Topf und Deckel

18. März 2010, 16:21
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Das indisch-englische Designerduo Doshi Levien entwirft Pfannen und Möbel mit kultureller Identität und sieht in der Globalisierung das ABC ihrer Formensprache - Ingo Petz besuchte das Paar in London

Zwei geschwungene Trichter, beschriftet mit den Wörtern "Listen" und "Soul", dazwischen ein rotes Herz. Die Installation, die das Designer-Ehepaar Nipa Doshi und Jonathan Levien für den Britischen Wellcome Trust entworfen hat, hängt in ihrem weißgestrichenen Studio im zweiten Stock eines alten, windschiefen Hauses mit knarzenden Holzböden. Ein Haus wie viele andere, die hier an der Columbia Road im Osten Londons zuhauf nebeneinanderstehen. Hexenhäuschen, in deren Schaufenstern der Fußgänger immer neue Dinge einer verspielten Kreativität entdecken kann, die den armen, verschrobenen Osten der englischen Stadt seit geraumer Zeit zu neuem Leben erweckt.

Das auffällige Stück symbolisiert auch die Arbeit der Designer, die als Doshi Levien bereits in jungen Jahren zu internationalem Ruhm gelangt sind - mit Arbeiten, die einen schlagenden Sinn für unterschiedliche kulturelle Identitäten und ausgezeichnetes Handwerk haben. Wie beispielsweise ein Kochgeschirr, das sie 2001 für den französischen Kochgeschirr-Produzenten Tefal entworfen haben. Bei einem Besuch in Indien war dem indisch-englischen Duo aufgefallen, dass in den indischen Küchen das übliche Kochgeschirr benutzt wird, es aber keine industriell gefertigten Pfannen oder Töpfe gibt, die sich an der Kochkultur und der Identität der Inder orientieren. Und das bei einer Bevölkerung von über 1,16 Milliarden Menschen!

Doshi und Levien entwarfen spezielle Kochtöpfe für Länder, die in den üblichen Kochutensil-Serien übergangen werden, aus Hightech-Materialien, ästhetisch ansprechend, äußerst funktional und am Boden mit Mustern aus dem jeweiligen Kulturkreis versehen: eine mexikanische Fajita-Pfanne, einen Wok für China, einen marokkanischen Tajine-Topf und eine für die indische Küche unentbehrliche Karhai-Pfanne. Das Geschirr wurde zum sensationellen Erfolg und machte Doshi Levien als Designer schlagartig bekannt.

Liebe und Kreativität

Das Zuhören wie auch das genaue Hinschauen gehören für Doshi Levien zum Selbstverständnis ihrer Arbeit, mit der sie Brücken zwischen Welten und Kulturen bauen und gleichzeitig das Besondere, das Eigene, die Vielfalt betonen. Zudem: "Liebe und Kreativität", sagt die kleine, quirlige Doshi, "haben denselben Ursprung." Das klingt sentimental, ist aber nicht so gemeint. Die Stücke, die sich Doshi Levien ausdenken, zeichnen sich trotz häufig überbordender Farben, Ornamente und Formen durch ihre schlichte Funktionalität und handwerkliche Präzision aus.

Unter der Herz-Installation steht ein Zweisitzer, der sich der Form und Idee nach an dem traditionellen indischen Bett "Charpoy" orientiert, aber wie ein modernes, sehr schickes Sofa aussieht. Knöpfe, Kissen und Bezüge der Arbeit, die poetisch "My beautiful backside" heißt und für das italienische Design-Haus Moroso entwickelt wurde, weisen unorthodoxe geometrische Formen, Farben und Dekorationen auf, die trotz ihrer indisch-prallen Fülle im Gesamtkonzept eine auffällige Klarheit, ja sogar Strenge erkennen lassen. Die Stoffe stammen aus Indien. Das Muster des Sofas hat sie dem indischen Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel "Chaupar" entliehen. So kann man auf dem Sofa sitzen und gleichzeitig spielen. Doshi fährt mit ihrer Hand über den Bezug des Sofas, das eine gewisse Feierlichkeit ausstrahlt. Am liebsten würde man sich da gleich niederlegen.

Als die Kollektion, die Möbel, Kissen, Matratzen, Liegen und Teppiche umfasst, von Doshi Levien bei der Mailänder Möbelmesse 2007 vorgestellt wurde, zog sie die Massen an - wie Obst die Fruchtfliegen. Im vergangenen Jahr zeichnete Wallpaper das Sofa als Design-Arbeit des Jahres aus.

"Ich versuche", sagt Doshi und streift mit ihren Fingern über den Sofabezug, "diese Feierlichkeit, mit der Inder ihren Alltag leben, in meine Ideen einzubinden. Auf der Design-Schule haben wir Toaster in Braun-Ästhetik entworfen. Das war wie beim Bauhaus. Nach dem Prinzip: form follows function. Aber sobald ich die Schule verlassen hatte und durch die Straßen und Märkte von Ahmedabad streifte, wurde mir klar, dass indisches Design anders aussehen muss. Die Menschen genießen das Leben, sie reden viel und lieben das Spiel. All dies steckt auch in meiner Arbeit. Man könnte auch sagen: form follows celebration."

