Kur für Meyer

13. Dezember 2009, 17:00
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Wir bangen um einen Zitronenbaum, der, dem Ufer Kaliforniens entrissen, hier wurzeln soll, berichtet Ute Woltron

Der Lagebericht dieser Woche ist dramatisch, lässt aber hoffen: Ein einziges Blatt noch hängt an einem Ästchen, doch der Zitronenbaum der Zitronenbäume lebt. Immerhin. Und das Blatt hängt fest.

Das berichtet Luzia S., die als Einzige an diesem Blatt prüfend zupfen darf und die den kulinarisch interessierten, man könnte auch sagen, den verfressenen Teil der Redaktion in höchste Aufregung versetzte, seit sie ebendieses Meyer-Lemon-Bäumchen vergangenen Sommer aus Kalifornien importierte.

Meyer-Lemon! Meine Sünde, meine Seele. Mey-er-Le-mon: Die Zungenspitze macht vier Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei vier gegen die Zähne. Na gut, dieses Zitat haben wir Vladimir Nabokov gefladert, aber auf die Meyer-Lemon darf es angewandt werden, denn die ist, glaubt man ihrer Besitzerin, die Unwiderstehliche unter den Zitronen.

Die kraft Luziens Gewohnheit, mit der Verkostung, Bewertung und Beschreibung der Welt bester Weine ihren Lebensunterhalt zu verdienen, höchst kompetente Beurteilung des Geschmacks der Super-Lemon lautet verlockend folgendermaßen: "Ultrazitronig, dabei mild und ohne die aggressive Säuerlichkeit der gewöhnlichen Zitronen."

Assoziationen

Man könne hineinbeißen in Meyer wie in Äpfel, und das lässt Assoziationen aufkommen zu den goldenen Äpfeln der Hesperiden, die ja auch Zitronen waren und noch dazu den Göttern ewige Jugend verliehen.

Luzia S. bewacht also ihr Bäumchen derzeit wie Ladon, der vielköpfige Drache, die Hesperidenfrüchte. Und wir warten. In der Hoffnung, dass wir nicht alt werden wie Atlas, bis der Baum Früchte trägt. Denn diese Blattlosigkeit war gar nicht geplant.

Sorgfältig von Erde befreit und eingewickelt wie ein Säugling, hatte das Gewächs im Koffer die hiesigen Gestade erreicht. Es war eingetopft und gepflegt worden. Es hatte sich wohlgefühlt. Bis, ja bis es für ein Weilchen in Pflege kam - und dort nicht gegossen wurde. Das mögen Zitrusbäumchen gar nicht. Die wollen nie und nimmer austrocknen. Also: beleidigter Laubabwurf.

Anspruchslos und robust

Dabei ist die Meyer-Lemon unter den Zitrusgewächsen eines der anspruchslosesten und robustesten. Sie verträgt auch kühlere Temperaturen als ihre Verwandten, bis hinunter zu wenigen Minusgraden, muss hierzulande aber natürlich dennoch in einem möglichst hellen, frostfreien Innenraum über den Winter gebracht werden. In Klammer: Gießen nicht vergessen!

Die Meyer-Lemon stammt ursprünglich aus China. Man mutmaßt, sie sei eine Kreuzung zwischen Zitrone und Mandarine. Im Jahr 1908 wurde sie von einem Herrn Meyer nach Kalifornien gebracht, wo sie heute höchst beliebt und verbreitet ist und in den letzten Jahren eine durch diverse Chefköche beförderte kulinarische Karriere hingelegt hat.

Jüngster Lagebericht, eben eingetroffen: Sie treibt wieder aus - es sind Blüten dabei! Wir fühlen uns wie die Hesperiden. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/11/12/2009)

Tipp

Tatsächlich gibt es in seltenen und erfreulichen Fällen auch hierzulande Meyer-Lemon-Bäumchen zu kaufen. Machen Sie am besten einen Ausflug ins Internet. Die Bäume werden in ausgepflanztem Zustand drei bis fünf Meter hoch, lassen sich aber tadellos als Kübelpflanzen zurechtgestutzt ziehen. Letzteres ist ohnehin die einzige Möglichkeit, sie hierzulande zu kultivieren. Wie die meisten Zitrusgewächse trägt sie Blüte und Frucht gleichzeitig, wobei die Blüten ausnehmend köstlich duften. Die "Improved Meyer-Lemon" duftet und schmeckt genau so, ist aber eine virusresistentere Sorte, die sich seit den Fünfzigerjahren durchgesetzt hat.

Foto: Jon Sullivan/pdphoto.org

  • In die reife Meyer beißt man rein wie  in einen Apfel.
    foto: jon sullivan / pdphoto.org

    In die reife Meyer beißt man rein wie in einen Apfel.

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