Sie gehören zu den interessantesten Arten ihrer Gattung: Uhren, die Einblicke in ihr Innenleben gestatten
Am Unterschied sollt ihr sie erkennen. Das gilt auch für jene Uhrwerke, welche tiefe Einblicke in ihr Seelenleben gestatten. Die handwerkliche Qualität eines skelettierten Mikrokosmos diagnostizieren Fachleute mit nur wenigen Blicken dort, wo facettierte Kanten zusammenstoßen. Scharfe Ecken lassen auf manuelles Agieren schließen, abgerundete zeugen hingegen von mehr oder minder starker maschineller Unterstützung.
Grundlage allen Skelettierens sind ganz normale Kaliber. Beim Hand-Skelettieren markieren Uhrmacher die Umrisse des geplanten Skeletts mit einer Nadel. Nach dem Anbringen feiner Bohrungen entfernten sie das überflüssige Material mit einer speziellen Laubsäge. Weitere Schritte gelten dem Anglieren der Kanten sowie dem Gravieren der Oberflächen.
Hervorstechende Merkmale guter Handarbeit sind aber nicht nur die sorgfältig ausgearbeiteten Winkel, sondern auch die Kongruenz der übereinanderliegenden Teile. Zum Zwecke eines ungetrübten Durchblicks sollten sie möglichst deckungsgleich sein. Allerdings müssen die Handwerker stets darauf achten, dass die Festigkeit der tragenden Teile, also der Platine, Brücken und Kloben, unbedingt erhalten bleibt. Nur so können sie sicherstellen, dass die skelettierte Uhr über Jahre hinweg einwandfrei läuft und die Funktion keine Einbuße erleiden. In diesem Sinne verlangt das Skelettieren mehr als nur handwerkliche Fertigkeiten. Unabdingbar sind genaue Kenntnisse zur Struktur mechanischer Uhrwerke und zum Kraftfluss im feinen Getriebe. Obwohl klassisch tickende Uhrwerke mit nur 1/1.000.000.000 PS laufen, dürfen die unabänderlichen Gesetze der Mechanik niemals vernachlässigt werden.
Enthusiastische Mechanik-Voyeure
In den vergangenen Jahren haben computergesteuerte Fertigungsmethoden und vor allem eine steigende Zahl enthusiastischer Mechanik-Voyeure dem Thema heftige Impulse und irgendwie auch Flügel verliehen. Deshalb muss die gute alte Handwerkskunst oft modernen Technologien weichen. Will heißen: Werke erhalten bereits bei der Konstruktion ihre Transparenz, die Skelette sind gestanzt, oder sie entstehen in mehr oder minder automatisierten Verfahren. Manuelles Tun tritt dann in den Hintergrund, die Maschinenarbeit dominiert. In puncto Funktion und Technik macht das keinen Unterschied.
Was zwangsläufig leidet, ist die handwerkliche Detailarbeit und Perfektion. Aber das nehmen Mechanik-Freaks, die in erster Linie Wert auf echten Durchblick legen und auf letzte handwerkliche Finesse des lieben Geldes wegen verzichten, gerne in Kauf.
Sie möchten ganz einfach wissen, wo's langgeht. Wie fließt die Kraft vom Federhaus zur Hemmung? Wie funktioniert das Schaltwerk eines Chronographen? Das interessiert und weniger die akkurat scharfe Kante des manuellen Uhr-Skeletts, welche der Falte einer frisch gebügelten Zegna-Hose ähnelt.
Eine Auswahl
Quadratisch, praktisch, skelettiert präsentiert sich die markante "Golden Square" von Roger Dubuis mit dem manuell durchbrochenen und gravierten Handaufzugskaliber RD 02SQ, welches auch ein "fliegend" gelagertes Minutentourbillon und das imageträchtige Genfer Siegel besitzt.
Während des diesjährigen Genfer Uhrensalons präsentierte Panerai "Lo Scienziato", den auf 30 Stück limitierten Wissenschaftler. Die 48 mm große Keramikschale der "Radiomir Skeleton Tourbillon GMT" schützt das durchbrochene Handaufzugskaliber P.2005/S. Zwischen "10" und "11" gestattet das Skelett neugierige Blicke auf das sogenannte Tourbillon. Die Unruh dreht sich jedoch um 90 Grad versetzt wie ein "Hendl am Grill". Und das macht bei Armbanduhren durchaus Sinn.
Ein durch und durch mysteriöses Skelett offeriert Louis Vuitton. Die "Tambour Mystérieuse" mit dem durchbrochen konstruierten, aus 115 Komponenten bestehenden Handaufzugskaliber LV 115 fertigt Louis Vuitton nur auf Bestellung. Der Name kommt nicht von ungefähr: Das Uhrwerk scheint völlig frei im Gehäuse zu schweben. Ein Aufzugsvorgang bewirkt acht Tage Gangautonomie.
Skelettierung der besonderen Art bietet das in Genf lancierte "9613 MC" von Cartier. Es tickt in einem 42 mm großen Pasha-Gehäuse aus Weißgold. Seine diamantbesetzten Brücken bestechen durch gestalterische Leichtigkeit und durch die Ausformung als Kopf eines Panthers, dessen grüne Augen links und rechts neben der Zeigerwelle die künftige Besitzerin hypnotisieren sollen. Insgesamt erhält frau 4,1 Karat Edelsteine.
Corum fertigt jedes Jahr nur 750 Exemplare von der "Ti-Bridge" in offener, also hoch transparenter Bauweise. Das quer im Gehäuse liegende und mit v-förmigen Streben befestigte Stabwerk CO 007 besteht aus Titan und besitzt 72 Stunden Gangautonomie. (Gisbert L. Brunner/Der Standard/rondo/19/02/2010)