Arbeit mit zwei Seelen

Während Doshi, die 1971 in Bombay geboren wurde, in Delhi aufgewachsen ist und ab 1994 auf Anregung von Jasper Morrison am Londoner Royal College of Art studierte, sich ihren Arbeiten eher über das Visuelle, das Grafische und die dekorativen Elemente nähert, übernimmt ihr Partner Jonathan Levien die pragmatische Seite. "Ich komme eher von der europäischen und industriellen Seite", erklärt Levien, dessen Eltern Spielzeugfabrikanten waren. "Ich versuche, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren und sie funktionstüchtig und praktikabel zu machen. So haben unsere Arbeiten etwas Schizophrenes oder auch zwei Seelen." Kritiker feiern die Verbindung von mulikulturellen Elementen und modernem Anspruch. "Wir machen kein Ethno-Design", sagt Doshi. Und Levien springt ihr bei. "Unser Traum ist es, ein Land zu erschaffen, das den Austausch und Pluralismus von Werten feiert und dabei verschiedene Gesellschaften, Materialien und visuelle Kulturen verbindet. Dieses neue Land ist eine Metapher für die Hybridisierung, die wir mit unserem Design anstreben."

Der 1972 in Schottland geborene und in London aufgewachsene Levien lernte Doshi Ende der Neunziger kennen. Doshi war nach ihrem Abschluss am Royal College of Art nach Indien zurückgekehrt, um die indische Handwerkskunst zu studieren. Bei einem London-Besuch traf sie Levien, der gerade sein Studium des Möbel-Designs am Royal College of Art abgeschlossen hatte. Es funkte sofort zwischen den beiden, privat und beruflich. 2000 gründeten sie Doshi Levien. Ihre erste Arbeit waren ein Besteck und eine Gläser-Kollektion für Habitat, das der dortige Chef-Designer Tom Dixon in Auftrag gegeben hatte. Dixon hatte Doshi bereits während ihres Studiums in London kennengelernt. Wie die meisten Arbeiten der beiden sind auch diese in dem länglichen Studio ausgestellt, das von einem langen Tisch und einer Theke bestimmt wird. Die großen Fenster offenbaren den Blick auf einen kleinen Park. Ein bestimmtes Portfolio, geschweige eine bestimmte Definition von Design, nach der sie arbeiten, haben Doshi Levien nicht. "Die Freiheit ist unsere Kunst", hatte Levien vorher erklärt - ein junger Mann in lässigen Jeans, der anders als seine Partnerin etwas reservierter wirkt. "Wir wollen mit den besten Menschen zusammenarbeiten und die bestmöglichen Dinge produzieren. Sich einem Ethos zu unterwerfen, halte ich für schwierig, weil man sich so in seinen Möglichkeiten einschränkt. Wir wollen grundsätzlich die Lebensqualität verbessern."

Erst im vergangenen Jahr entwickelte das Design-Duo zusammen mit Englands bekanntestem Edel-Schuhmacher John Lobb neue Damen- und Herrenschuhe. Das größte Interesse der beiden gilt allerdings der Globalisierung. "Viele verbinden damit gewisse Ängste und Befürchtungen, die mitunter gerechtfertigt sind", sagt Levien. Aber die Chance der Globalisierung sei es eben auch, Produkte entsprechend ihrer regionalen und kulturellen Umwelt zu designen. Wie eben das Kochgeschirr. Im Moment arbeiten Dosh Levien für den finnischen Handy-Hersteller Nokia. Worum es genau geht, dürfen sie nicht verraten. "Aber warum", fragt Doshi, "warum sind Handys überall gleich designt? Weil sie von Westlern für Westler produziert wurden. Kann es nicht sein, dass sich ihre Funktion von Land zu Land mitunter unterscheidet? In Indien beispielsweise gebrauchen die Frauen das Handy als Netzwerkhilfe, um die Familie im hektischen Alltag zu organisieren." Die Industrie bräuchte heute Designer umso mehr, um diese Beobachtungs- und Übersetzungsleistung in ihren Produkten zu vollbringen. Das zweistöckige Haus von Doshi Levien befindet sich übrigens in unmittelbarer Nähe zur Liverpool Street, Londons Bank- und Geschäftswelt mit ihren Glas- und Stahlpalästen, und der Brick Lane, Heimat der Bangladesch-Gemeinschaft in der englischen Hauptstadt. Zwischen zwei Welten also - und doch unverkennbar mittendrin. (Ingo Petz/Der Standard/rondo/19/03/2010)

  • Sofa aus der Serie "My beautiful backside" für Moroso.
    foto: hersteller

    Sofa aus der Serie "My beautiful backside" für Moroso.

  • Die Pfannenböden aus der Serie "Base patterns".
    foto: hersteller

    Die Pfannenböden aus der Serie "Base patterns".

  • Artikelbild
    foto: hersteller
  • Nipa Doshi und Jonathan Levien.
    foto: hersteller

    Nipa Doshi und Jonathan Levien.

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