Kälter als Eis

11. Dezember 2009, 17:00
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Conrad Seidl entdeckte eine Geschmacklosigkeit, an der sich gut verdienen lässt

In den Bars von Rio de Janeiro gibt es eine Art Wettbewerb, wer wohl das kälteste Bier servieren könnte. Auf den Kühlschränken gibt es eigene Anzeigen, auf denen der Gast ablesen kann, was ihn erwartet: Bier mit minus drei Grad. Minus 3,5 - vielleicht sogar minus vier. Da das Bier erstens unter Druck steht und zweitens Alkohol enthält, der als Frostschutz wirkt, bildet sich kein Eis.

Es bildet sich andererseits auch kein Schaum, wenn man dieses eiskalte Bier einschenkt. Und erst recht sind die biertypischen Aromen nicht zu riechen und zu schmecken. Warum man dann das Bier überhaupt so kalt werden lässt? Eben deshalb: Viele Biertrinker mögen den Geschmack von Bier eigentlich nicht - was den Erfolg vieler Massenbiere ausmacht. Wenn man die dann auch noch bei Temperaturen unter null serviert, schmecken sie rein nach nichts. Man kennt den Effekt von Wirten, die ihren Gästen ein "Schnapserl" aus dem Tiefkühlfach anbieten - so lässt sich der ärgste Fusel an den Mann bringen.

Wenn man bedenkt, dass der größte Bierkonzern der Welt, AB-Inbev, seine Wurzeln in Brasilien hat, versteht man auch, wie dessen Erfolg zustande gekommen ist - und wie wenig Wert man auf Geschmack legen muss, um so weit zu kommen. Tatsächlich gibt es ja auch auf unseren europäischen Märkten Versuche, Markenbiere eiskalt zu servieren - Heineken hat vor zwei Jahren damit begonnen, Guinness (auf einem englischen Testmarkt) schon im Jahr 2000. Geschmackssache? Ganz im Gegenteil! (Conrad Seidl/Der Standard/rondo/11/12/2009)

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