Wie der Wind

21. März 2010, 18:49

In gewissen gärtnerischen Fragen zählt nicht Empirie, sondern reine Professionalität, sagt Ute Woltron

Der Sturm des vergangenen Wochenendes wehte einen Mann in meinen Obstgarten. Klar, das geschah nicht ganz überraschend, doch der Wind war so fröhlich und der Mann so hurtig, dass man hätte meinen können, die beiden seien gemeinsam aus der Steiermark hierhergewirbelt, um für einen flüchtigen Augenblick zu verweilen und dann gleich weiterzuziehen.

In der kurzen Atempause sah sich der sozusagen eben gelandete Mann um. Er betrachtete die Kirsch- und Zwetschkenbäume, die Mirabellen und Pfirsiche, die Apfelbäume und die Weichseln, die Kriecherln, die Quitten. Er nickte zustimmend, so, als ob er in ihnen Freunde begrüßen wolle.

Vor ungefähr acht Jahren waren die Obstbäume von mir gepflanzt worden - in altmodischen Dreierreihen, wie es bei den alten Bauern der Umgebung immer schon üblich war. Doch alte Bauern sind in der Regel um einiges schlauer als ich. Die wussten zum Beispiel noch, wie man diese Bäumchen schneiden soll, damit sie nicht pappelartig in den Himmel wachsen, sodass ohne Feuerwehrleiter schier kein Apfelernten mehr ist.

Fraßspuren bestimmter Insektenlarven

Ich bin immerhin so weit, dass ich weiß, dass Obstbäume ganz unbedingt geschnitten werden müssen, sollen sie in Würde altern, gesund bleiben und reichlich Frucht tragen, und dass der beste Obstbaumschnitt derjenige ist, der alle diese drei Zustände ausbalanciert zu fördern vermag.

Ich bin auch so weit, dass ich weiß, dass ich nicht weiß. Wie das geht nämlich.

Den Mann schickte also der Himmel. Denn er war einer, der genau wusste und der offenbar in den Bäumen lesen konnte wie andere in Büchern. Er erkannte die längst verjährten Fraßspuren bestimmter Insektenlarven in der Rinde. Er konnte lang zurückliegende Hagelschauer datieren und die fruchtbaren Jahre in der Vergangenheit der einzelnen Obstgewächse ausmachen. Er prophezeite, welcher Baum heuer tragen würde, welcher nicht. Er fragte, ob ich Buch führe, über Blühzeiten und die herrschende Witterung sowie die Erträge. Er war nachsichtig, als ich betreten zu Boden blickte, und ich wusste noch stärker, dass ich nichts weiß.

Hobbygärtner sind Dilettanten

Dann zog er eine kleine zusammenklappbare Säge hervor, schwang sich eichkätzchengleich auf Leiter und Äste und verpasste meinen Bäumen dermaßen gezielte Schnitte, dass es eine reine Freude war zuzuschauen.

Wir sogenannten Hobbygärtner sind Dilettanten im besten Sinne des Wortes, und in vielem dürfen wir das auch sein. Wen kümmert's - außer uns natürlich -, wenn Salatexperimente floppen oder die Paradeiserernte unzufriedenstellend verläuft? Wen stört's, wenn die Rose vergeilt?

Doch Bäume, die sind etwas anderes. Jeder Fehler, dessen man sich als unwissender Schnitter sündig macht, zieht sich jahre-, vielleicht jahrzehntelang dahin, bringt gegebenenfalls den Baum irgendwann um. Seit dem vergangenen Sturm betrachte ich die Welt der Bäume ganz anders. Fast bin ich versucht, das Haus nur noch mit der Säge zu verlassen.

Tipp

Da wir Sie mit dem nunmehr auf Ihre Obstbaumgärtnerseele gepfropften Zweifel keinesfalls allein lassen wollen, gibt es kommende Woche eine Nachfolgekolumne, in der ins Detail gegangen wird: damit die grundlegenden Unterschiede zwischen dem Schneiden von Pfirsichbäumen und Apfelbäumen klarwerden, beispielsweise. Oder damit Sie, so wie ich gerade erst, erfahren, was ein zweistufiger Schnitt ist. Denn Zeit ist das Gold des Obstbaumgärtners, und wer die Jahre für sich arbeiten lässt, mit kleinen Korrekturschnitten sorgfältig gelenkt, der kriegt mit einem Mal den großen, langen, alles überlagernden Atem der Natur zu spüren. Großartig.

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Mir sind die alten Obstbäume zu heilig.

Da schneiden wir net selbst rum sondern da kommt der Profi und erledigt das. Die Bäume dankens.

Holen Sie gar am End' den Herrn Hochwürden?

Merkwürdig.

Es gibt ja Kurse

und irgendwie muß man ja mal anfangen. Auch dieser Meister ist nicht vom Himmel gefallen (wenn auch vom Wind hergeweht).

Hoffentlich fallt er ned vom Baum!

Wenn er mal Meister ist,

wohl nimmer :-)

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