Baden in der Dauerwelle

27. März 2010, 17:20
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In den neuen Badezimmern fließt nicht nur das Wasser - Die Designer werden auch in Sachen Formgebung immer mehr von der Welle gepackt

Das Runde muss ins Eckige. Zugegeben: Klingt nach plattem Fußballerspruch. Taugt aber auch für die Badezimmer-Spielsaison 2010. Denn auch in diesem Bereich hat sich die vorherrschende Mode der vergangenen Jahre ein wenig aufgeweicht: Die Dominanz all der Waschtisch-Quader, die zuletzt maximal Keramikkante zeigten, wirkt plötzlich irgendwie unterspült. Oder beflügelt. So wie es Ross Lovegrove vormacht, der sich für seine neue Badezimmerkollektion "Freedom" (Hersteller: das türkische Unternehmen VitrA) als Erzengel der Keramikwolke sieben fotografieren lässt: wallendes weißes Haar, wallendes Kleid. Und daneben: wallende Armaturen und Keramikobjekte, die in weicher Asymmetrie von einer Rundung in die nächste fließen. Die Message des Sanitär-Messias ist klar: Der Himmel ist nah, das Badezimmer ist näher. Vor allem aber befindet es sich im Fluss.

Wer die akribische Arbeitsweise und die von komplexen Berechnungen - etwa der Oberflächenspannung und anderer physikalischer Gesetze - geprägte Herangehensweise des Waliser Ausnahmedesigners kennt, der hätte ohnehin kein blindes Himmelfahrtskommando vermutet. Tatsächlich hat sich Lovegrove auch in diesem Fall an der Strömungslehre und an den natürlichen Wellenbewegungen des Wassers orientiert. Unweigerlich fallen einem dabei jene Badkeramik- Experimente ein, die Philippe Starck in den Neunzigern für Duravit durchgeführt hat. Wobei der Franzose mehr aus der Symbolik und der ikonografischen Kraft von Archetypen zu schöpfen pflegte: So wurde ein Kübel zum Wasserbecken, ein Zuber zur Wanne rückstilisiert. Bloß das Bild der natürlichen Quelle, das steter Wasserfluss zur flachen Mulde aushöhlt und das sich in der schöpfenden Handmulde spiegelt, kam dem Wesen des Wassers näher - und inspirierte in der Folge dutzende Waschbecken aus Glas, Quarzit, Stahlblech und anderen gerade angesagten Modematerialien - denen nicht selten der funktionale Tiefgang fehlte.

Bubble-Optik

Doch eine weiche Welle? Das gab es im Bad der Glaskuben-Dominanz und der gestreckten Corian-Geraden seither kaum. Nicht nur mit Lovegrove bricht sie nun wie ein kleiner Design-Tsunami über den Sanitärbereich herein. Auch Karim Rashid macht mit der Bubble-Optik der Badkeramik-Serie "Kouple" (Hersteller: Saturn Bath) auf Tröpfchenfänger. Doch ganz nah am Wasser baut das Badezimmer vor allem da, wo ein neues "Material" reklamiert wird: nämlich der Werkstoff Wasser selbst.

