Barbapapas Großcousin

13. März 2010, 17:14
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Nendo bedeutet im Japanischen Knetmasse. Die gleichnamige Truppe rund um Designer Oki Sato bläst Kunststoff statt Glas, und ihre Möbel lassen sie schweben

Weiße Polyester-Blasen / klagen im lichten Laich / toter Museen. Das wäre schon einmal ein würdiger Haiku, der Designer Oki Sato gefallen könnte. Wenngleich er für erfolgreiches Produktdesign vielleicht doch zu melancholisch ist. Ein anderer sollte also besser so lauten: Elektrohelle Hitze / haucht aus Lungenflügelspitzen / leises Kugelhaus-Geflüster. Denn wer atmet, der schöpft. Und wer kraft seiner Lungenbläschen Avantgarde-Design schafft, der schöpft überdies ganz besonders schöpferisch. Die kleinen, rundlichen "Blown- Color"-Leuchten, die noch vor kurzem aus dem Boden des New Yorker Museum of Art & Design wuchsen, sich dabei wie gedopte Wiesenchampions vor die Besucherfüße kuschelten, sind ein gutes Beispiel für diese Theorie.

Dass das neuartige Material zunächst so gar nicht nach zarten Lichtpflänzchen klingt, soll da nicht weiter stören. Smash heißt die Polyester-Faser, die der Tokioter Oki Sato, seines Zeichens Mastermind des Kollektivs Nendo Design, ausgewählt hat. Das klingt kaum nach dem Stoff, aus dem sich Polyester-Poesie weben lässt. Und doch: Smash ermöglicht eine kleine Revolution, durchaus passend zu einem aktuellen Megatrend der Designwelt.

Es geht um "mass customization". Um einzeln gefertigte Serienprodukte, die das Raue mit modernster Technologie, das Menschliche mit der Maschine verknüpfen. Kurz: Es geht um jene neue Etappe im Rahmen der postmodernen Produktion, die den singulären Gestus des Objekts in den Vordergrund rückt und also dort weitermacht, wo vor langer Zeit serielle Fertigung das Steuer übernommen hat, - nämlich bei der Bruchstelle, die den Übergang von Handwerk und Maschinenästhetik markiert.

Trennungslinie zwischen Poesie und Sterilität

Weil Oki Sato, wenngleich in Toronto geboren und aufgewachsen, doch auch ein wenig aus Japan kommt, wo das Unregelmäßige von jeher elementarer Teil der traditionellen Ästhetiklehre Wabi-Sabi ist, spielt all das vielleicht gar keine gröbere Rolle. "Es nährt alles, was authentisch ist, da es drei einfache Wahrheiten anerkennt: Nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt" - so ließe sich Wabi-Sabi zusammenfassen. Aber auch als Trennungslinie, die zwischen Poesie und Sterilität verläuft.

Und so kommt es vielleicht bloß auf das Blasen an, das Oki Satos Nendo-Designer mit der Polyester-Faser anstellen, wobei sie dem langen Kanon der Produktgestaltung eine überaus sinnliche Randnotiz zur Seite stellen. Denn Smash kann erhitzt in diverse Formen gehaucht werden, die das Material im abgekühlten Zustand behält - ein Prozess, der ein wenig an die Tradition des Glasblasens erinnert. So wie Nendos "Blown-Color"-Champions an die Low-Tech-Version eines japanischen Leuchten-Klassiker denken lassen: nämlich die transparent-weißen Chochin-Laternen aus Papier.

Issey Miyake, der seit einigen Jahren auch den Direktor des Tokioter Designmuseums gibt, bekam jedenfalls Gusto auf die bereits anlässlich der letzten Tokyo Design Week vorgestellten Leuchtpilze - und bestellte sofort zwei Exemplare für sein privates Zuhause. Es war freilich keineswegs das erste Mal, dass der berühmte Modeschöpfer auf Oki Sato aufmerksam geworden war. Schließlich hatte Miyake ja auch den Auftrag für dessen bislang bekanntesten Entwurf erteilt: dem aus einer Rolle mit gefaltetem Papier entworfenen "Cabbage Chair" - entwickelt aus einem Abfallprodukt, das beim Schneidern von Desi-gnerkleidern anfällt und das bereits 2008 in die Sammlung des MoMA aufgenommen wurde.

Hingehauchter Ganzkörpereinsatz, der Design in Form einer Leuchte ausatmet. Übersehene Papierreste, die vom Boden irgendeines Modeateliers aufgelesen, plötzlich ein Eigenleben zu entfalten scheinen, sich wie in den märchenhaften Animations-Fabeln des Prinzessin Mononoke-Regisseurs Hayao Miyazaki in reine Poesie verwandeln. Diese Grätsche zwischen Leichtigkeit und Präsenz ist bei Nendo Design keineswegs ein Einzelfall. Der Tiefgang und das Immaterielle - unlösbar scheint es mit Oki Satos Arbeit verknüpft. Doch es ist eine Leichtigkeit, die Gewicht hat und nicht selten technologischen Hintergrund.

