Schäferstündchen mit Tarantino

11. März 2010, 16:31
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Um Wahlverwandtschaften zwischen modernem Design und Stücken aus der Sammlung des Museums für angewandte Kunst geht es in einer Ausstellung im MAK

Michael Hausenblas prüfte die Verwandtschaftsverhältnisse.

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An der Wand prangt ein massiges Wirtshausschild in Form einer pechschwarzen schmiedeeisernen Girlande aus dem 18. Jahrhundert. Trotz der eingearbeiteten Rosenknospen und des ornamentalen Überschwangs wirkt das Ding düster und böse. Der Schatten, den das Objekt an die Wand wirft, nimmt der Szene etwas von der Last, lässt dieses Objekt zumindest im Schattendasein leicht wie Glas wirken. Dem geschwungenen Eisen wird in der Ausstellung Firing Cells - About Having a Moment das Trinkservice Nr. 281 "Grip" gegenübergestellt - ein Entwurf des jungen Designers Marco Dessi (RONDO berichtete). Dieser lehnt sich formal an einer Becherserie von Adolf Loos an. So viel zum ersten Eindruck in der Ausstellung im MAK Design Space, die der Architekt Gregor Eichinger kuratierte. Bezüglich des Titels dachte dieser an ein "neuronales Gehirnzellengewitter, das durch qualitative Eigenschaften und Konsistenzen von Design ausgelöst wird - unabhängig von Zeit und Raum".

Man packe also seine Milliardenschar an Neuronen zusammen und schaue, ob's blitzt und donnert im Zellengewirr angesichts der Gegenüberstellungen von zeitgenössischem Design und Objekten aus der gigantischen Sammlung des MAK. Eichinger geht es bei der Geschichte aber nicht darum, einen barocken Monsterschrank gegen ein Hightech-Leichtgewicht in den Design-Ring zu stellen. Im Vordergrund steht die Möglichkeit, Wahlverwandtschaften über die Gattungsgrenzen hinweg aufzuspüren. Spürhund Eichinger hat eine Auswahl getroffen, die die Neuronen in jedem Fall auf Trab hält, denn der Verwandtschaftsgrad der Objekte ist nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennbar. Man nehme das erwähnte Schild und Dessis Gläser. Onkel und Neffe? Cousins oder doch Opa und Enkel? Wie passen die zwei zueinander?

Ein Aspekt wäre das Aufeinandertreffen von Schwer und Leicht, ein anderer von Stabil und Zerbrechlich, ein dritter natürlich der Gegensatz von Ornament und Reduziertheit. Eichinger gibt keinerlei Erklärungsmuster. Keine Verwandtschaft ist hieb- und stichfest. In erster Linie geht es darum, die Objekte wirken zu lassen, in ihrer Form, ihrer Ästhetik und Funktion. Den Rest erledigen dann schon die Neuronen. Dabei ist es offensichtlich, dass Verwandtschaft für Eichinger keineswegs nur aus Gemeinsamkeiten, sondern gerade auch aus Gegensätzen besteht. Neun Wochen stiefelte Eichinger durch die Sammlungen des Museums. Die Dinge, die er suchte, sollten ihn "anspringen".

Florale Üppigkeit und figurale Süßigkeit

In der luftigen Schau, die Platz zum Denken lässt, versammelt sich auch eine dichtgedrängte Familie von Porzellanfiguren aus dem 18. Jahrhundert. Schäferinnen zum Beispiel oder ein "Kavalier im Pilgermantel". In ihrer Bunt- und Zartheit lassen sie an die Vitrine einer Konditorei denken, meinen manche Neuronen. Den Püppchen gegenübergestellt ist ein wöchentlich wechselndes Blumenarrangement des Wiener Blumengeschäftes Blumenkraft. Diese Woche ist es ein Blumenstrauß wie aus einem Biedermeierschinken. Der Verwandtschaftsgrad zwischen floraler Üppigkeit und figuraler Süßigkeit liegt in beiderseitiger Verletzlichkeit und Lieblichkeit, könnte man meinen. Auch was ihre Funktion als Dekorationsobjekt betrifft, kommen diese Dinge aus demselben Stall. Ein Gegensatz, so dieser gesucht werden will, liegt vor allem in der Lebensdauer der Objekte.

