Ökohotels, Umweltsiegel, Nachhaltigkeitsberichte - die Reisebranche gibt sich gern einen "grünen" Anstrich - Doch der Markt ist alles andere als übersichtlich - Bleibt die Frage: Wie reist man umweltgerecht?
Wie einfach war es früher mit dem Urlaub. Man flog möglichst weit weg, zu möglichst exotischen Zielen, ganz ohne schlechtes Gewissen. So war es zumindest vor der Sache mit dem Klima. "Es findet ein Bewusstseinswandel statt, vor allem aufgrund der aktuellen Klimadebatte", sagt Wolfgang Strasdas, Professor für nachhaltigen Tourismus an der Fachhochschule Eberswalde. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung hält in Deutschland jeder dritte reiseaktive Haushalt soziale und ökologische Aspekte im Tourismus für besonders wichtig und wäre bereit, durchschnittlich acht Prozent mehr für nachhaltige Reiseangebote zu zahlen.
Die Tourismusindustrie stellt sich auf die wachsende Anzahl ökologisch bewusster Kunden ein. Viele Reiseveranstalter und Hotels werben mit "grünem" Engagement, auch wenn oft nur schwer zu durchschauen ist, welche Angebote wirklich umweltgerecht sind. Häufig setzen Unternehmen einzelne Umweltprojekte werbewirksam in Szene, ohne dass eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie dahintersteht. Etwa wenn sich eine Herberge schon als "Öko-Lodge" bezeichnet, nur weil die Klospülung mit Regenwasser funktioniert. Greenwashing nennt sich dieses Trittbrettfahren auf der Ökowelle, das zu einer Verunsicherung der Kunden führt.
Etwas Orientierung verschaffen touristische Umweltsiegel. "Wenn man eine umweltgerechte Unterkunft buchen will, sollte man nach einem Ökosiegel Ausschau halten", rät Birgit Weerts, Tourismus-Expertin des WWF. Doch anders als bei Biolebensmitteln sind die meisten touristischen Siegel, wie etwa die EU-Blume oder das Schweizer Steinbock-Label, bislang kaum bekannt. "Es gibt im Tourismus eine unübersichtliche Anzahl von regionalen, nationalen und internationalen Umweltzeichen", sagt Heinz Fuchs von Tourism Watch. "Da muss es in Zukunft zu einer Vereinheitlichung kommen."
Null-Energie-Hotel
Ein guter Ansatz in Deutschland ist die Dachmarke Viabono (www.viabono.de), die für umweltorientierte Hotels, Gaststätten, Campingplätze und Tourismusgemeinden steht. In Österreich hat sich vor allem das österreichische Umweltzeichen im Tourismus durchgesetzt. Bereits mehr als 200 Betriebe, darunter Hotels, Campingplätze, Berghütten und Restaurants, sind mit dem Siegel als nachhaltige Betriebe ausgezeichnet. Darunter das Boutique-Hotel Stadthalle in Wien, das zum ersten Null-Energie-Hotel der Welt werden soll. Und seit 2008 gilt das Österreichische Umweltzeichen sogar für Reiseangebote, bezieht also etwa auch die An- und Abreise zum Urlaubsort mit ein.
Einen ähnlich vielversprechenden Weg geht auch das Forum Anders Reisen, ein Zusammenschluss von mehr als 160 Veranstaltern, die nachhaltige Reisen anbieten. Der Verband hat ein Verfahren entwickelt, das für Reiseveranstalter verbindliche Umweltstandards garantieren soll. "Wir wollen Nachhaltigkeit messbar machen", sagt Rolf Pfeifer, der das Projekt leitet. Die teilnehmenden Veranstalter müssen Nachhaltigkeitsberichte abgeben, die ein unabhängiges Gremium prüft. Sind alle Anforderungen erfüllt, erhalten sie den Stempel "CSR certified". Bewertet wird unter anderem der durchschnittliche CO2-Verbrauch pro Gast und Tag und die Nachhaltigkeit angebotener Unterkünfte. "Die Kunden können Reiseveranstalter so direkt miteinander vergleichen und sich die umweltfreundlichsten aussuchen", sagt Pfeifer. Einziger österreichischer Veranstalter ist bislang Weltweitwandern.
In der Tourismusindustrie setzen mittlerweile ganze Ferienregionen auf autofreie Mobilität und bieten Gästen eine kostenlose Nutzung von Bus und Bahn, wie etwa der Schwarzwald oder Werfenweng im Salzburger Land, wo Gäste vom Bahnhof abgeholt werden, wenn sie mit dem Zug anreisen, und vor Ort ohne eigenes Auto umweltfreundlich mobil sein können. Hotels stellen auf umweltbewusste Betriebsführung um und lassen sich nach Umweltstandards zertifizieren, etwa nach der ISO-Norm 14001. Doch es liegt auch an den Touristen. Sie sind diejenigen, die entscheiden müssen, welches Hotel sie buchen und ob sie unbedingt für eine Woche in die Dominikanische Republik fliegen müssen, um sich zu erholen. "Es gibt nur eine sehr zögerliche Bereitschaft, das Reiseverhalten wirklich zu ändern", sagt Strasdas. Dabei ist die Rechnung ganz einfach: Wer seinen Jahresurlaub in Mexiko verbringt, verursacht allein durch den Flug mehr CO2, als er mit einem durchschnittlichen Mittelklassewagen in drei Jahren verfahren würde - gut sechs Tonnen.
Drei-Jahres-Regel
Der britische Umweltjournalist Leo Hickman, Autor des Buches "Und tschüss! Was wir anrichten, wenn's uns in die Ferne zieht", schlägt eine Drei-Jahres-Regel vor: Im ersten Jahr mit dem Flugzeug in die Ferne, im zweiten Jahr mit der Bahn in ein benachbartes Land und im dritten Jahr Urlaub irgendwo in der Nähe. "Ich denke, wir sollten in Zukunft verantwortungsbewusster reisen - und vielleicht auch etwas weniger," sagt Hickman.
Wer sich dennoch bewusst für eine Fernreise entscheidet, hat immerhin die Möglichkeit, die verursachten Emissionen mit einer Klimaspende zu kompensieren. Auch Umweltschützer gehen nicht so weit, von Fernreisen abzuraten. Denn in vielen ärmeren Ländern ist der Tourismus zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. So bietet zum Beispiel auch der WWF in Kooperation mit dem Forum Anders Reisen Expeditionen zu Naturschutzprojekten weltweit an, etwa in den Kongo oder zu den Orang-Utans auf Borneo. "Ein Verzicht auf Fernreisen ist keine Lösung", sagt Weerts. "Wer schon immer mal in den Regenwald wollte, sollte lieber eine bewusste Reise unternehmen, als mit irgendeinem Anbieter in irgendeinem Hotel zu landen." (Mirco Lomoth/Der Standard/rondo/09/04/2010)