Die Globalisierung des Geschmacks

26. März 2010, 17:18
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Der Weltmarktführer in Sachen Designermöbel heißt Roche Bobois und unterhält Showrooms in 240 Städten

CEO Gilles Bonan kam zur Eröffnung des Wiener Stores und sprach mit Michael Hausenblas über Geschmack und dessen Globalisierung.

DER STANDARD: "dyna" mag ein netter Name für ein Möbel sein (s. Foto). Aber es gefällt mir überhaupt nicht.

Bonan: Aha. Nun, das ist natürlich Geschmackssache.

DER STANDARD: Mögen Sie es?

Bonan: Es steckt eine interessante Technologie in "dyna". Für mich drückt es Dynamik und Geschwindigkeit aus. Das Tischgestell erinnert mich ein wenig an einen Automotor. Doch, ich mag es schon.

DER STANDARD: Nehmen wir dagegen Ihre bunten Fläz-Möbel "mah-jong", die Hans Hopfer gestaltete (s. große Fotos unten). Sie strahlen etwas völlig anderes aus. Mir würde dazu einfallen: auf Hippie-Style getrimmtes Matratzenlager für Bobos. Ich mag sie. Was meinen Sie?

Bonan: Ja, die Richtung stimmt. Hans Hopfer hat sie vor über 35 Jahren entworfen. Seine Tochter, Jacqueline Hopfer, hat übrigens diesen Store hier in Wien gestaltet.

DER STANDARD: Wie würden Sie die Möbel charakterisieren?

Bonan: Ich denke dabei an eine neue Art des Sitzens. Man sitzt irgendwie auf dem Boden, das Ganze ist also auch japanisch angehaucht. Außerdem sind die Stücke mannigfaltig kombinierbar. Aus den Elementen kann man ein Bett ebenso machen wie ein Sofa.

DER STANDARD: Wenn Sie sich zwischen "dyna" und "mah-jong" entscheiden müssten?

Bonan: Ich denke, ich würde "mah-jong" nehmen.

DER STANDARD: Ein Sprichwort sagt: "Über Geschmack kann man nicht streiten." Stimmen Sie dem zu?

Bonan: Ja. Jeder hat seinen eigenen Geschmack, dennoch kann man unterm Strich sagen, dass der Geschmack unserer Kunden mehr oder weniger doch ähnlich ist. Diese haben auch ähnliche Hobbys, Urlaubsdestinationen etc. Unsere Topseller in New York sind dieselben wie in Schanghai oder Tel Aviv. Aber wie gesagt, "dyna" muss Ihnen nicht gefallen.

DER STANDARD: Warum wird man sich schwertun, jemanden zu finden, der einen Eames- oder Aalto-Entwurf hässlich findet?

Bonan: Ich denke, da geht es um Ikonen. Wenn es ein Objekt zur Ikone geschafft hat – fragen Sie mich nicht, wie ihm das gelingt -, dann ist es erhaben. Es ging mit und durch die Zeit, eine Art ideales Design.

DER STANDARD: Ist diese Polarisierung in Ihrem Angebot Teil Ihres Konzepts, das heißt, wenn ich für alle Geschmäcker etwas anbiete, wird auch jeder fündig?

Bonan: Das kann man so sagen.

DER STANDARD: Sie nennen sich Weltmarktführer für Designermöbel. Was genau sind Designermöbel? Ist nicht jedes Möbel designt?

Bonan: Schon, klar, hinter jedem Stück steht Gestaltung. Für mich geht es bei Design um etwas sehr Komplexes, nicht nur um Funktion. Es geht auch um Visionäres, um ein Widerspiegeln der Gesellschaft, um Skulpturales, um Ökologie etc.

DER STANDARD: Ihr Slogan heißt "Design for living". Wofür sollte Design sonst sein?

Bonan: Klar, Design ist Teil des Alltags, in Form von unzähligen Objekten, die uns umgeben. Der Slogan bezieht sich auch auf den Umstand, dass Design immer wichtiger wird.

DER STANDARD: Wieso?

Bonan: In erster Linie durch die Medien. Die Menschen bekommen über immer mehr Kanäle mit, was in Sachen Lifestyle und Gestaltung auf der ganzen Welt abgeht. Das entwickelt die Geschmäcker. Für mich ist es offensichtlich, dass die Menschen früher weniger an ihrem Interieur interessiert waren. Ich glaube, das ist eine gesellschaftliche Entwicklung.

DER STANDARD: Wie oft sollte man sein Interieur wechseln? Unsere Großeltern kamen unter Umständen ein Leben lang mit einem Esstisch aus.

Bonan: Früher war so eine Anschaffung eher eine Investition. Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt geht es um Konsum. Die Menschen wollen das Leben genießen, und wenn sie ein Design mögen, dann kaufen sie es. Und wenn es ihnen in zwei Jahren nicht mehr gefällt, geben sie es weg oder jemandem anderen. Das hat ja auch mit den Entwicklungen der Gesellschaft zu tun. Die Menschen müssen ihr Interieur wechseln, wenn sie sich zum Beispiel scheiden lassen. Vielleicht geben sie es ihren Kindern weiter, wenn diese ausziehen usw.

DER STANDARD: Alles wird immer schneller.

Bonan: Absolut, die Menschen leben heute, als würden sie mit der Fernbedienung weiterschalten. Sie surfen die Kanäle rauf und runter, und die Langeweile stellt sich immer früher und früher ein.

DER STANDARD: Ihre Geschäfte gibt es in 240 Städten in 40 Ländern. Warum kamen Sie jetzt erst nach Österreich?

