Interview: Uhr und Zeit

"Wir können die Zeit nur begleiten"

27. Februar 2010, 19:15
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    foto: der standard

    Alle Uhren wurden irgendwie dafür gemacht, dass man der Zeit beim Vergehen zuschauen kann. Zeit ist überall.

Taschenuhren sind anachronistisch - Bettina Stimeder fragte, warum Omega aus alten Taschenuhr-Teilen eine neue Kollektion macht

 CEO Stephen Urquhart erklärte das gern.

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Der Standard: Omega hat eine lange Historie, die natürlich bei der Taschenuhr anfängt. Bedeutet das heute noch etwas?
Urquhart: Eine Menge. Die Welt ist natürlich viel komplizierter geworden. Aber wir haben das Glück, eine solche Geschichte im Hintergrund zu haben. Ich nehme einmal die zwei Schlüsselpositionen der Firmengeschichte. Zum einen die Olympischen Spiele, die wir seit 1932 begleiten. Die zweite Position ist unsere Verbindung zur Mondlandung und zur Weltraumforschung. Die steht zwar momentan nicht so im Vordergrund. Aber es gibt noch die Pläne bemannt auf dem Mars zu landen. Und das Thema wird immer eine große Faszination für die Menschheit haben. Da haben wir wichtige und gute Verbindungen.

Der Standard: Die neuen Taschenuhren von Omega sind ja bestimmt anders als die ursprünglichen Modelle. Wie genau?
Urquhart: Wir haben eigentlich keine neuen. Wir haben einige gut erhaltene Teile aus den 1930- und 1940er-Jahren in den Werkstätten gehabt. Eine ganze Palette von Komponenten. Dann haben wir die neu zusammengefügt und für eine Kollektion aus Anlass der Olympischen Spiele von Turin, Peking und jetzt Vancouver zusammengefügt. Da stecken mehr oder weniger dieselben Komponenten drin. Es ist also im Kern gar nichts Neues. Es passt nur ganz gut zu der neuen Mode mit den klassischen Gehröcken. Das schreit ja förmlich nach einer Taschenuhr.

Der Standard: Hat die Uhrmacherei die Grenze des Möglichen erreicht?
Urquhart: Das hat man schon in den 1970er-Jahren gedacht. Wer zum Teufel braucht noch eine mechanische Uhr, wurde da oft gefragt. Zum Zeitmessen nicht. Das gilt heute in noch viel höherem Maß. Die Zeit kann man fast überall ablesen, an PCs, Handys etc. Aber die Schweizer Uhrenindustrie - und Omega war da maßgeblich beteiligt - hat es geschafft, das Interesse an der mechanischen Uhr neu zu entfachen. Sie ist ein Accessoire, dessen Funktion im engeren Sinn obsolet ist. Eine Uhr zu tragen, ist ein Statement oder ein Traum oder eine Verbindung zu einer Geschichte oder in die Vergangenheit. Also summa summarum: Die Möglichkeiten des Produkts sind technisch begrenzt, aber sonst grenzenlos. Es wird neue Märkte geben. Schwellenländer wie Indien. Afrika wird eines Tages eine Rolle spielen, wenn wir dieses Image von der Uhr als emotionale Angelegenheit aufrechterhalten können. Das ist unsere Aufgabe.

Der Standard: Sie sind ein Uhrenmann und kennen mehrere Luxusmarken von innen. Ist Ihre Beziehung zu Omega eine besondere?
Urquhart: Ich bin eigentlich ein Omega-Mann. Alles andere waren kurze Ausflüge. Ich habe viele der Umwälzungen auf dem Markt mitbekommen. Was einmal ein Nischenprodukt war, steht jetzt vorne im Rampenlicht. Die Leute sind sehr "uhrenbewusst" geworden und haben private Sammlungen. Omega ist definitiv mehr als nur eine Uhr. Nicht nur Uhren-Freaks kaufen mechanische Uhren, sondern etwa auch die Generation iPhone.

Der Standard: Die Lebenszyklen von Produkten werden immer kürzer. Wie kriegen Sie es hin, ein auf Langlebigkeit ausgerichtetes Produkt im Markt zu halten?
Urquhart: Objekte der Kunst, Objekte, die Gefühle auslösen, haben grundsätzlich eine lange Lebenserwartung. Die Langlebigkeit ist quasi integraler Bestandteil des Charmes und der Anziehungskraft des Produkts. Das können wir besonders gut in den Auktionen beobachten, in denen Vintage-Uhren besondere Aufmerksamkeit zukommt. Unsere Kunden kennen sich sehr gut aus. Wir nehmen das als Auftrag, ständig an unserer Qualität zu arbeiten. Da darf man nicht nachlassen. In dieser Hinsicht ist der Markt nämlich sehr schnell. Wer nachlässt, wird vom Konsumenten im Handumdrehen abgestraft. Und der Konsument ist King.

Der Standard: Es gibt Slow Food, slow dies und slow das - unterm Strich ein Bedürfnis nach Entschleunigung. Ist eine Taschenuhr ein "slow product"?
Urquhart: Irgendwie schon. Man muss sie aufziehen, sich Zeit für sie nehmen. Vielleicht brauchen wir mehr davon in der Zukunft.

Der Standard: Wie sieht es aus, wenn die Zeit vergeht?
Urquhart: Alle Uhren wurden irgendwie dafür gemacht, dass man der Zeit beim Vergehen zuschauen kann. Zeit ist überall. Jeder hat sie. Wir können sie nicht kontrollieren. Sonnenaufgang und -untergang geschehen jenseits unseres Einflusses. Das Schöne an einer Uhr ist, dass wir das Elementare, die Sekunden, die vor sich hintröpfeln, nehmen und diesem Geschehen oder Nicht-Geschehen ein kunstvolles Objekt widmen. Das ist das Unglaubliche an der Zeitnehmung. Über die Zeit und wie sie abläuft, wurde vor langer Zeit entschieden. Wir können sie nur mit einer Uhr begleiten.

Der Standard: Hat sich Omega als Marke eher dem Beschleunigen oder dem Entschleunigen verschrieben?
Urquhart: Wir müssen beides im Auge behalten. In manchen Dingen müssen wir schnell agieren, in anderen langsam. Wir bewahren unsere Geschichte, müssen uns aber den neuen Zeiten öffnen. Bei der Produktentwicklung sind wir langsam, beim Erkennen von Marktbewegungen schnell. Wir würden nie eine Abkürzung nehmen, um ein Modell schneller auf den Markt zu bringen. Es ist alles eine Frage der richtigen Balance.

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