schritt eine Solarthermieanlage, um das Wasser im Pool zu heizen. Nachhaltigkeit wird für ihn zunehmend auch zu einem Marketingfaktor. "Vor allem die internationalen Gäste fragen oft danach", sagt Aguilar.
Kriterienkatalog
Doch für Touristen ist nicht immer nachvollziehbar, welche Standards ein Ökosiegel wie Green Deal tatsächlich bietet. Rainforest Alliance hat daher zusammen mit der Welttourismusorganisation, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen und anderen Organisationen einen globalen Kriterienkatalog entworfen, der Mindeststandards für einen nachhaltigen Tourismus festlegt. Die Global Sustainable Tourism Criteria (GSTC) wurden im Oktober 2008 verabschiedet und sind eine internationale Dachmarke für Umweltzeichen. Green Deal in Guatemala wurde bereits daran angepasst und heißt seither Great Green Deal, 15 Betriebe bereiten sich bereits auf die neue Zertifizierung vor.
Noch in diesem Jahr soll Great Green Deal auch auf Honduras, Mexiko und El Salvador ausgeweitet werden. Auch in Antigua will Manuel Aguilar auf die neue Zertifizierung hinarbeiten. Er hofft, mit seinem Engagement zu einem Umdenken in Guatemala beizutragen. "Wir beginnen in diesem Land gerade erst, uns mit der Kultur der Nachhaltigkeit anzufreunden", sagt er. "Wenn unsere Angestellten etwas von dieser Haltung mit in ihre Familien nehmen, ist das wie ein Stein, den man ins Wasser wirft." (Mirco Lomoth/Der Standard/rondo/09/04/2010)