Bonan: Wir starteten in Frankreich, dann kamen Italien, Griechenland, Spanien und die USA. Deutschland und Österreich waren schwieriger, vielleicht weil unsere Möbel mehr mediterran geprägt sind. Ich weiß nicht. Aber wir sind sehr ambitioniert.

DER STANDARD: Wie schätzen Sie den österreichischen Möbelmarkt ein? Die Landschaft ist geprägt durch riesige Möbelhäuser wie Lutz, Leiner oder Kika.

Bonan: Wir wollen unseren Style etablieren. Es geht uns nicht darum, Lokales zu kopieren oder dem Kunden irgendeinen Geschmack aufzudrängen. Die von Ihnen angesprochenen Ketten bedienen ein anderes Segment. Wir sind allerdings auch nicht die Spitze der Pyramide, wir wollen ein kleines Stückchen darunter sein, um mehr Menschen zu erreichen.

DER STANDARD: Wer macht die Spitze der Pyramide aus?

Bonan: All die italienischen Marken wie Cassina oder Moroso.

DER STANDARD: Wie denken Sie über Ikea?

Bonan: Zuallererst ist Ikea eine großartige, weltweite Erfolgsgeschichte. Und man kann sagen, dass sie "demokratisches Design" geschaffen haben. Jeder hat Zugang dazu.

DER STANDARD: Was nicht für Roche Bobois gilt.

Bonan: Nein, wir haben ein anderes Zielpublikum.

DER STANDARD: Denken Sie, ein Ikea-Stück lässt sich mit Roche Bobois kombinieren?

Bonan: Auf jeden Fall. Viele unserer Kunden kaufen auch bei Ikea ein.

DER STANDARD: Der Geschäftsinhaber hier in Wien, Alexandre Delmas, sagt, Roche Bobois vermittle eine Lebenshaltung à la française. Wie definieren Sie diese?

Bonan: Ich denke, es geht um eine bestimmte Wärme, die unsere Stücke ausstrahlen, was zum einen an den verwendeten Materialien liegt, zum anderen daran, wie wir die Objekte kombinieren. Wir sind auch sehr von der Mode inspiriert.

DER STANDARD: Inwiefern?

Bonan: Wie ein Modehaus bringen wir zweimal im Jahr eine neue Kollektion auf den Markt. Ferner sind wir sehr beeinflusst von den Modetrends. Missoni, Kenzo oder Ungaro sind Partner von uns.

DER STANDARD: Was unterscheidet den französischen Lifestyle vom italienischen?

Bonan: Die Italiener sind reduzierter, minimalistischer. Vielleicht auch kühler.

DER STANDARD: Gibt es einen österreichischen Stil?

Bonan: Ich denke, dass die Menschen ganz allgemein mehr oder weniger denselben Trends folgen und denselben Einflüssen ausgesetzt sind.

DER STANDARD: Eine Globalisierung des Geschmacks?

Bonan: Könnte man sagen. Man kann das natürlich kritisch betrachten, aber ich denke, dass die Menschen dadurch auch anspruchsvoller werden.

DER STANDARD: Was macht ein gutes Interieur aus?

Bonan: Es sollte die Persönlichkeit reflektieren. Es gibt kein Schema. Man muss sich einfach gut darin fühlen.

DER STANDARD: In der Liste Ihrer Designer gibt es keine großen Namen wie Matali Crasset, Tom Dixon oder Jasper Morrison. Warum nicht?

Bonan: Nun, zum Beispiel Pierre Paulin, der im vergangenen Jahr gestorben ist, hat in den 60ern für uns gearbeitet. Generell bevorzugen wir aber junge Designer, mit denen wir langfristig zusammenarbeiten können.

DER STANDARD: Weil die großen für langfristige Zusammenarbeit nicht so leicht zu haben sind?

Bonan: Ja, die machen ein Stück und sagen ciao. Es ist einfach leichter, die Marke zu verstehen, wenn man länger für sie arbeitet. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/26/03/2010)

Gilles Bonan wurde vor 42 Jahren in Paris geboren. Seit April 2008 ist er Vorstandsvorsitzender der Firmengruppe Roche Bobois. Zuvor war er Finanz-Analytiker in der Marketingabteilung von General Motors und Mitarbeiter der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars.

Auf zwei Ebenen mit rund 500 Quadratmetern Verkaufsfläche präsentiert Roche Bobois in Wien seine Kollektionen. Der Store ist in den großzügigen Räumlichkeiten einer ehemaligen Bank in der Wipplingerstraße untergebracht. Der Tresorraum im Keller wurde als Show-Element erhalten, außerdem gibt es sogar ein Minimuseum im Geschäft, das römische Funde aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. zeigt.

Roche Bobois Wien, Wipplingerstraße 27, 1010 Wien

  • "dyna", ein Entwurf des Designers Sacha Lakic und Geschmacksfrage, wie vieles im Design. Und über Geschmack kann man ja bekanntlich nicht streiten, wie man auch  bei Roche Bobois meint.
    foto: hersteller

    "dyna", ein Entwurf des Designers Sacha Lakic und Geschmacksfrage, wie vieles im Design. Und über Geschmack kann man ja bekanntlich nicht streiten, wie man auch bei Roche Bobois meint.

  • "mah-jong", ein Entwurf des Designers Hans Hopfer, der auf schicke Art an das gute alte Hippie-Matratzenlager denken lässt.
    foto: hersteller

    "mah-jong", ein Entwurf des Designers Hans Hopfer, der auf schicke Art an das gute alte Hippie-Matratzenlager denken lässt.

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  • Roche-Bobois-CEO Gilles Bonan.
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    Roche-Bobois-CEO Gilles Bonan.

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