Am liebsten würde ich mir Prozac verschreiben lassen - Aber probier' du einmal zu weinen, wenn du auf dem Zeug drauf bist
Im täglichen Miteinander existieren ein paar Grundübereinkünfte, die man besser nicht infrage stellt. Zum Beispiel musste Schurl jetzt von seinem Haushaltsvorstand lernen, dass man ein gemeinsames Baby im Kinderwagen durchaus einmal - und gar keine Frage - in einem sommerlichen Gastgarten parken dürfe: "Die Betonung liegt aber auf ,ab und zu' und auf ,Erfrischungsgetränk', Georg." Wir alle wissen, was es geschlagen hat, wenn den Schurl jemand mit seinem Taufnamen anspricht. Die hier kürzlich vorgestellte Idee, das arme Kind im Winter mehrmals die Woche in die Selchkammer des Stammwirts zu bugsieren, wurde jedenfalls im selben Atemzug brüsk, also hochoffiziell und ohne Einspruchsmöglichkeit abgelehnt: "Georg, ich sag' es sonst deiner Mutter."
Das ist gut für den Familienzusammenhalt. Und es ist gut für Schurls diesbezüglich unbelasteten Freundeskreis. Dieser kann grimmigen Bubenhobbys wie Wir trinken uns den Strache schön oder Samstag Nachmittag Fieber wieder ungestört nachgehen. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne betretenes Schweigen. Schurl holt sich seine Dosis Lumpentum sowieso weiterhin, nur gesünder. Als elektronischer Zaungast liest er daheim im stillen Kinderglück Tratschbuchmeldungen wie diese: "Uuaaargh - totale Vernichtung!", "Warum nur schmeckt mir das Ottakringer so?" Oder: "Bombe!" Unangenehm nur, dass Georg mitunter antwortet. Das klingt düster: "Am liebsten würde ich mir Prozac verschreiben lassen. Aber probier' du einmal zu weinen, wenn du auf dem Zeug drauf bist. Und was bleibt mir dann noch?" (Christian Schachinger/Der Standard/rondo/19/02/2010)