Schnapsglocken im Winter

19. Dezember 2009, 17:00
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Der unheilige Konsum von Alkohol vor Weihnachten ist nicht nur auf die Menschheit beschränkt, berichtet Ute Woltron

Durchwandelt man derzeit in diesem schönen Land die Zentren der Städte und Gemeinden, kann man durchaus, ohne die Fantasie maßgeblich bemühen zu müssen, auf die Idee kommen, Weihnachten sei nicht zuletzt auch dafür gemacht, um den selbstverständlichen Konsum von Schnäpsen, Glühweinen und Punschgetränken in großen Mengen zu befördern.

Das vorweihnachtlich legitimierte kollektive Saufen unter freiem Himmel vor dem Punschstand endet weder im Straßenverkehr - einen Trauermarsch könnte man dazu anstimmen -, noch macht es, wie wir eben erfahren durften, vor dem Inhalt scheinbar viel harmloserer Gläser halt, und zwar vor jenen, in denen man in der kalten Jahreszeit Hyazinthen, Märzenbecher und kleinere Arten duftender Narzissen zu einer vorzeitigen winterlichen Blüte im Raumesinneren zu bewegen pflegt.

Damit uns diese Frühlingsglöckchen bereits läuten, wenn draußen noch Schnee liegt, müssen die Blumenzwiebeln bekanntlich in die Wärme der Heime geholt und rechtzeitig in Gläsern knapp über dem Wasserspiegel aufgebahrt werden. Sodann treiben sie Wurzeln in das darunterliegende Gefäß, und oben treiben sie aus und beginnen irgendwann auch zu blühen.

So weit ist diese Theorie sattsam bekannt, doch die Nachricht, die uns eben erreichte, schließt den Kreis zu den vorweihnachtlichen Alkoholsitten. Denn wie britische Wissenschafter herausfanden, zeigt eine gewisse Alkoholdosis auch im Wasser der Narzissen mächtige vorweihnachtliche Wirkung.

Blüten mit oder ohne Fahne

Denn eines der Probleme, die sich durch das erzwungene vorzeitige Austreiben der schönen Frühlingsblüher ergeben, ist das ungesunde In-die-LängeSchießen der Blütenstängel. Die werden viel zu hoch, bleiben dabei dünn und knicken gerne vorzeitig ab - und der ganze Aufwand bleibt unbelohnt.

Aber jetzt kommt's: Fügt man dem Wasser allerdings eine kleine, gut bemessene Dosis Alkohol zu, beispielsweise in Form hochprozentigen, vor Weihnachten offenbar ohnehin reichlich zur Verfügung stehenden Schnapses, dann reduzieren die braven Gewächse den Austrieb sofort um bis zu einem Drittel. Sie verzwergen sozusagen, blühen trotzdem, knicken allerdings auch nicht ab.

Da behaupte noch einmal einer, Alkohol sei von allen Drogen noch die harmloseste! Ob die erzwungenermaßen beschwipsten Blüten auch anders duften als die nüchternen, ob sie also so etwas wie eine Fahne entwickeln, diese Info blieben die Wissenschafter schuldig. Man muss das jetzt einfach selbst ausprobieren.

Schließlich kann man sich von diesem Fest des Friedens, auf das nun alles hektisch zuzutaumeln scheint, auch herrlich freimachen und die Zwiebeln beispielsweise verspätet jetzt einwassern. Blühen sie halt erst im Jänner oder Februar. In Frieden und in Ruhe. Schön wird das! (Ute Woltron/Der Standard/rondo/18/12/2009)

Tipp

Sollten Sie nun tatsächlich den Plan verfolgen, Ihre Narzissen künftig einzutrankeln, ist folgendermaßen vorzugehen: Zu Beginn wird nüchternes Wasser verwendet. Erst sobald die Zwiebeln etwa zwei Zentimeter lange Wurzeln getrieben haben, wird das Wasser durch eine vier- bis sechsprozentige Alkoholmischung ersetzt. Achtung! Mehr als zehn Prozent gilt als letale Überdosis - zumindest für Blumenzwiebeln. Ein bisschen Rechnen wird Ihnen nun nicht erspart bleiben. Kleine Hilfe: 40-prozentigen Schnaps müssen Sie jedenfalls eins zu sieben mit Wasser mischen, 30-prozentigen eins zu fünf, um ungefähr auf die erforderlichen fünf Prozent zu kommen. Wein fällt als Alk-Bringer aus, der bringt die Narzissen eher um. Und: Dieses Spiel funktioniert nur bei Narzissen, nicht aber bei Hyazinthen.

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    Narzisse ohne Knick, aber mit Fahne.

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