Männer befreien

17. Dezember 2009, 17:54
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"Zuerst haben sie uns nur in der Steiermark an Hausmauern gebunden, dann auch im Burgenland, mittlerweile tun sie es in Osttirol und auch in Vorarlberg"

"Was machst du da oben?", fragte Yvonne schüchtern. Über ihr hing an einer Hauswand ein Weihnachtsmann aus Stoff und Plastik, der versuchte, den First zu erklimmen, aber überhaupt keine Fortschritte dabei machte. Der Weihnachtsmann raunte: "Ich bin an dieser Leiter festgebunden!" Yvonne fragte: "Wer hat das getan?" "Wir sind mittlerweile alle angekettet", flüsterte der Weihnachtsmann. "Zuerst haben sie uns nur in der Steiermark an Hausmauern gebunden, dann auch im Burgenland, mittlerweile tun sie es in Osttirol und auch in Vorarlberg."

Yvonne war erschüttert und schaute die Dorfstraße hinunter, um sicher zu sein, dass wohl niemand lauschte. "Warum machen die das mit euch?", fragte sie. "Ich glaube, es sind sublimierte Fesselungswünsche, die diese Leute bei uns ausleben", antwortete der Weihnachtsmann mit zitterndem Blick. "Dabei glauben sie nicht einmal an uns. Aber sie hängen uns an diese Leitern, bis wir halb erfroren sind. Außerdem haben schon viele Diebe unsere Leitern weggenommen und sie zum Einbrechen benutzt. Wir sind deshalb wahnsinnig unglücklich. Und wir wollen auch nicht länger als Klimasünder gelten. Manche von uns müssen nämlich in beleuchtetem Zustand ständig auf einem Lichtschlauch zwei Meter hinunter- und hinaufklettern. Bitte hol uns hier runter!"

Yvonne rief nicht so schnell die "Mädchengang" auf den Plan. Aber allein an diesem Wochenende befreite sie gemeinsam mit Leslie, Yvonne und den anderen in nur einer Nacht 57 Weihnachtsmänner von oststeirischen Hauswänden. (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/18/12/2009)

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    Manche von uns müssen nämlich in beleuchtetem Zustand ständig auf einem Lichtschlauch zwei Meter hinunter- und hinaufklettern.

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