Schrauben versus Korken

"Faule Eier"

1. April 2010, 17:13
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    foto: apa/marijan murat

    Die Sommeliers und Kellner glauben ja auch nur, was man ihnen sagt.

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    foto: desrues

    Paul White

Paul White aus Neuseeland hält Schraubverschlüsse für ein Verbrechen am Wein - Georg Desrues wollte von ihm wissen, wie er darauf kommt

DER STANDARD: Die Vorteile des Drehverschlusses sind allgemein bekannt: Der Wein kann nicht mehr korken, und die Flaschen sind leichter zu öffnen und wieder zu verschließen. Was aber sind die Nachteile?

Paul White: Wein, der in Flaschen mit Drehverschluss abgefüllt wird, tendiert zu Reduktionsnoten. Die können sich im anaeroben Zustand im Laufe der Jahre noch mehr entwickeln. Ich habe zwar schon Weine getrunken, die unter Drehverschlüssen hervorragend gealtert sind - allerdings weit öfters solche, die nach einem Jahr die typischen Reduktionstöne von faulen Eiern aufweisen oder sonst wie ihren Sortencharakter verloren hatten. Das ständige "Atmen" unter luftdurchlässigerem Kork verhindert diese Probleme zumeist. Ich habe nichts gegen Drehverschlüsse, solange man nichts an ihrer Herstellung ändert und den Konsumenten auch darauf hinweist, dass man den Wein jung - möglichst jünger als sechs Monate - trinken soll.

DER STANDARD: Älter können sie nicht werden? Und was meinen Sie mit "verändern"?

White: Können schon. Ich würde mich nur nicht auf das Risiko einlassen. Viele Weinbauern in Australien und Neuseeland, wo der Anteil der Drehverschlüsse mittlerweile bei neunzig Prozent liegt, schönen ihren Wein mit Kupfersulfat, um den Reduktionsnoten auf Dauer entgegenzuwirken. Ich halte das allerdings für keine gute Idee. Denn Kupfersulfat ist ein Schwermetall, ab einer gewissen Menge sogar giftig und zerstört nicht nur ungewünschte, sondern auch gewünschte Geschmacksnoten.

DER STANDARD: Es gibt aber Winzer, die das nicht tun und trotzdem auf Drehverschluss setzten. Was angesichts des hohen Anteils an korkenden Naturkorkflaschen doch verständlich scheint?

White: Bedingt. Der Anteil an Korkgeschmack ist viel geringer, als das generell befürchtet wird. Selbst wenn er bei vier bis acht Prozent liegen sollte, was nicht nur ich bezweifle, ist das noch immer recht wenig, für ein wunderbares Naturprodukt, das seit zweihundert Jahren verwendet wird. Außerdem hat sich die Qualität der Korken in den vergangenen Jahren und unter dem Druck des Erfolgs der Drehverschlüsse stark verbessert. Worum es wirklich geht, ist Geld. Die Aluminiumkapseln sind natürlich viel billiger.

DER STANDARD: Ihre Argumente müssten doch aber auch die Produzenten überzeugen. Warum halten sie am Drehverschluss fest?

White: Ende der Neunzigerjahre hatte man in Australien und Neuseeland starke Probleme mit oxidierten Weinen und solchen mit Korkgeschmack. Man beging den Fehler, beides auf den Kork zurückzuführen. Vor allem in Neuseeland begannen die Winzer massiv auf Drehverschlüsse umzusteigen, was eine ziemliche Investition bedeutete. Heute will man die Fehler nicht einsehen und greift immer mehr zur Kupferschönung.

DER STANDARD: Wieso ist das Problem nicht bekannter und wird nicht besser kommuniziert?

White: Die Drehverschlusslobby will nicht, dass es bekannter wird. Man findet sehr viele, von der Weinindustrie in Auftrag gegebene Studien, die es leugnen. Es gibt aber auch solche, die beweisen, was ich sage - nur sind die schwerer zu finden. Auch die englische Fachpresse beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Problem. Ich bin also nicht allein. Man hat sich einfach viel zu lange auf die negativen Aspekte des Naturkorks konzentriert.

