Materialpimpeleien und Hurra-Kitsch

10. Dezember 2009, 17:00
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Die Ausstellung "Böse Dinge - eine Enzyklopädie des Ungeschmacks" in Berlin benutzt ein 100 Jahre altes System zur Kategorisierung von Geschmacksverirrungen

Wobei die Dinge nicht nur einem Geschmacksurteil unterworfen sind. Ingo Petz lachte, weinte und verdrehte die Augen.

Manch Kitsch ist der Kaffeesatz der Gesellschaft. In ihm lassen sich die schaurigsten Unzulänglichkeiten, moralischen Defizite und haarsträubenden Idiotien ablesen, die die Menschheit schamlos aus dem Neandertal in die Moderne überführt hat. Nehmen wir ein ausgestopftes Meerschweinchen, montiert auf einem Brett mit vier Rollen. Afghanische Feuerzeuge, auf denen sich unter Beethovens Klängen ein Flugzeug dem New Yorker World Trade Center nähert. Ein fein gesticktes Blumenbild, bei dem die Blüten aus Fischschuppen bestehen. Oder einen zu einem Brustbeutel verarbeiteten Frosch mit Reißverschluss. All diese ästhetischen Verbrechen sind Teil der Schau im Berliner "Werkbundarchiv – Museum der Dinge", eine Ausstellung, die sogenannte böse Dinge zeigt – zum Schreien, Weinen, Lachen, Schmunzeln, Schämen und auch zum Würgen.

Schlechter Geschmack kennt keine Grenzen, wohingegen guter Geschmack meint, sie sehr wohl ziehen zu können. Zumindest wenn es nach Gustav Edmund Pazaurek und Imke Volkers geht. Ersterer war als Geschmackspolizist der Jahrhundertwende von der Idee beseelt, schlechten Geschmack und ästhetische Ausfälle mit deutscher und akademischer Gründlichkeit zu bekämpfen, indem er Ästhetik-Fehler penibel ordnete und aufzeigte. Vernunft und Aufklärung sollten auch den Kitsch besiegen.

Katalog der "Geschmacksverirrungen"

Der Lyriker und Kunsthistoriker Pazaurek (1865-1935) erarbeitete zur Gründerzeit, als Stile und Kunstrichtungen nur so sprossen, einen Katalog, in dem er die "Geschmacksverirrungen" nach Materialfehlern, Konstruktionsfehlern, Dekorfehlern und Kitsch kategorisierte. All diese Schubladen haben noch weitere Unterkategorien mit solch schönen Bezeichnungen wie "Materialpimpeleien", "Künstlerscherze" oder "Hurrakitsch". Ab 1909 zeigte Pazaurek seine Horrorkammer (bis 1933 sammelte er über 900 Stücke des schlechten Geschmacks) im Stuttgarter Landesmuseum. Schon 1899 hatte er in einem Aufsatz im "Kunstwart" angeregt, dass jedem kunstgewerblichen Museum wünschenswerterweise eine "Abteilung der Geschmacksverirrungen" anzugliedern sei, um "ästhetischen Dickhäutern negative Musterstücke" vorzuführen. "Wollen wir erkennen, worin der gute Geschmack besteht, müssen wir zuerst den schlechten Geschmack beseitigen."

50 der von Pazaurek gesammelten Exponate zeigen nun die Berliner als Leihgabe aus Stuttgart. Darunter solch fiese Dinge wie ein Wildknochen, auf dem die Farben der deutschen Reichskriegsflagge, ein Foto von einem Soldaten und die Aufschrift "Vogesen" zu sehen sind. Offensichtlich ein recht eigenwilliges Stück Erinnerung an den Ersten Weltkrieg – "Hurrakitsch" eben. Ebenfalls schrecklich schön ein Bierkrug in Form des Kopfes von Hindenburg, dem zweiten Präsidenten der Weimarer Republik.

