Wo die Schweiz am besten riecht

10. Dezember 2009, 17:00
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    Mike Glauser aus Bern ist der junge Mann, der die Ehre des Schweizer Käses aus Kleinproduktion hochhält.

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    Die Belper Knolle ist eine jener neuen Kreationen, mit denen er für Furore sorgt.

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Wie zwei junge Berner die Ehre des Schweizer Käses hochhalten, erfuhr Georg Desrues bei einem Besuch in deren Reifekeller - Besonders gut: Die einzigartigen Käse gibt es jetzt auch in Wien!

Die Schweiz und der Käse: Das klingt wie Österreich und die Mozartkugel - ist aber deutlich mehr als nur ein Klischee. Um zu verstehen, was Käse für die Schweiz bedeutet, muss man sich erst einmal verdeutlichen, dass auf 80 Prozent des Kulturlands bei unserem Nachbarn kein Ackerbau möglich ist; die Schweiz ist also ein Grasland und die Tierhaltung somit die effektivste Methode, dem Boden überhaupt Nahrung abzugewinnen.

So ist es auch kein Wunder, dass alles, was mit Land- und Milchwirtschaft zu tun hat, in der Schweiz noch mehr als anderswo eng mit Politik verbunden ist. "Bis 1998 hatten wir hier Planwirtschaft", erzählt der junge Käsehändler Mike Glauser. "Die Milch der Bauern war kontingentiert und musste an die örtlichen Käsereien abgeliefert werden, die daraus jene Käse produzierten, die vom Staat als ,wertschöpfend' bezeichnet wurden - wie Emmentaler, Appenzeller und so."

Das sicherte zwar einerseits ein gewisses Mindestmaß an Qualität, wie es etwa die österreichische Molkereiwirtschaft trotz ähnlichen Ausgangsprodukts über viele Jahrzehnte nicht annähernd zusammenbrachte - es beschränkte die Kreativität und den Unternehmergeist der Käser aber massiv. Dass diese Politik dennoch nicht nur negativ war, gesteht auch Glauser ein: "Die Bauern erhielten zwar einen anständigen Preis - die Eigeninitiative und viele alte Rezepturen blieben dabei allerdings auf der Strecke." Oft sei es nämlich schlicht rentabler gewesen, die Milch einfach abzuliefern, als sie selbst zu verkäsen.

Milchwirtschaft liberalisiert

"Die Agrarreform von 1998 hat einiges bewegt", freut sich Glauser. Die Milchwirtschaft wurde stufenweise liberalisiert, und heute dürfen die Bauern ihre Produkte wieder selbst vermarkten.

Das bewegte Glauser - dessen Familie sich seit Generationen der Käsefabrikation widmet - gemeinsam mit dem Landwirt Jürgen Wyss, 2005 die Firma "Jumi" zu gründen. Jumi steht heute für ein wahres Schlaraffenland handwerklich hergestellter Käsekunstwerke.

"Wir vertreiben fast ausschließlich Rohmilchkäse, der von kleinen Betrieben hergestellt wird." Die Dynamik der beiden ist beeindruckend: Bis zu achtzig handwerklich hergestellte Käsesorten von Klein- und Kleinstproduzenten führen sie im Sortiment. "Von den großen Handelsketten halten wir uns, so gut es geht, fern", beschreibt Glauser das Konzept der Firma. "Die neigen zur Standardisierung und können oft nicht akzeptieren, dass es gewisse Produkte nur saisonal und in kleinen Mengen gibt."

Also verkauft man am liebsten direkt und auf den verschiedenen Bauernmärkten im Kanton Bern - der Heimat der beiden. Dort stehen junge, motivierte Mitarbeiter und preisen hocharomatische Sorten an, von denen selbst die käsekundigen Berner noch nie etwas gehört haben.

"Blaues Hirni" heißt zum Beispiel eine Kreation, ein kleiner Gupf, dessen Name sich durch die runzelige, blau beschimmelte Oberfläche erklärt. Eine andere - "Dr. 13" (nicht etwa gut österreichisch "Doktor 13", sondern ordentlich Schwyzerdütsch: "drr drizäht" gesprochen) ist ein Schafmilchkäse, der wie vor langer Zeit von Milben (!) vergoren wird und nach 13 Monaten Reifung auf den Markt kommt. Jumis absoluter Star ist aber die "Belper Knolle". Von Glausers Onkel entwickelt, handelt es sich dabei um einen gewürzten und getrockneten Frischkäse, der mittels einer Art Trüffelhobel über Pasta, Risotti und was einem sonst noch einfällt, gerieben werden kann.

Fein nussiges Aroma

Der einzige weithin bekannte Käse im Sortiment ist der Emmentaler. Jener der Jumis hat allerdings durch zweijährige, liebevolle Lagerung eine dunkelbraune Rinde und ein fein nussiges Aroma - an die stets etwas gummige Ware, die man auch in bestsortierten Käsegeschäften als "original Schweizer Emmentaler" bekommt, erinnert da rein gar nichts mehr.

Käsekreationen, die mit Kakao, Algen und dergleichen eingewickelt werden, kommen für Glauser weniger infrage: "Mit Adjektiven wie neu oder innovativ gehe ich sehr vorsichtig um. In Wirklichkeit hat es alles, was wir machen, schon irgendwo und irgendwann gegeben. Neu ist lediglich der Blickwinkel darauf", erklärt er.

"Man darf sich nichts vormachen: Natürlich verkaufen sich unsere Käse nicht von selbst", so Glauser weiter, "man muss auf die Leute zugehen, sie kosten lassen und ihnen begreiflich machen, dass hinter jedem Käse ein Mensch steht - mit seinem Know-how, seinen Tieren und seinem Land."