DER STANDARD: Es gibt also tatsächlich so etwas wie eine Drehverschlusslobby?

White: Absolut. Ich wurde schon verbal bedroht und habe meine Kolumne in einem bedeuten australischen Weinmagazin verloren, weil ich das Problem ansprach. Die meisten Weinjournalisten haben von Chemie keine Ahnung und glauben und schreiben einfach, was man ihnen sagt: nämlich, dass die Drehverschlüsse in jeder Hinsicht besser sind.

DER STANDARD: Was denken Sie über Winzer, die biologisch oder biodynamisch arbeiten und trotzdem Drehverschlüsse verwenden?

White: Die verstehe ich gar nicht. Wie kann man biologisch oder gar biodynamisch denken und seinen Wein mit Alu und einer Plastikdichtung verschließen? Das ergibt keinen Sinn. Abgesehen von den Problemen im Wein ist auch die Umweltbelastung weit größer. Kork ist ein herrliches Naturprodukt, das man recyceln oder in seinen Garten werfen kann, wo es als Dünger wirkt.

DER STANDARD: Und die Korkwälder?

White: Die sind nur gesichert, wenn Kork seine wirtschaftliche Realität behält. Die Korkrinde regeneriert sich nach elf Jahren von selbst. Die Korkwälder in Marokko sind außerdem ein wirksames Mittel gegen die drohende Versandung ganzer Landstriche.

DER STANDARD: In Ländern wie Italien und Frankreich sind die Konsumenten weniger von Aluminiumverschlüssen überzeugt.

White: Das stimmt. Das liegt aber mehr an ästhetischen und kulturellen Überlegungen, für die ich mich nie sehr interessiert habe. Obwohl ich manchmal auch das Gefühl habe, ich schraube anstatt an einer Wein- an einer Whiskyflasche rum und komme mir dabei vor wie ein Alkoholiker (lacht).

DER STANDARD: Sollte man im Restaurant darauf bestehen, auch einen Wein mit Drehverschluss zuerst zu kosten?

White: Natürlich! Ich mache das immer und habe schon Flaschen zurückgeschickt. Die Sommeliers und Kellner glauben ja auch nur, was man ihnen sagt. Viele wissen aber, dass sie ohne Naturkork zwei bis drei Minuten Kontakt mit dem Gast verlieren, während der sie meist dessen volle Aufmerksamkeit genießen: Das kann sich auf die Dauer natürlich wesentlich auf den Weinumsatz auswirken. (Georg Desrues/Der Standard/rondo/02/04/2010)

Zum Artikel: Dreh und trink

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24 Postings
kremstalwinzer
01
kann ich nicht nachvollziehen

natürlich atmet der schrauber nicht. jedoch ist im kopfraum der Flasche (wird dieser nicht mit einem Inertgas überschichtet) genug Luft um den Wein noch längere Zeit reifen zu lassen.
Das Problem mit den reduktiven Noten gibt es, es tritt aber hauptsächlich bei Weinen auf die sehr reduktiv verarbeitet wurden, was in Australien und NZ gang und gebe, in Österreich aber eher unüblich ist.
Abschliessend meine Frage: Gibts vielleicht auch eine Korklobby? ;-)

Joe Dalton
00
13.4.2010, 11:31

Bitte was bedeutet "reduktiv bearbeiten"?

kremstalwinzer
01
15.4.2010, 11:01

Reduktive Weinverarbeitung lässt nur wenig oder gar keinen Sauerstoffkontakt des Most/Wein zu. Dem Gegenüber steht die oxidative Weinbereitung die den Sauerstoff wiederum im Überluss zulässt.

Joe Dalton
01
15.4.2010, 14:22

Danke.