Im Untergeschoß des Design Space steht, irgendwie armselig, ein unfertig wirkendes Möbelensemble des Wiener Designstudios Vandasye. Die Power dieser Objekte besteht aus Verbindungsstücken, die aus einer Art "rapid prototyping" entstanden sind, einer Technologie, die es dem Konsumenten eines Tages ermöglichen soll, bestimmte Elemente dreidimensional auszudrucken, so wie ein Blatt Papier. Ihm gegenüber stellte Eichinger das protzig bestickte Ruhebett aus der "Zimmereinrichtung für einen großen Star". Josef Hoffmann hat es für die Weltausstellung 1937 entworfen. Es fällt nicht schwer, sich die sich räkelnde Dietrich samt Zigarettenspitz auf dem Ding vorzustellen.

Man sieht, das Gehirnzellengewitter ist je nach Objektpaarung mehr oder weniger heftig. Hier nur ein Blitzen am Horizont, dort lautes Donnergrollen. Ein Erklärungsmuster dieser Gegenüberstellung wäre, no na, Üppigkeit versus günstigste Produktionsmittel, neueste Technologie gegen Handwerkskunst, Fliegengewicht gegen Masse, das Möbel für einen "großen Star" gegen das Alltagsobjekt für jedermann. Möbel bleiben beide Stücke. Erleichterungen für den Alltag auch.

Die Zeiten sind ernst

Zwei Stiegen über der imaginären Dietrich schwirrt der Neuronenschwarm Richtung Quentin Tarantino. Hinter Glas liegen Waffen: schwarze Pistolen von Glock, formal weit weniger bedrohlich als die erwähnte Wirtshausgirlande aus schwerem Eisen, funktional jedoch das dunkle Ende des Designs. Ihnen zur Seite legt Eichinger drei Messer von Fuhrleuten aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Auf einem ist zu lesen: "Die Zeiten sind ernst, die Zukunft noch mehr / das Übel wird größer und drücked gar sehr." Hier eine Waffe, dort eine Waffe, oder doch nur Werkzeug zum Schneiden des Jausenbrotes zwischen zwei Fuhren? Wer weiß?

All diese Objekte haben wie jedes Design das Zeug dazu, Emotionen auszulösen, und Eichinger gelingt es in der Schau interessanterweise auch, jede vermeintlich historische Schwere des einen oder anderen Objekts durch sein Gegenüber an Gewicht verlieren zu lassen. Seine Objektsippen laden ein innezuhalten. Sie regen an, und die Neuronen verwandeln Design auch in Geschichten: die der Funktion, die des Gestalters, aber auch des Benützers. Wer mag in dem Wirtshaus eingekehrt sein, dessen Schild dort prangt? Wer trug einst den Kimono, den Megumi Ito zum Lampenschirm macht? Diesen stellt Eichinger bronzenen Kranichen gegenüber, die wirken, als würden sie im Lichtkreis der Lampe nach Brotkrümeln picken. Wo wären die Waffen gelandet, wenn nicht in einer Vitrine im Museum? Wie hätte sich Marlene Dietrich auf Josef Hoffmanns bestickter Liege gefühlt?

All diese Objekte sprechen für sich. Sie sind einfach da, wirken auf jeden anders und geben viele Antworten auf die Frage, was Design ist. Eichinger stellt in dieser Schau weder Regeln auf, noch gibt er starre Statements ab. Mit seinem Gentest durch die Objektwelt macht er dem Besucher das Angebot, sich frei auf einer Spielwiese des Designs zu tummeln. Gültig ist dieses Angebot noch bis 28. März. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/12/03/2010)

"Firing Cells - About Having a Moment" im MAK Design Space, Stubenring 5, 1010 Wien. Bis 28. März 2010. www.MAK.at

Die Ausstellung ist eine weitere Folge der Reihe "Start_up: Designer's New Projects", die im Rahmen der Kooperation "design> neue strategien" von MAK und Departure realisiert wird.

  • Zwei Objekte, für die der Architekt Gregor Eichinger im MAK Objektverwandte suchte: Porzellanshirt und Porzellanslip von Susanne Bisovsky mit Schuhen von Joseph Gerger ...
    foto: hersteller

    Zwei Objekte, für die der Architekt Gregor Eichinger im MAK Objektverwandte suchte: Porzellanshirt und Porzellanslip von Susanne Bisovsky mit Schuhen von Joseph Gerger ...

  • ...sowie eine Pistole von Glock.
    foto: hersteller

    ...sowie eine Pistole von Glock.

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