Im Reich der Warmbader

10. Dezember 2009, 17:05
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Was haben Island und Japan gemeinsam? In beiden Ländern wird der Umgang mit dem heißen Wasser zelebriert. Ein paar Bade-Spielregeln

In Island ist Chlor im Badewasser verpönt, gründliches Nacktduschen und unbedingtes Haarewaschen vor dem Betreten des Beckens ist deshalb eine Selbstverständlichkeit, die nicht nur vom Bademeister streng kontrolliert wird. Auch die zahlreichen Stammgäste werfen ein kritisches Auge auf jeden Neuzugang. Baden gehen ist in Island nämlich ein Gemeinschaftserlebnis. Das kann man am besten in ländlichen Bädern, wie etwa in Höfn, einem Kaff im Südosten der Insel, beobachten.

Was dem Wiener sein Kaffeehaus, das ist dem Isländer sein "heittar pottur": Im heiß blubbernden Hot Pot trifft man Freunde zum Plauderstündchen. Die Kinder spielen währenddessen im Freien, obwohl es nur elf Grad Außentemperatur hat. Wem ein nasser Kopf bei dieser Kälte zu riskant erscheint, muss leider gehen. Es sei denn, er hat eine Badehaube mit. Zu kaufen gibt es sie im städtischen Bad von Höfn nämlich nicht. "It's eleven degrees!", meint der Bademeister begeistert. Auch in Reykjavík, am prächtigen Thermalstrand Nauthólsvík, direkt am Atlantikufer, herrscht in den Hot Pots reges Treiben, selbst wenn es draußen längst schneit.

Das schönste und älteste Hallenbad von Reykjavík ist das Sundhöllin. 1937 eröffnet und im Originalzustand erhalten - samt seinen am Beckenrand stehenden altmodischen Fitnessgeräten, die sogar noch benutzt werden -, ist es ein architektonisches Juwel der Badekultur. Gerade deshalb, weil es vom Wellness-Schick verschont blieb und eine angenehme und respektvolle Badeatmosphäre garantiert.

Im Sundhöllin ist Sauberkeit höchste Pflicht, und in den Heißwasserpools herrscht Schweigegebot. Plakate in den Duschräumen bilden den menschlichen Körper ab - so, als stammten sie aus einem historischen Biologieunterricht. Auf ihnen sind die auf besonders intensive Weise zu reinigenden Körperstellen rot eingekreist (Kopf, Achseln und Intimbereich). Auch hier gilt: schrubben, schrubben, schrubben. Die auf dem Dach des alten Gebäudes befindlichen Outdoor-Becken entschädigen dann für alle Mühe. Mitten in der Stadt, weit über den Häusern, glitzern einen Sonne und Wasser an. Beeindruckend fitte Senioren füllen die Becken vor allem tagsüber.

Noch schärfere Kontrollblicke erntet man in Japan. Auch hier sind es vor allem die Seniorinnen, die streng über die heißen Quellen wachen. In Japan gibt es über 13.000 Thermalquellen. Die Wassertemperaturen reichen von 40 Grad bis zu schier unerträglichen 90 Grad. Hinzu kommt der oft schwefelige Gestank der heißen Quellen. Der Dumont-Reiseführer bereitet mental vor: "Gleiten Sie langsam in das Becken und versuchen Sie, laute Schreckensäußerungen über die Wassertemperatur in Maßen zu halten." Nicht umsonst existiert der Begriff "yudedako" - man bleibt so lange im Wasser, bis man wie ein gekochter Oktopus aussieht.

Natürlich gibt es in Japan herrlich gelegene, luxuriöse Badehäuser, aber, wie auch in Island, empfiehlt sich der Besuch eines typischen Nachbarschaftsbades. In Tokio gibt es noch über 1000 solch kommunaler Onsen. Sie rühren aus einer Zeit, als nicht jede Wohnung über ein eigenes Badezimmer verfügte. In einer unscheinbaren Seitengasse im Tokioter Stadtteil Asakusa liegt der Jakotsu-Yu Onsen. Über der ganzen Stirnseite des Hauptbeckens thront der mächtige Fuji, dessen Fliesenbild jeweils zur Hälfte dem Männer- und Frauenbadebereich gehört.

Hier spricht niemand Englisch, aber es sind Abbildungen vom korrekten Badeablauf angebracht. Ein kleiner Schemel sowie Seife und Waschlappen werden einem an der Rezeption in die Hand gedrückt. In der Hocke wäscht man sich gründlichst von Kopf bis Fuß. Der schlimmste Fauxpas ist: mit Seifenresten am Körper in eines der Becken gehen. Wer zu früh aufsteht, das heißt wer noch keine roten Stellen am Körper vorzuweisen hat, dem droht eine Ermahnung von einem älteren Stammgast auf Japanisch. Das klingt im ersten Moment bedrohlich, ist aber oft nur eine nett gemeinte Hilfestellung. Die älteren Damen stehen auch bei der undurchsichtigen Wahl der unterschiedlich heißen Becken bei. Schließlich soll man sich Zeit lassen beim Prozess, langsam krebsrot zu werden.

Noch einmal zurück zu Island. Das berühmteste Bad - die in der Nähe der Hauptstadt gelegene Blaue Lagune - ist eigentlich ein Abfallprodukt. Das Geothermalkraftwerk Svartsengi pumpte heißes Wasser aus der Erde und nutzte es zur Stromerzeugung. Aus dem entsorgten Salzwasser entstand dann ein milchig blauer See, der illegal zum Baden genutzt wurde - mittlerweile holen die Bäder ihr Thermalwasser allerdings lieber selbst aus der Erde. Seit 2004 hat die Blaue Lagune Konkurrenz im Norden bekommen: Das Mývatn-Naturbad ist landschaftlich sogar noch schöner gelegen. Das auf einer Anhöhe gelegene Schwimmareal gibt den Blick nicht auf ein Kraftwerk, sondern auf eine weitläufige Vulkanlandschaft frei. Und abends auf spektakuläre Sonnenuntergänge. Aber eine strenge Badeordnung gibt es keine. Deshalb trübt vor allem eines die Entspannung: Man muss sich oft für seine lauten Landsleute schämen. (Margarete Affenzeller und Karin Cerny/DER STANDARD/Rondo/11.12.2009)

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