Karl Radek
10
Baumrinde

ein so hochwertiges genussmittel wie wein mit einem stück baumrinde zu verschliessen ist - zumindest heute, früher wußte man´s nicht besser - ein totaler topfen. ich kaufe schon seit jahren keine weine mit naturkork mehr, ich habe einfach schon zu oft teure weine in den abfluss gekippt. der schrauber ist die beste, technisch ausgereifteste lösung und wird sich bald endgültig durchgesetzt haben. wenn dann irgendwelche paul whites (who to hell is paul white??) weiterhin dem korken nachweinen - who cares!

bin ich weg bin ich da
01
geh bitte

ich hab auch keinen schimmer wer hr. white ist, es ist mir auch schnuppe - solange das, was er sagt, hand & fuss hat. und das tut es.
ihr geschwätz vom "hochwertigen genussmittel", das nicht mit "baumrinde" in verbindung kommen darf, richtet sich hingegen selbst. weil plastik soviel besser ist, gell?
was die teuren weine betrifft, die sie früher so oft in den abfluss kippen mussten: die kaufen sie heute demnach nicht mehr - große und teure weine bekommen nämlich unverändert und in ihrer überwältigenden mehrheit immer noch ein stück baumrinde aufgepfropft...

Michael Pronay
 
01
12.4.2010, 20:08
Über Paul White ...

... bitte hier (5. Posting von oben) nachzulesen:

http://www.talk-about-wine.de/topic.asp... hichpage=2

Und, wenn's wen interessiert, mein ersten Artikel zum Thema Schrauber aus dem Jahr 2003 (in "Vinaria"):

http://www.weinausoesterreich.at/frischgep... ria29b.htm

Und mein zweiter aus 2005 (in "A la Carte"):

http://www.weinausoesterreich.at/frischgep... 200501.htm

Das sollten sich die Liebhaber der Korken in Ruhe einmal durchlesen und dann darüber nachdenken.

P.S.:

Das, was beim Schrauber mit dem Wein Kontakt kommt, ist ausschließlich PVDC. Das ist seit Jahrzehnten völlig unbedenklich (und solide abgetestet): die transparenten Lebensmittelfolien bestehen nämlich genau daraus.

sweetmaker
 
00
14.4.2010, 19:27
vielen dank für ihre informativen posts

als bdx-fan würde mich interessieren, ob sie zb. auch einen lafite mit schraubverschluss kaufen würden?

ich habe übr. von dortigen produzenten noch nie (auch nicht im cru bourgeois-segment) von alternativen zum kork gehört, wissen sie da etwas?

Michael Pronay
 
00
15.4.2010, 20:01
Wenn ich mir Lafite leisten könnte . . .

. . . würde ich ihn mir selbstverständlich sofort mit Schrauber kaufen.

Ansonsten gibt's meines Wissens nur je einen weißen und roten Bordeauc mit Schrauber zu erstehen: in Weiß Ch. La Louvière von André Lurton, in Rot Ch. d'Agassac (Cru Bourgeois Haut-Médoc), letzteren allerdings nur bei der Bestellung en primeur, bei der man den Schrauber präzisieren muss.

Ich selber hab' seit dem Jahrgang 2004 jedes Jahr eine Kiste Agassac en primeur mit Schrauber bestellt. Geht bei allen heimischen Weinhändlern (La Cave, Noitz, Fohringer etc.).

sweetmaker
 
00
16.4.2010, 11:41
nana, keine falsche bescheidenheit ; )

ich hab da gelesen:
"in meinem langzeitlagerkeller... folgende weine mit korkfehler "Mouton 1988, Lafite 1962, Figeac 1953 – nicht zuletzt Sociando 1985"

ich dachte übrigens immer korkfehler merkt man sofort und würde mit belüftung manchmal zurücktreten (ihr bericht über den sociando)

Michael Pronay
 
01
17.4.2010, 12:55
Vorsicht . . .

. . . schwere Korkfehler merkt man in der Tat sofort. Nicht so extreme Beeinträchtigungen werden mit Zeit und Luft und steigenden Temperaturen allerdings deutlicher. Beim 85er Sociando war's auch die Kühle des Kellers (10°C), die beim Dekantieren ebendort den Fehler kaschierte.

