Über das Abschreckende am Kultivierten erzählt Luzia Schrampf
Wiener Wein hat sich in den vergangenen Jahren selbst wiederbelebt. Die Hauptstadt war damit deutlich langsamer als das restliche österreichische Weinwunder, was gern mit der Heurigen-Haltung erklärt wird: Getrunken wird eh alles, Hauptsache es ist gemütlich.
Ausgangspunkt war eine flächendeckende Verbesserung der Qualität des in Wien erzeugten Weins. Heute holen nicht nur ein, zwei Winzer Bestmögliches aus den Gegebenheiten heraus, sondern sehr viele mehr. Die Folge davon ist, dass derzeit selbst im "Hausliter" beim Heurigen Besserschmeckendes drinnen ist als noch vor wenigen Jahren.
Nachdem diese Basis gelegt war, verpasste sich die Wiener Weinwirtschaft einen Auftritt, der unter "Wiener Wein - kultiviert für Kultivierte" Entstandenes als Marke festigen möge. Gegen den Begriff "kultiviert" kamen postwendend Einwände: Er schrecke ab. Das hat etwas Kurioses: Zum Kreis der Kultivierten zu zählen ist offenbar so abgehoben, dass man gleich als intellektuell durchgehen könnte. Kultiviert wird in der Landwirtschaft so gut wie alles. Nachdem fertig kultiviert ist, wird am anderen Ende des Verarbeitungsprozesses gegessen und getrunken - was durchaus kultiviert ablaufen darf, beim Heurigen wie an jedem anderen Tisch. Abschreckend, oder? (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/12/03/2010)