In 20 Jahren mehr als dreitausend Nächte an den Plattentellern - pro Schicht sechs bis acht alkoholische Getränke und zwei Packungen Zigaretten
Man müsse jetzt hochrechnen. Gehen wir einmal davon aus, so DJ Mädchenpunk, dass er, seit er 18 Jahre alt sei, ungefähr dreimal die Woche in Lokalen und Clubs auflege. Das ergebe in 20 Jahren mehr als dreitausend Nächte an den Plattentellern. Pro Schicht kämen sechs bis acht alkoholische Getränke und zwei Packungen Zigaretten dazu. Das mache über den gelben Daumen ... Ach, du gute Güte. Eigentlich sei es ein Wunder, dass er noch nicht im Pflegeheim liege. Neulich habe er am Morgen im Kaffeehaus zufällig zwei alte Studienkollegen getroffen. Diese hätten ihm vor einem Viertel Rot zum Runterkommen gut sieben Stunden Schlaf vorausgehabt. Und außerdem hätten sie im Gegensatz zu ihm Milchkaffee getrunken. Blöd sei der Mädchenpunk sich da vorgekommen.
Für sein Alter und seinen Berufsstand nicht ganz untypisch, sucht er also den Ausstieg. Wenn man nichts gelernt hat - außer den Unterschied von Deep House und Minimal Techno, und warum ein Remix von Kylie Minogue cool und einer von Madonna nach Kuhstalldisco klingt -, wird es irgendwann eng. Einmal Gastronomie, immer Gastronomie. Als Kellner in eine dieser ins Kraut schießenden Coffee-Lounges wechseln, damit man untertags arbeiten könne? Jetzt, wo das Gewerbe krachengehe, eine Plattenfirma gründen oder ein CD-Geschäft aufmachen? Nein, danke. Ein Jahr mache er noch. Aber dann.
Am Wochenende gehe es jetzt erst einmal nach Zürich und anschließend nach Istanbul. Geile Szene dort, so DJ Mädchenpunk. Geil klingt dabei fast ein bisschen traurig. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 05.03.2010)