Wein 2.0

26. März 2010, 11:14
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Weinfans treffen sich immer häufiger im Netz. Wein-Videoblogs, bei denen man anderen beim Weintrinken zusieht, sind beliebter denn je, ihre Macher einflussreich

Modeblogs bieten viel zu schauen, Weinvideoblogs eher nicht. Das zentrale Objekt sieht ewig gleich aus und ist farblich recht einfach gestrickt: hell und durchscheinend oder undurchsichtig dunkel. Man kann es weder riechen noch schmecken, obwohl das Trinken, die Freude an Duft und Geschmack der eigentliche Zweck der Flüssigkeit im Glas ist.

Gary Vaynerchuk, geboren in der Weißrussischen SSR, hat mit Winelibrary TV einen höchst erfolgreichen Weinvideoblog installiert. Täglich seit Februar 2006 beschreibt er Weine. Die meisten Sendungen werden in seinem Studio in der Winelibrary aufgezeichnet, jenem Weingeschäft, das seine Eltern in Springfield (New Jersey) gründeten, nachdem sie 1978 aus der Sowjetunion emigriert waren. Seit seinem Einstieg 1998 baute er das Geschäft nicht nur mithilfe des Videopodcasts aus.

"more social"

Die Weine wähle er nach dem Zufallsprinzip aus: "Mir fällt irgendetwas auf, dann nehme ich ein paar Flaschen und rede darüber." Vaynerchuks Sprache und sein Auftreten haben nichts mit den üblichen Vorstellungen zu tun. Sein Zugang ist ruppig und gleichzeitig fundiert. Vaynerchuks Beschreibungen sind auch ohne traditionelles Weinspeak präzise, selbst wenn der Wein schon einmal an den Hintern eines Schafes erinnert oder "haargenau und 100-prozentig wie Sojasauce riecht." Er probiert, welche Weine am besten zu den meistverkauften Frühstücksflocken passen und versucht zu erklären - in T-Shirt und Wollhaube verkostend im Eissturm sitzend - wie Wetter Wein beeinflusst. Er behandelt Weine, die sonst in "heiligen Ritualen" besprochen werden, äußerst profan. Locker-direkte Wortwahl, wildes Gestikulieren und die ewige Aufforderung, einen "sniffy sniff" zu nehmen, sind Standard. Er widerspricht allem, was man über korrekte Vermittlung gehört hat, und vermittelt seine Leidenschaft für Wein mit dem nötigen Wissen darüber.

Winelibrary TV ging im Februar 2006 online. Aus Beobachtungen schloss Vaynerchuk, dass das Internet "more social" werden würde, interaktiver, sozialer im Sinne von mehr Beteiligung. "Die Leute verbringen immer mehr Zeit in den Blogs. Video wurde mit Youtube unglaublich wichtig." Dazu kommt sein Geschäftssinn: "Ich mag Business als Business, spüre, wie sich Dinge entwickeln, und bin optimistisch von Grund auf." Getrieben werde er von seiner "Immigrantenmentalität": hart arbeitend, jede Möglichkeit nutzend. Twitter und Facebook bezeichnet er als hervorragende "tools", Werkzeuge, über die er Menschen erreicht, die manchen klassischen Weinjournalisten verlorengingen. "Trotzdem bleiben beide bloß Werkzeuge."

Vaynerchuk trat in allen namhaften US-TV-Shows auf. Um die Aromen eines Weines zu vermitteln, ließ er den Talkshow-Superstar Ellen DeGeneres an Steinen und Leder lecken und in ein Gemisch aus Erde, Zigarren und Kirschen beißen. Conan O'Brian probierte Billigstweine zu Maiskolben und Hotdogs, und in der CBS- Morgensendung gab er Tipps betreffs der Frage: "Was trinken wir während der Hundstage". In seine Sendung kommen Leute wie die britische Weinautorin Jancis Robinson, die ihn darauf in ihrer Financial-Times-Kolumnen als "online evangelist" bezeichnete. Seine Begegnung mit dem historischen Eishockey-Crack Wayne Gretzky endete sehr fröhlich - für Gretzky.

Motivation, Geschäftsentwicklung und Selbstmarketing

Vaynerchuk wurde mit seinem Tun selbst zur Marke. Er erreicht bis zu 800.000 Anhänger täglich. Allein aufgrund der Verbreitung wird ihm ein Einfluss zugeschrieben, der dem Robert Parker juniors nahekommt, dem international einflussreichen Herausgeber des Wine Advocate. Als fulminanter Redner wird Vaynerchuk geladen, wenn es um Motivation, Geschäftsentwicklung und Selbstmarketing nicht nur in der Weinwirtschaft geht. Dafür gründete er gemeinsam mit seinem Bruder eine eigene Firma, Vaynermedia. Sein jüngstes Buch Crush it stand auf der Bestsellerliste von amazon.com.

Österreichische Weißweine stellt er häufig vor, hiesigen Rotwein, "Blaoufrraenkisch", findet er "awesome", großartig, und das, obwohl ein sechswöchiger Aufenthalt in einem Transitlager im Alter von drei Jahren sein einziger Kontakt zu Land und Leuten hier war. Bisher. (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/26/03/2010)

  • Gary Vaynerchuk: unspektakuläres Setting mit Inhalten, die ankommen.
    foto: hersteller

    Gary Vaynerchuk: unspektakuläres Setting mit Inhalten, die ankommen.

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