Zahlreiche Anomalien weist das Elixier des Lebens auf. Logisch, dass es da auch eine Uralt-Forderung der Designtheorie mit links erfüllt: "Design ist unsichtbar." Dieser Satz des Davoser Soziologen Lucius Burckhardt, dazu angetan, den subjektiven Fokus der Wahrnehmung vom Objekt weg und zugunsten funktionaler Zusammenhänge neu auszurichten, erfährt dabei seine flüssige Entsprechung. Wasser als materieller Träger, der Informationen weitergibt oder feste Formen temporär verlängert - entsprechende Beispiele dafür zählen zu den spannendsten Entwicklungen des aktuellen Sanitärdesigns. Da wäre zum einen die Verquickung von Wasser mit färbigem Licht. Eine bereits seit geraumer Zeit verfolgte Idee, die dem Nutzer das lästige Verbrühen der Hände durch zu heißes Wasser erspart. Weil der Schwall in diesem Fall einfach hellrot leuchtet. Farbliche Visualisierung der jeweils eingestellten Wassertemperatur zählt zweifellos zu den praktischeren Resultaten der neuen Design-Sichtweise auf das Element Wasser. Aber es handelt sich keineswegs um das einzige. Bruno Sacco und Reinhard Zetsche alias Octopus Design, die mit der Armatur "Hansaltrava" (Hersteller: Hansgrohe) dieses Prinzip zuletzt weiter verfeinerten, führen diese Aufwertung etwa auf anderer Ebene weiter. Design geht in diesem Fall jenseits der vertikal gesetzten Chromkante erst so richtig los: Der hauchfeine, flächige Wasservorhang, der hier einen wesentlicher Teil des eigentlichen Entwurfs darstellt, wird mithilfe eines speziell entwickelten Strahlformers umgesetzt. Auch das Thema Ökologie ist dabei aufgelegt: Nicht die Wassermenge erzielt den spektakulären Effekt, sondern ausschließlich der Weg, den das Nass nimmt und der bis zu vierzig Prozent Wasserersparnis einspielt. Dass das aktuell übergeordnete Thema des Designgeschehens - Stichwort: Grünes Design - einen Schuss intelligentes Wasserdesign verträgt, versteht sich da von selbst.

Werkstoff Wasser

Mit dem innovativen Wasserschleierfall ist das Potenzial des "Werkstoffes Wasser" freilich erst angezapft. Recht unterschiedliche Ansätzen ergänzen ihn heute. Vergleichsweise seicht mögen sich die Lichtspielereien ausnehmen, die der französischen Entwerfer Jean Michel Wilmotte für Teuco entwickelt hat: Im Rahmen eines aus acht Stimmungsfarben kombinierten Zyklus verwandelt Wilmotte das Wannenwasser in leuchtende Psychobrühe. Aber Wilmotte sah sich für das Systembett "JM Wilmotte" auch im Freien um - und ließ sich durch eine ganz besondere Sequenz inspirieren: jenen Moment, an dem natürlich fließendes Wasser unter einem Felsen verschwindet.

Längst entscheiden differenzierte Feinheiten bezüglich der Art und Weise, mit der Wasser den diversen Düsen entströmt, über die Strahlkraft eines Entwurfs. Kein Wunder, dass sich körpergerechtes "Formen" von Flüssigkeit dabei zur hohen Ingenieurskunst entwickelte - semantische Aufladung inklusive. Der Siegeszug der übergroßen Regenduschen, die Egomanenhaptik für Massagebreitseiten oder die nebelweiße Elben-Atmosphäre moderner Dampfduschen - sie alle belegen diesen Trend. Der Schwarzwälder Hersteller Hansgrohe zählt zu den Unternehmen, die dazu ein eigenes Strahllabor eingerichtet haben - Experimentierstätte für das künftige "Design" von Wasser. Und weil die Sache H2O heißt, auch des "Designs" von Luft. Das verrät ein Blick auf die innovative AirPower-Technologie, eine aktuelle Weiterentwicklung der Variationsbreite von Luft-Wasser-Gemisch. Sie verwandelt nadelartige "Spaghetti"-Strahlen durch Luftbläschen-Anreicherung in einen besonders weichen, voluminösen Tropfenregen. Vorläufiges Werkzeug solcher feuchter Metamorphosen: ein Brausekopf mit Hirn. (Robert Haidinger/Der Standard/rondo/26/03/2010)

  • Der Meister der organischen Form: Ross Lovegrove im Petrus-Look...
    foto: hersteller

    Der Meister der organischen Form: Ross Lovegrove im Petrus-Look...

  • ...angesichts seiner Serie Freedom für das türkische Unternehmen VitrA.
    foto: hersteller

    ...angesichts seiner Serie Freedom für das türkische Unternehmen VitrA.

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