Der Mann, der das Michelin-Männchen war

28. März 2010, 17:29
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Eine spannende Biografie deckt jetzt auf, dass es ein lebendiges Vorbild für das vielleicht berühmteste Logo der Welt gab: Frankreichs ersten Gastrokritiker Curnonsky, der jahrelang als "Bibendum" für Michelin schrieb

Am 12. Oktober 1952 war in den 80 besten Restaurants von Paris den ganzen Tag lang jeweils ein Tisch reserviert. Alle für denselben Mann. Auf der Platzkarte für das 80-jährige Geburtstagskind war zu lesen: "Dieser Platz gehört Maurice-Edmond Sailland Curnonsky, gewählter Prinz der Gastronomen, Verteidiger und Illustrator der französischen Küche, Ehrengast dieses Hauses." 25 Jahre zuvor hatten ihn 3000 Köche zum "Prince élu des gastronomes" gekürt. Dreieinhalb Jahre nach den kulinarischen Festivitäten, die sich bis ins Frühjahr 1953 zogen, fand man am 22. Juli 1956 den Verteidiger der französischen Küche tot auf dem Trottoir der Place Henri Bergson. Ein Fenster seiner darüberliegenden Wohnung stand offen.

Heute ist der 1872 geborene Curnonsky, den 60 Jahre lang tout Paris kannte, von Revuetänzerinnen über Köche bis zu Bohemiens und Fabrikanten, kaum mehr ein Begriff. Weder Cuisine et Vins de France, das Magazin, das Curnonsky 1947 gründete, noch die 1950 von ihm neubelebte Confrérie de la Chaîne des Rôtisseurs, keine Institution, keine Firma in Frankreich erinnern an ihn - nicht einmal der Reifenfabrikant Michelin.

Der Reifen schluckt die Unebenheit

Dabei hatte Curnonsky 1894 für die Brüder Michelin ihre lange berühmten Slogans erfunden. "Le pneu boit l'obstacle" - der Reifen schluckt die Unebenheit, lautete der eine. Und der andere: "Es gibt die vierzig Unsterblichen [der Académie française, Anm.], aber nur einer ist unverwüstlich, das ist der Reifen X". Seit November 1907 fand sich jeden Montag in Le Journal, der damals auflagenstärksten Zeitung von Paris, eine mit Michelin, später mit Bibendum, dem Namen des Reifenmännchenlogos der Firma, gezeichnete Kolumne über Essen und Reisen. Autor: Curnonsky. Er, der klassisch Gebildete, soll auch den Namen Bibendum (angelehnt an den Trinkspruch "Nunc est bibendum", der auch auf die im Slogan angesprochene Schluckfreudigkeit des Michelin-Reifens verweist) ausgesucht haben. Unbestritten ist jedenfalls, dass Curnonsky die bis heute glorreiche Verbindung der Reifenmarke mit hoher Gastronomie herstellte, die schließlich zur Publikation der Michelinführer und der Verleihung von ein, zwei oder drei Sternen für die besten Restaurants der Welt führte - ein bis heute unschätzbar wertvolles Marketingtool des Konzerns.

Als die Michelins im April 1910 ihre Hauszeitschrift Bibendum lancierten, war Curnonsky Hauptautor. "Ich lebe jetzt von Gummi", lautete sein ironischer Kommentar. Auf dem Umschlag der ersten Nummer war der massige Curnonsky als Autofahrer karikiert, wie er einem Bauern ein überfahrenes Lamm bezahlt. Noch charakteristischer als sein massiver Leibesumfang war aber seine Sprache. Sein Stil sprudelte förmlich vor Wortschöpfungen, er war leicht, scheinbar anstrengungslos, charmant, voller genau hingetupfter Beobachtungen. Spott kannte "Cur", Häme war ihm fremd. "Wenn die Suppe", schrieb er einmal, "genauso warm gewesen wäre wie der Wein, der Wein so alt wie das Huhn und die Poularde so fett wie die Hausfrau, dann wäre es gut gewesen." Seine Grundthese gilt bis heute: "Gute Küche ist, wenn die Dinge so schmecken, wie sie sind."

Persona non grata

1913 kam es zum Eklat, als Curnonsky die Kolumne mit eigenem Namen zeichnete. Michelin war so erbost, dass er gefeuert wurde. Bis heute ist Curnonsky im Firmenarchiv der Zentrale in Clermont-Ferrand, wie Biografin Inge Huber bei ihren Recherchen erfahren musste, Persona non grata, etwa weil dieser multitalentierte Franzose mit russischem Pseudonym, dieser überlebensgroße Esser und Genießer, eine Renaissancefigur der Moderne war und nicht zu bändigen?