"Kinderarbeit", "Sexismus", "Rassismus"

Um zu demonstrieren, dass Pazaureks Katalog auch heute noch Gültigkeit besitzt, hat Volkers, Kuratorin der "Bösen Dinge", den Raster des fragwürdigen Stilfetischisten und Weltverbesserers modernisiert und erweitert. Kategorien, die sich gemäß unserer Zeit eher an mutmaßlichen ökonomischen, ethisch-kulturellen oder sozialen Übertretungen orientieren – wie beispielsweise "Kinderarbeit", "Sexismus", "Rassismus" oder "Artenschutzverbrechen". Neben den zu Beginn aufgezählten Artefakten bekommt der Besucher Obama-Pantoffeln, USB-Sticks in Form von Fingern, Lampenständer in Gestalt eines goldenen M16-Maschinengewehrs zu sehen oder ein Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel, bei dem die Spielfiguren durch Schnapsgläser ersetzt wurden.

Allerdings: Während bei manchen Dingen der Verdacht des Sexismus, Rassismus oder der Kinderarbeit offensichtlich ist, ließe sich der Vorwurf der Alkoholismus-Förderung bei solch einem Spiel auch diskutieren. Als bessere Waffen würden bei der Bekämpfung von vermeintlichen Stilverbrechen manchmal eher Humor und Ironie helfen als die rote Karte eines züchtigen Geschmacksschiedsrichters, dem man allzu schnell einen gefährlichen Chauvinismus unterstellen könnte. Als urernste Abwatsch-Schau ist die Schau wohl auch kaum gemeint. Denn gerade Berlin-Kreuzberg, in dessen Herz sich das "Museum der Dinge" befindet, ist der wahr gewordene Mix von schrillen und grellen Stilen. Hier geht, was gefällt. "Stillosigkeit ist eben auch ein Stil", wie der österreichische Kulturphilosoph Egon Friedell einmal bemerkte.

Dass Volkers neue Kategorien allerdings auch beim heimischen Publikum auf Zuspruch stoßen, beweisen die "Bösen Dinge", die Besucher mitgebracht haben. Wie beispielsweise nichtaufladbare Batterien ("Ressourcenverschwendung"), einen Regenschirm in Barbiepuppen-Form oder einen riesigen Gartenzwerg, der seinen entblößten Hintern zeigt. Am Ende eines schrecklich amüsanten Rundgangs bleibt dann vor allem diese Erkenntnis: Das Schöne am Kitsch aber ist doch, dass er so verdammt ehrlich ist.(Der Standard/rondo/11/12/2009)

"Böse Dinge", bis zum 10. Januar 2010 im Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Oranienstraße 25, 10999 Berlin. Wer ein "Böses Ding" mitbringt und dem Museum spendet, erhält freien Eintritt. www.museumderdinge.de

  • "Wollen wir erkennen, worin der gute Geschmack besteht, müssen wir zuerst den schlechten Geschmack beseitigen", meinte der Kunsthistoriker Gustav E. Pazaurek im Jahre 1899.
    foto: armin herrmann / werkbundarchiv - museum der dinge

    "Wollen wir erkennen, worin der gute Geschmack besteht, müssen wir zuerst den schlechten Geschmack beseitigen", meinte der Kunsthistoriker Gustav E. Pazaurek im Jahre 1899.

  • Von arg bis ganz arg: Toilettensitz aus China, Handy von Moeko
Ishida, Nachtlicht in Kannenform, Feuerzeug "9.11." aus China,
Schlüsselanhänger nach Edvard Munch, Handy-Halter aus Schweden und
Kinderturnschuhe "Obama".
    foto: armin herrmann / werkbundarchiv - museum der dinge

    Von arg bis ganz arg: Toilettensitz aus China, Handy von Moeko Ishida, Nachtlicht in Kannenform, Feuerzeug "9.11." aus China, Schlüsselanhänger nach Edvard Munch, Handy-Halter aus Schweden und Kinderturnschuhe "Obama".

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    foto: armin herrmann / werkbundarchiv - museum der dinge
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