Karl Radek
10
Plastik??

wo bitte kommt bei einem Schraubverschluss der Wein mit PLASTIK (?!) in Berührung - so ein blödsinn!! bei schraubverschluss kommt der wein ausschliesslich mit einer hochwertigen Zinnkapsel in Berührung.
http://de.wikipedia.org/wiki/Schr... s_bei_Wein

bin ich weg bin ich da
11
danke für den link

da steht eh, dass die schrauber eine pvdc-schicht innen haben.
die teuren kriegen zusätzlich zinn in den kunststoff gemischt, ändert aber nichts daran, dass es dennoch plastik ist.

Karl Radek
00

angst (vor plastik) essen seele auf...

para-Celsus
00
Kunstkork

!

MrCostello
00
Glasverschluss ?

Ja, e, aber die kann man nicht mehr wieder verschließen, der hält dann nicht mehr (zuschrauben geht aber schon bzw Kork wieder rein tun...)

para-Celsus
00

Man könnte in der Oberstufe einen Besinnungsaufsatz darüber schreiben lassen im Deutschunterricht.

cho
01
So ein BlaBla

"Das ständige "Atmen" unter luftdurchlässigerem Kork verhindert diese Probleme zumeist."

Kork ist nicht luftdurchlässig, wenn überhaupt kommt Luft an der Grenzschicht von Flaschenhalsinnenseite und Kork in die Flasche. Aber auch das ist normalerweise irrelevant.

Wäre Kork luft-/gasdurchlässig hätte Champagner in Kürze keinen Überdruck mehr in der Flasche denn dann könnte das CO2 entweichen. Das dauert aber Jahrzehnte...

ignazius rummsfeld
00
1 Kiste Bordeaux: ca. 1mal voller Kork

Leider gibts für diese Weine und ihre Korken derzeit kaum Alternativen....

sweetmaker
 
00
wer ist paul white?

bitte nicht als arroganz zu verstehen, sondern als kritik am verfasser: es gehört zum 1x1 des journalismus, dass man eine interviewte person auch vorstellt (aus neuseeland reicht mir nicht)

mr.white laviert elegant am hauptproblem herum, nämlich dass die korkproduktion bei massenwein eben NICHT nachhaltig betrieben werden kann.

bei hochwertigen lagerfähigen weinen hat er recht: da gehört naturkork drauf.
ansonsten ziehe ich den drehverschluss dem plastikkork eindeutig vor -schon allein deshalb, weil ich kaum aus der flasche heraus bekomme. wunderbar ist natürlich der glasstoppel -allerdings eher teuer.

das thema "schönung" ist sicher zu vertiefen; da tun sich mmn. abgründe auf -so in etwa "die dunkle seite des weinmachens" ; )

amme lee
00

warum gehört hochwertiger wein mit kork verschlossen?

sweetmaker
 
00
14.4.2010, 19:10
würden sie einen lafite mit drehverschluss kaufen?

das sind weine, die in spitzenjahrgängen auch noch nach 100jahren getrunken werden sollen.
es gibt hier einfach noch keine langzeit-erfahrungswerte. ergo muss man (noch) beim altbewährten bleiben.

pay cough
00
Die Drehverschlusslobby!

comtedevienne1
01
Berg- und Talfahrt

Kork ist an sich ein toller Verschluss für Wein,die Qualität hat aber in den letzten 10 Jahren wegen der verstärkten Nachfrage sehr stark nachgelassen! Wirkliche Korkschmecker liegen sicher bei 3-5% das große Problem sind aber die sog. "schleichenden" Korken, die den Wein nicht optimal zeigen lassen, Bittertöne, Säurespitzen, kurzer Abgang, fehlender Körper sind alles hinweise darauf -oft gibt man der Jugend des Weines etc. die Schuld - klarer Grund - TCA und diese Rate liegt sicher bei 10-20% der Weine! Machen Sie einmal 12 Flaschen des selben korkverschlossenen Weines auf - eine Berg- und Talfahrt - auch für Laien klar erkennbar! Ich wette das mindestens 2,3 Flaschen dabei sind, die deutlich abfallen oder korken! Deshalb Glasverschluss!

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