Viele von Jumis Käsen sind seit einiger Zeit auch in Wien erhältlich. Das ist dem gebürtigen Vorarlberger Stephan Gruber zu verdanken, der als Physiker am AKH forscht, als Vorarlberger aber nicht auf jene Geschmäcker verzichten wollte, die er als leidenschaftlicher Käsefreund von seiner Heimat kennt. Jeden Samstag steht er deshalb mit ausgesucht köstlichem, ausnahmslos aus Kleinproduktion stammendem Spitzenkäse auf dem Naschmarkt, während seine Frau mit derselben Ware den Karmelitermarkt bedient. Gruber - ein leidenschaftlicher Kenner auch der österreichischen Käsekultur - spricht voller Bewunderung von der Experimentierfreude der Schweizer: "Die trauen sich einfach sehr viel - so weit sind wir hier noch nicht."

Von der allerorten grassierenden Biowelle halten weder Gruber noch die Burschen von Jumi allzu viel. "In dem Moment, in dem "bio" zur Marke wird, steht nicht mehr der Mensch, sondern der Kapitalgedanke im Mittelpunkt", sagt Glauser. "Für uns ist es ganz selbstverständlich, dass wir nur mit Bauern arbeiten, die nicht mehr Tiere halten, als für ihr Land und die Tiere selbst gut ist. Und die keine Silomilch, sondern frischeste, möglichst wenig gekühlte Rohmilch aus Weidehaltung verwenden." Genau diese Betriebe seien aber auch oft zu klein, um ein offizielles Biolabel zu erhalten.

Für die Einzigartigkeit der Jumi-Käse sind solche Kriterien unerlässlich. Glauser: "Es wäre alles andere als wirtschaftlich schlau, würde ein kleiner Käsemacher versuchen, etwas zu machen, das die Großproduzenten auch können." (Georg Desrues/Der Standard/rondo/11/12/2009)

Jumi Käse bei Stephan Gruber, www.kaes.at

Zum Artikel: Schweizer Löcher

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10 Postings
sennowise
40
11.12.2009, 11:03
na, ja

Emmentaler und dessen Abkömmlinge waren nie gute Käse, egal woher sie kommen. Im besten Fall einfach fad und öde.

Die Fettkäsererei hat sich Anfang 19 Jhdt. in Ö u.a. durchgesetzt, weil grössere Laibe hergestellt werden konnten und die Qualität besser kontrollierbar war, als bei Sauermilchkäsen.
Diese Käsesorten waren als Grundnahrungsmittel einfach besser herzustellen.

Auf diesem Gebiet hat man dann aber eine grosse Meisterschaft mit erstklassigen Produkten erreicht.

uni versalis
01
15.12.2009, 13:11
das stimmt so nicht.

ich bin zwar kein emmentalerfreund, aber so mancher aus kleiner, "handwerklicher" produktion war durchaus hervorragender qualität. natürlich rede ich nicht vom industriellen emmentaler, der nichts damit zu tun hat.

Tante Ylvi
00
hölengereift rules!

wolfetone
 
00
10.12.2009, 21:09

Daß wir das nicht zusammengebracht hätten kann man so auch nicht sagen, die "Gaishorner Auslese" hat vor gut zwanzig Jahren durchaus in der höchsten Klasse mitgespielt, bzw. war den Schweizer Emmentalern sogar überlegen. Nur waren nicht genug Leute bereit den gebührenden Preis für so ein Produkt zu bezahlen.

Kernseife
00
15.12.2009, 10:34

ist es nicht so ca. 20-25 jahre her, dass man den einst stinkersten top-käse des landes, den originalen mondseer, in den orkus schickte um statt dessen eine art stangenkäse in laibform unter diesem namen zu vertreiben?

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
15.12.2009, 07:30
und der Trautenfelser!!!

Charly Foot
00
15.12.2009, 14:34
und der neuburger!!

clyde barrow
00
15.12.2009, 09:50
un der schärdinger rollino!!

uni versalis
01
11.12.2009, 08:38
naja.. ausnahmen bestätigen die regel. bei den schweizern gab es seit jeher hervorragende qualitäten auf viel breiterer basis.

dass auch bei uns im hochwertigen bereich franzosen und italiener derartig dominieren, kommt ja nicht von ungefähr. in der ch war auch in diesem segment aus heimischer produktion wesentlich mehr los (ich denke da nur an die hervorragenden gruyères, vacherins, tomes uvm die es schon immer gab).

hergestellt wird halt was nachgefragt wird, wie bei den weinen bis in die 80er jahre. in österreich, einem land mit einer vergleichseise schwach entwickelten käsekultur (otto normalvebraucher fragt einen möglichst nicht kräftigen in hauchdünne scheiben geschnittenen käse nach) hat einfach die nachfrage gefehlt. jetzt fängt es an besser zu werden, aber der richtige käsefreund (eh nur eine minderheit) kommt auch heute an importprodukten nicht vorbei.

wolfetone
 
00
11.12.2009, 16:00

Sie haben völlig Recht, das Problem liegt (lag) in der Nachfrage solcher Qualitäten. Von oben genanntem Käse wurden zu Hochzeiten gerade einmal 3 - 4 Laibe am Tag hergestellt, und selbst nachdem man damit Weltmeister wurde (wie immer man zu so einem Titel stehen mag) konnte man die österreichweit nicht absetzen.

Ich beziehe meine Kritik auch nur auf die Behauptung im Artikel, unsere Käser wären auch nicht annähernd in der Lage dazu gewesen, was ich schlichtweg für Unfug halte.

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