Radfahren mit Rückenwind

10. März 2010, 17:15
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Elektrofahrräder unterstützen die Umweltambitionen von Tourismusorten und werden zunehmend gefördert

Schon die erste Begegnung war eine Mischung aus Umweltambition und sport-touristischem Experiment. Bei einer "klimaneutralen Pressereise", zu der im Jahr 2006 die "Alpine Pearls", eine Vereinigung ökologisch orientierter Fremdenverkehrsorte, geladen hatten, wurden den mit der Rhätischen Bahn angereisten Teilnehmern am Bahnhof von Arosa in der Schweiz Leihgeräte verpasst, die kaum von herkömmlichen Fahrrädern zu unterscheiden waren.

Zum Erstaunen und zur baldigen Gaudi der Benutzer entwickelten die Drahtesel aber auf der nicht gerade schwachen Steigung zum hochgelegenen Hotel ein beachtliches Eigenleben. Immer dann, wenn man besonders kräftig in die Pedale trat, demonstrierte das Bike einen wundersamen Schub, so als ob plötzlicher Rückenwind aufgekommen wäre. Schuld an den mirakulösen Kräften, die dem Fahrrad Flügel zu verleihen schienen, war ein kleiner, im Tretlager integrierter Elektromotor, der aber sofort aussetzte, wenn eine höhere Geschwindigkeit erreicht wurde, der Fahrer im Leerlauf dahinrollte oder gar bremste. Seine Kraft bezog das Maschinchen, das geradewegs aus Daniel Düsentriebs Werkstatt gekommen zu sein schien, von einem Lithium-Ionen-Akku, der an ein Ladegerät angeschlossen worden war. Rückenwind aus der Steckdose also, wobei der Stromverbrauch stark von der Fahrweise abhängt: Der Fahrer bestimmt selbst, mit wie viel Techno-Power er seine Muckis verstärkt.

"Pedelec", eine Wortkomposition aus Pedal und Elektro, lautet die inzwischen gängige Bezeichnung für einen neuen Typ von Fortbewegungsmittel, dem Fahrradindustrie, Händler, Umweltschützer, Touristiker und nicht zuletzt Konsumenten seit kurzem beachtliche Aufmerksamkeit schenken. Peter Vesecky, Betreiber einer Moped- und Fahrradwerkstatt am Rande des Wiener Praters, lockt zur eben beginnenden Frühjahrssaison in seinem Schaufenster mit eben jenem "Rad-fahren mit Rückenwind". In seinen Hochglanzprospekten posieren drahtige Fünfzig-plus-Athleten auf rollenden E-Bikes.

Bares Geld

2400 Euro kostet das Pedelec-e-Race des österreichischen Fahrradherstellers KTM. 300 Euro, so macht Händler Vesecky einen Kauf schmackhaft, steuert derzeit die öffentliche Hand als Förderung bei. Diese wird in verschiedenen Regionen zu diversen Bedingungen aus unterschiedlichen Töpfen gespeist: in Wien von der Umweltschutzabteilung, in Kärnten erwartungsgemäß "von unserem Herrn Landeshauptmann", wie Christian Pongratz, Veranstalter von Fahrradtouren am Klopeinersee erfreut vermerkt. Pongratz, der gemeinsam mit slowenischen Kollegen ein spektakuläres "Stollenbiken" in einem aufgelassenen Bergwerk organisiert, hat vergangenes Jahr sechs Elektrofahrräder der Schweizer Firma Flyer gekauft. Weitere 15 E-Räder stellen derzeit drei der sechs Gemeinden der Tourismusregion Klopeinersee-Südkärnten ihren Gästen gegen Leihgebühr zur Verfügung. Eigene E-Bike-Routenkarten mit touristisch interessanten Strecken, die ohne den zusätzlichen Schub nicht so einfach zu bewältigen wären, liegen in den Tourismusbüros auf. An Bushaltestellen werden Solarzellenladestationen für ein einheitliches Akku-System installiert. Ersatz-Akkus sind ebenfalls erhältlich.