Oki Sato hat sich damit - neben Shooting-Star Tokujin Yoshioka und dem zunächst anonym aufgetretenen Nosigner - zu einer der spannendsten Figuren der neuen japanischen Designergeneration entwickelt und zieht von seinem Büro im Tokioter Stadtteil Meguro, dem 2005 eine Mailänder Filiale folgte, viele Fäden.

Das verrät auch der weitere Spaziergang durch die jüngste New Yorker Ausstellung, die sich höchst passend mit "Ghost-Storys: New Design from Nendo" nannte. Da schwebt einem der "Fade-Out Chair" entgegen: ein formal reduzierter, rechtwinkliger Stuhl aus durchsichtigem Acryl, das so mit Farbe bestrichen ist, dass es eine Holzmaserung imitiert. Der untere Bereich der Beine aber bleibt durchsichtig - der Stuhl scheint sich, unmittelbar bevor er den Boden berührt, einfach aufzulösen.

Nichts ist, wie es scheint

Der zerbrechlich wirkende "Cord-Chair" erzählt eine andere Geschichte. Aber auch sie hat mit Dingen zu tun, die es so eigentlich gar nicht geben dürfte - es sei denn im Reich der Fantasie. Der Holzstuhl, der hauchdünn und zerbrechlich wirkt und der dank eines im Holz verborgenen Aluminium-Skeletts doch höchst robust ist, erinnert an jene abgehobene Episode des japanischen Flugzeugbaus, als aufgrund der Materialknappheit nach dem Krieg Flugzeuge aus Holz gefertigt wurden.

In diese Kerbe schlagen auch die "Phantom-Waves", Prototypen für eine Vase, bei der ein transparenter Polyester-Film für optische Täuschung sorgt: Fällt Licht auf den durchsichtigen Kunststoff Mylar, scheint sich der Vaseninnenraum in wellenförmige Scheiben zu unterteilen. Nichts ist, wie es scheint.

Nendo bedeutet im Japanischen Knetmasse. Und weil es wie bei Judo, Kendo und Aikido dabei nicht nur um pure Technik, sondern eben auch um Do, den Weg, geht, birgt das spielerische Kneten am Rohstoff "Produktwelt" ein klar formuliertes Konzept. "Uns geht es nicht so sehr um Funktionalität, sondern eher um Gefühle, die wir vermitteln wollen. Wir wollen kleine Geschichten erzählen, die Leute überraschen", sagt der 1977 geborene Oki Sato. Exklusive Möbelhersteller wie Cappellini, Moroso, Swedese oder Arketipo hören ihm gerne dabei zu - und zwar als Kunden, für die das achtköpfige Nendo-Team entwirft.

Überraschen mit Humor - auch das geht mühelos von der Hand. Etwa wenn Oki Sato ein Herz für Tiere beweist - indem er sie durch Technik ersetzt. Die Lautsprecher "Music Cage" mögen im leicht verschnörkelten Retro-Look historischer Vogelkäfige daherkommen. Aber sie haben die Ära der bourgeoisen Kerkermeister hinter sich gelassen - statt eingesperrter Singvögel zwitschert hier bloß noch elektronischer Sound.

Ebenso virtuos kneten Nendo das Spiel der Größenrelation. Das beweist der Kleiderständer "Eda" für Arketipo: eine überdimensionierte Keramikvase mit stilisierten Metall- ästen, in deren Verzweigungen sich Jacken, Hemden, Hüte aufhängen lassen.

Dass es auch einwandfrei in umgekehrter Richtung funktioniert - getreu dem Prinzip Miniaturisierung - beweist indessen "Socket Deer": eine Steckdose mit Zusatzfunktion in Form eines kleinen Geweihs. Wahlweise Elch oder Hirsch. Und ideal, um Schlüssel oder Akukabel daran aufzuhängen. Schließlich hat Poesie ja auch mit Ordnungsliebe zu tun. (Robert Haidinger/Der Standard/rondo/13/03/2010)

  • Als würde er schweben, kommt der "Fade-Out-Chair" daher, ein durchsichtiger Acrylsessel, dessen Bemalung Holz imitiert.
    foto: hersteller

    Als würde er schweben, kommt der "Fade-Out-Chair" daher, ein durchsichtiger Acrylsessel, dessen Bemalung Holz imitiert.

  • Zu sehen ist die Vase "Phantom-Waves", bei der ein transparenter Polyesterfilm für optische Täuschungen sorgt.
    foto: hersteller

    Zu sehen ist die Vase "Phantom-Waves", bei der ein transparenter Polyesterfilm für optische Täuschungen sorgt.

  • Die einzigartigen Leuchten "Blown- Colour", deren Machart an das Blasen von Glas erinnert.
    foto: hersteller

    Die einzigartigen Leuchten "Blown- Colour", deren Machart an das Blasen von Glas erinnert.

  • Master-Mind von Nendo: Oki Sato.
    foto: hersteller

    Master-Mind von Nendo: Oki Sato.

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