"Ich war", schrieb Curnonsky, "nacheinander Romancier, Chronist, Revueschreiber, Humorist, 'gastronomischer' Autor, Werbetexter, Varietétheaterkritiker, Literat, Klatschkolumnist, Essayist, Sekretär, freier Mitarbeiter und Lohnschreiber! Ich schrieb in einer Zeitschrift für Jugendliche. Ich habe alles Mögliche geschrieben. Ich schrieb für die ganze Welt." Für sein Pseudonym verband er die lateinischen Worte "cur" (warum) und "non" (nicht) und versah sie mit einer slawischen Endung. Dass er nun von neuem genossen werden kann, als Gourmet, Gourmand, Kolumnist, immens produktiver Gastrokritikpionier und Theaterrezensent, verdanken wir der Münchner Antiquitätenhändlerin und Gartenarchitektin Inge Huber. Sie entdeckte in einer aufgekauften Bibliothek Kisten voller Mappen, Kladden, Fotos, Menükarten, Bilder, Theaterzeitschriften und Briefe - den Nachlass des ihr bis dato völlig unbekannten Curnonsky.

Sieben Jahre lang hat sie sich diesem Leviathan des Schreibens und Genießens gewidmet, das gewaltige Material sortiert, aufbereitet und die schier unüberschaubaren Kreuz- und-quer-Verbindungen erschlossen. Auch jene, die in vergangene Jahrhunderte zurückweisen, zu Rabelais und Grimod de la Reynière, zwei Autoren und Gourmets, die Curnonsky verehrte. Ein Bonmot de la Reynières, der im 18. Jahrhundert königlicher Koch und ein berühmter Gastgeber war, erwählte sich Curnonsky als lebenslanger Frauenliebhaber und Frauenliebling zur Maxime: "In einer Wohnung gibt es nur zwei unerlässliche Dinge: den Esstisch und das Schlafzimmer."

Die berühmten Michelin-Sterne

Hubers Prachtband zeigt Curnonsky immer wieder beim Essen und bei seinen Fahrten kreuz und quer durch Frankreich. Ab 1921, seit dem ersten Band von La France Gastronomique - Guide des merveilles culinaires et des bonnes auberges françaises, wurde er zum "Gastronomaden". Innerhalb von sieben Jahren legte er eine 28-bändige, ganz Frankreich abdeckende Buchreihe mit detaillierten Restaurantbeschreibungen vor.

Aus dem von ihm eingeführten Bewertungssystem sollten später die berühmten Michelin-Sterne für die besten Restaurants der Welt werden. Mit seinem Plädoyer für regionaltypische Gerichte "mit Terroir" und gegen luxusverliebte Menüs, die bloß gesellschaftliches Prestige spiegelten, war er ein Pionier aktueller Entwicklungen und des Bemühens für die Erhaltung der kulinarischen Besonderheiten der einzelnen Regionen. Curnonsky brach für Slow Food eine Lanze des Genusses, 60 Jahre, bevor es diesen Begriff gab. (Alexander Kluy/Der Standard/rondo/26/03/2010)

  • Maurice-Edmond Sailland, genannt Curnonsky, war Frankreichs erster professioneller Restaurantkritiker.
    foto: verlag

    Maurice-Edmond Sailland, genannt Curnonsky, war Frankreichs erster professioneller Restaurantkritiker.

  • Im Dienste des Reifenherstellers Michelin schrieb er unter dem Pseudonym
 "Bibendum" seine "chroniques" genannten Restaurantbesprechungen.
    foto: verlag

    Im Dienste des Reifenherstellers Michelin schrieb er unter dem Pseudonym "Bibendum" seine "chroniques" genannten Restaurantbesprechungen.

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  • Zitat aus einer Kritik Curnonskys: "Wenn die Suppe genauso warm gewesen wäre wie der Wein, der Wein so alt wie das Huhn und die Poularde so fett wie die Hausfrau, dann wäre es gut gewesen."
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    Zitat aus einer Kritik Curnonskys: "Wenn die Suppe genauso warm gewesen wäre wie der Wein, der Wein so alt wie das Huhn und die Poularde so fett wie die Hausfrau, dann wäre es gut gewesen."

  • Inge Huber: "Curnonsky oder das Geheimnis des Maurice-Edmond Sailland." EURO 41,10 / 256 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Collection Rolf Heyne 2010
    foto: verlag

    Inge Huber: "Curnonsky oder das Geheimnis des Maurice-Edmond Sailland." EURO 41,10 / 256 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Collection Rolf Heyne 2010

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