Löcher im Käse

18. März 2010, 16:15
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Der US-amerikanische Pop-Extremist begeht eigentlich nur schwere Fehler - Diese klingen aber atemberaubend und entzückend

Ein echter Fehler entsteht durch die Durchführung einer falschen Maßnahme. Ein Aussetzer wird durch das Vergessen einer Tätigkeit innerhalb eines Ablaufs hervorgerufen. Ausrutscher passieren, wenn eine richtige Maßnahme falsch umgesetzt wird. Anders gesagt: Die große Kunst des Gonjasufi beruht darin, diese drei Fehlerarten gewinnbringend für sich zu nutzen. Damit die ganze Sache nicht völlig aus dem Ruder läuft, gilt es schließlich auch, das in der Medizin und im Fluglotsenverkehr gern benutzte Modell des "Swiss Cheese" zur Anwendung zu bringen. Das Modell vergleicht, so Mikael Krogerius und Roman Tschäppeler in ihrer 2008 erschienenen Arbeit 50 Erfolgsmodelle - Kleines Handbuch für strategische Entscheidungen, die unterschiedlichen Ebenen, auf denen Fehler passieren können, mit Emmentaler-Käse-Scheiben: "In einer fehlerfreien Welt hätte der Käse keine Löcher. In der realen Welt aber ist der Käse in feine Scheiben geschnitten, und jede Scheibe hat mehrere Löcher, die an unterschiedlichen Stellen zu unterschiedlichen Zeiten auftreten. Ein Fehler bleibt unbemerkt oder nicht relevant, wenn das unvorhergesehene Ereignis nur ein Käseloch durchdringt. Es kommt hingegen zur Katastrophe, wenn die Löcher der verschiedenen Scheiben übereinander passen und gleichzeitig alle Sicherheitsvorkehrungen versagen."

Gonjasufi, der derzeit irrste Mann im Grenzbereich von elektronischer Musik, avantgardistischem HipHop und Kraut und Rüben, wurde 1978 als Sumach Valentine im kalifornischen San Diego als Sohn eines Botanikers geboren. Möglicherweise rührt auch daher seine Vorliebe, dem faden Alltag mit der Verarbeitung bewusstseinsverändernder Pflanzen zu entgehen. Nach einigen harten Drogenjahren auf den Straßen von Los Angeles entdeckte Gonjasufi den islamischen Sufismus für sich. Er wurde halbwegs clean und lebt heute als hauptberuflicher Yogalehrer mit seiner Frau und drei Kindern am Rande der Wüste im US-amerikanischen Sündenpfuhl Las Vegas.

Sein jetzt erschienenes Debütalbum A Killer & A Sufi entstand dort weitgehend im Heimstudio mittels des beherzt falschen oder querköpfigen und brutistischen Einsatzes von mitgenommenen japanischen Spielzeug-Keyboards, im Regen stehengelassenen Alleinunterhalter-Orgeln und billigen Sampling-Geräten. Schon allein dadurch zählt das Album zu den radikalsten und extremsten, fächerübergreifenden musikalischen Statements seit langer, langer Zeit.

Dabei sind die "Songs" von Gonjasufi keineswegs unhörbar. Vielmehr entstanden mithilfe von in Los Angeles ansässigen Produzenten und Mentoren wie Flying Lotus und The Gaslamp Killer herzerwärmend im Lo-Fi-Sound badende Grenzüberschreitungen zwischen käsigen Easy-Listening- und Bollywood-Platten vom Flohmarkt, im Magen bohrenden Punk-Bässen, Soul-Power des Stax-Labels, gutem altem HipHop, sowie Dub oder Garagenrock im Sinne eines anderen Sohns der Wüste, Cpt. Beefhearts.

Zusammengehalten und gleichzeitig gesprengt wird das Album durch Gonjasufis zwischen ganja-souliger Verzückung, rauer Raucherstimme und schneidender Härte beheimatetem Freistilgesang. Er irrlichtert durch eine Welt voller Fehler. Und will doch nur die Löcher aus dem Käse fliegen lassen. Ein Ereignis. (Christian Schachinger, RONDO - DER STANDARD/Printausgabe, 19.03.2010)

Gonjasufi - A Sufi & A Killer (Warp Records)

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  "Happiness is a warm gun": Gonjasufi aus der Wüste Nevadas
produziert eine krude wie beseelte elektronische Mash-up-Musik. Sie ist
weit draußen. 
    foto: warp records

    "Happiness is a warm gun": Gonjasufi aus der Wüste Nevadas produziert eine krude wie beseelte elektronische Mash-up-Musik. Sie ist weit draußen. 

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