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Zeremonialmaske der Tsimishian.

vergrößern 500x486In den Rankings der Metropolen mit der höchsten Lebensqualität belegt die Stadt am Fraser River regelmäßig die vordersten Plätze, und es ist ja auch wahr: Ganze Tage könnte man im Hafen von Vancouver verbringen, wo die Wasserflugzeuge vom frühen Morgen bis zur Dämmerung starten und landen. Oder im Stanley Park, der einen üppigen urwaldähnlichen Grüngürtel um die Stadt legt. Riesige Holzstämme säumen die Strände. An sie kann man sich anlehnen, wenn man im sonnigen Sand sitzt und den Badenden zusieht, wie sie den zumeist kühlen Pazifik mit geübter Abhärtung genießen. Dahinter liegt das Zentrum, überschaubar, freundlich und doch nie provinziell. Und während an Wiener Ampelkreuzungen ein metallisches Tack-tack-tack Sehbehinderten den Weg weist, ruft in Vancouver der Kuckuck. Alles happy im schönen Kanada?
"Sie kamen in unsere Reservate, haben nicht gefragt und sagten nur: Wir haben die Papiere der Regierung, wir haben das Recht, das zu tun", erzählt Ed E. Bryant, Angehöriger der Tsimishian, die rund 1000 Kilometer nördlich von Vancouver, bei Prince Rupert leben. Wie mittlerweile fast schon üblich, schlagen die Olympischen Spiele auch hier eine breite Trasse der Umweltzerstörung. Mitten durch die Reservate wurden Straßen, Veranstaltungszentren gebaut. Proteste wurden nicht gehört. "No Olympics for Stolen Land", heißt eine Bewegung, die im Glückstaumel mit Demonstrationen auf sich aufmerksam machen will. So sauber, wie die offiziellen Seiten gerne glauben machen wollen, sind die olympischen Spiele in Vancouver nicht, meinen die Gegner. Kahlschlag, Zerstörung der Ökosysteme und Immobilienspekulationen werfen die "No Stolens" den Kanadiern vor. Der schmutzigen Geschichte der Landnahme fügt die gegenwärtige reale Situation der Ureinwohner Kanadas ein neues, wenig rühmliches Kapitel hinzu.
Rund 175.000 Menschen zählen sich in British Columbia zu den "First Nations", das sind etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung der Provinz. 197 Stämme zählt British Columbia offiziell. Jede Gruppe bewohnt ein eigenes Reservat. Die Tsimshian bestehen aus insgesamt 23.000 Menschen. Das Leben dort ist alles andere als leicht, erzählt Ed.
Bis zu 80 Prozent sind arbeitslos, Alkohol- und Drogenmissbrauch ist an der Tagesordnung, die Selbstmordrate ist fünfmal höher als in Kanada. "Die Jungen gehen in die Stadt, um zu arbeiten", sagt Ed. Die olympischen Winterspiele schaffen Arbeitsplätze. Viele arbeiten als Bauarbeiter und Konstrukteure. Ressentiments gibt es von beiden Seiten: "Jene, die in der Stadt wohnen, mögen die Weißen nicht, und die Weißen mögen sie nicht. Das ist nicht gut."
Ed ist 49, hat vier Brüder, fünf Schwestern und lebt seit 13 Jahren in Deutschland. Er ist Künstler, baut virtuos bemalte Totempfähle, stellt Masken her, entwirft Schmuck. Er handelt über das Internet, und lebt gut davon. Indianerdesign ist weltweit dauerhaft beliebt - wobei das mit "Indianern" eine Sache ist: "Es macht nichts, wenn Europäer 'Indianer' sagen. Ich weiß, sie tun es mit Respekt", sagt Ed. Anders sei es in Übersee. Amerikaner und Kanadier verwenden "Indianer" nur in negativem Zusammenhang: Ein "Indianer", das ist einer, der arbeitslos und betrunken in den Straßen vergammelt, viele Kinder hat und das Sozialsystem ausnützt, lautet das gängige Vorurteil. In British Columbia wurden nie Verträge über die Nutzung der Ressourcen zwischen der Provinz und Ureinwohnern unterzeichnet. Die Regierung "erlaubt" den Natives zu bleiben. Sie sind auf den guten Willen der Institutionen angewiesen. Rechte auf Grund und Boden haben sie keine. Die Ausbeutung beruht auf langer Tradition.
Das anthropologische Museum in Vancouver stellt beeindruckende Überbleibsel der reichhaltigen Kultur aus: vom Kanu über den kunstvoll verarbeiteten Totempfahl bis zum originalgetreu nachgebauten Langhaus, in dem die Ureinwohner auf British Columbia reichen die Ausstellungsobjekte. Es sind kostbare Ansichtsstücke der Indigenen: Als die Eroberer das Land einnahmen, verbrannten die Ureinwohner das meiste, um nicht bestohlen zu werden.
Von 1880 bis 1965 verbot ein Gesetz den Natives ihre Sprache. Die traditionellen Potlatches waren offiziell verboten. Auf dem Programm stand Zwangsassimilation. Bis in die 60er-Jahre wurden die Kinder ihren Eltern weggenommen und strenggläubigen kanadischen Familien und Heimen zugeteilt, wo sie zur Arbeit gezwungen, geschlagen und teilweise sexuell missbraucht wurden. Von den rund 150.000 Kindern, die in ganz Kanada solche staatlich geförderten Schulen durchlaufen haben, leben heute noch 80.000. Eds Bruder ist einer von ihnen: "Er hat sich nie wieder davon erholt."
2006 versprach die Regierung in Ottawa Entschädigungszahlungen an die Opfer für die erlittenen physischen, psychischen und sexuellen Misshandlungen in der Höhe von 1,3 Milliarden Euro. Bei rund 1,3 Millionen Ureinwohnern, kommt jeder auf gerade 1000 Euro. 60 Millionen Euro bekamen die Natives in British Columbia. Gesehen haben sie davon höchstens ein Sechstel, den Rest schluckte die Bürokratie. Der kanadische Premierminister entschuldigte sich 2008 für die Taten der Eroberer. "Ein Lippenbekenntnis", urteilt Ed.
Die Spannungen sind spürbar, auch weil die Probleme der Ureinwohner kaum Gehör in der Öffentlichkeit finden. Abseits der vielen großen Probleme gibt es aber auch Hoffnung. Ein neues, starkes und positives Selbstbewusstsein macht sich unter den Natives breit: Viele Junge sind stolz auf ihre Herkunft. Ed: "Wir haben gute Künstler, und gute Musiker. Die Menschen lernen ihre Sprache. Wir sind sehr stark und können wieder auf die Beine kommen." (Doris Priesching/DER STANDARD/Rondo/5.2.2010)
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