Der touristische Einsatz ist nur eine von vielen Verwendungsmöglichkeiten für die neuen Elektrogeräte. In der Schweiz sattelte inzwischen die Polizei regionenweise auf Pedelec-Streife um. Und in Deutschland startete die Post ein dreimonatiges Probeprojekt. 25 Zustellerinnen und Zusteller in sechs Städten von Düsseldorf bis Wesel versehen derzeit auf orangefarbenen Lastenbikes ihren Dienst. Die Angebotsbreite der Hersteller umfasst inzwischen fast alle Typen herkömmlicher Fahrräder: Transporträder, Falträder, Tandems, Liegedreiräder, Reiseräder und Sportmaschinen für Straße und Schotter. Und Kommunen von Stuttgart bis Salzburg testen das E-Rad als Chance, Energiebedarf und Klimabelastung zu senken. An der Salzach ist das zu leasende Pedelec Teil eines Elektromobilitätspakets, zu dem auch Elektroautos gehören.

Christian Pongratz am Klopeinersee meint, dass sich die Zielgruppe der Freizeit-Pedelec-Benützer wohl auf eher ältere, mehr auf Spaß und eine gewisse Bequemlichkeit bedachte Klientel beschränken wird. Da irrt er allerdings gewaltig. Vergangenes Jahr ließ ein steirischer Hobbyradler aufhorchen. Der 43-jährige Klaus Sever, der bis dahin behauptetermaßen nie mehr als 30 Kilometer am Stück geradelt war, nahm, angeblich aufgrund einer Wette, am Profi-Mountainbike-Etappenrennen "Crocodile Trophy" über 1284 Kilometer quer durch den australischen Busch teil: auf einem KTM-Bike, ausgerüstet mit einem Elektroantrieb der Magna-Tochterfirma Bionix. Er kam zwar jeden Tag als Letzter ins Ziel, war aber nie am Ende seiner Kräfte und hielt so bis zur letzten Etappe durch. Das war die denkbar genialste PR-Aktion, um in einem Sportbereich, in dem Fitness und Leistung an oberster Stelle stehen, eine technische Hilfe zu legitimieren. Hobbysportler und Profis sollen ab nun vergleichbar sein. Das Handicap der Ersteren wird durch die Steckdose ausgeglichen, allerdings fehlen noch, anders als beim Golf, verbindliche Kriterien. Gerade streiten sich der Rennradler Christian Pfannberger (47:23 Minuten) und der Elektro-Pedaleur Thomas Messner (46 Minuten) um eine neue Rekordzeit aufs Fuschertörl am Großglockner. (Horst Christoph/Der Standard/rondo/05/03/2010)

Service

Literatur:
Gunnar Fehlau, Peter Barzel: "Das E-Bike - Die neuen Fahrräder mit elektrischer Antriebsunterstützung".

Typen, Modelle, Komponenten. Delius Klasing Verlag, Siekerwall.

Infos über E-Bike-Touren:
Christian Pongratz, Sportcenter Klopeinersee. Tel.: 04239-3245, info@sportcenter.at, www.biketour.at

E-Bike-Anbieter in Wien u. a.:
Cooperative Fahrrad, 1060, Gumpendorfer Str. 111, Elektrobiker, 1070, Westbahnstr. 26, Enzovelo, 1090, Spittelauer Lände 11, Peter Vesecky, Moped- und Fahrrad-Werkstatt und -Verkauf, 1020, Böcklinstr. 64., http://elfKW.at

Infos über die Förderung von E-Bikes, die in den einzelnen Bundesländern und Gemeinden verschieden ist und auch an unterschiedliche Laufzeiten gebunden ist, finden sich auf der Homepage des Argus-Fahrradbüros, 1040, Frankenbergg. 11: www.argus.or.at

  • Geradewegs aus Daniel
Düsentriebs Werkstatt gekommen.
    foto: fischer

    Geradewegs aus Daniel Düsentriebs Werkstatt gekommen.

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