Taschenmesser mit Absinth-Löffel

12. Dezember 2009, 17:00
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Die Lausanner Kunstschule ECAL gilt als Kaderschmiede in Sachen Luxusdesign - Ihr Direktor Pierre Keller wirbt global für ihren Ruf, die geistige und geografische Nähe zu großzügigen Unternehmen hilft ebenfalls

Ist Luxus heute ein Problem? Darauf lacht Pierre Keller herzlich, und es ist nicht klar, ob er die Frage lustig findet oder den Luxus. "Es macht Spaß", sagt er dann, "überhaupt, wenn man gerade im Herbst 2008 mit dem Luxus anfängt."

Ausgerechnet als die globale Krise ihrem vorläufigen Höhepunkt zustrebte, begann an der Lausanner Kantonalen Kunstschule ECAL, deren Direktor Keller ist, ein Masterprogramm über "Luxury & Design". In Zusammenarbeit mit einschlägig bekannten Unternehmen wie Hublot und Audemars Piguet, Nespresso und Christofle soll das Hochpreisige als "Kompetenzcenter des Entwerfens" ausgelotet werden. Da sei Design genauso zu Hause wie überall sonst, findet Keller. "Vom Dildo bis zum Privatjet, von der Toiletten- bis zur Zahnbürste: Design bringt Sonnenschein in das Leben auch der allergewöhnlichsten Leute." Von den weniger gewöhnlichen ganz zu schweigen.

Ob 2008 wohl der richtige Zeitpunkt für so ein hochgestecktes Ziel sei, fragte ihn damals Nick Compton von Wallpaper. Sogar der beste, "schnauzte er mich richtiggehend an", wie sich Compton in seinem Magazin erinnerte. Denn das Luxussegment funktioniere nach anderen Regeln als der Rest der Wirtschaft.

Immerhin - das spricht für Kellers Variante der ökonomischen Theorie - sind alle Unternehmen im Boot mit der ECAL geblieben, und vor kurzem konnte der erste Jahrgang seine Arbeiten in Buchform präsentieren. Es sind manchmal eher spielerische, dann wieder durchaus ernstgemeinte Entwürfe geworden, mit den Auftraggebern im Blick, aber nicht immer auf die unmittelbare Verwertbarkeit schielend. Und immer in Kooperation mit arrivierten Kollegen vom Fach.

Business-Jet-Branche

Ronan Bouroullec etwa leitete den Workshop, in dem vier Studenten sich einiges für TAG Aviation ausdachten. Dem Unternehmen, in der Business-Jet-Branche tätig, kann man nicht gut innerhalb eines Jahres bessere Gulfstreams präsentieren. Auch deren Innenausstattungen sind ein bereits bestens besetztes Feld. Doch wie wär's mit kreativen Souvenirs zum Thema Fliegen mit Stil? Ahornsamen mit ihren aerodynamischen Flügeln, jedem Kind als Nasenschmuck vertraut, gewinnen in vergoldeter Form, im schmucken Holzkistchen, gleich an Prestige und könnten als Give-away für Vielflieger dienen. Diese können sich - ein weiterer Entwurf - ihre hunderten Stunden und tausenden Meilen als Steckelemente in einen elegant schwarzen Setzkasten schieben. Oder sie bekommen einen Papierflieger, natürlich nicht aus Papier, sondern aus hochwertiger Karbonfaser. Oder ein Modell aus Schokolade - Swiss Made, selbstredend - in Stanniolpapier (siehe das Cover dieses Heftes). Anderen Koproduktionen sieht man die Verwertbarkeit unmittelbarer an: Geschirr für den französischen Hersteller Bernardaud; eine wasserdichte und nicht untergehende Tasche, mit Hublot entwickelt, für den (venezianischen?) Geschäftsmann; allerlei Accessoires und Kinkerlitzchen rund um Nespresso; und wenn Swarovski-Kristalle auf allem und jedem kleben, warum nicht auf Nidecker-Snowboards (beide sind Partner von ECAL), auf Regenschirmen und Tesa-Bändern? Und in Sanduhren - da allerdings sollen sie lieber rieseln statt kleben.

Die Entwürfe für Swarovski haben Studenten in Lausanne schon 2005 angefertigt. Damals begann, so Keller, eine Testphase. Je 100.000 Franken hat er von den teilnehmenden Firmen bekommen, insgesamt umgerechnet fast 700.000 Euro. Nun ist Master-Ernte, und manche Studentenarbeiten sollen in Produktion gehen, wobei naturgemäß keine Massenfabrikation zu erwarten ist. Aber wichtig sei der Kontakt mit den Auftraggebern, "damit unsere Studenten wissen, wo und wie sie sich später bewegen werden". Dazu wiederum passt der Standort Lausanne gut. "Wir sind hier von einem Gürtel an Upmarket-Business-Aktivitäten umgeben" - und von den entsprechenden Endverbrauchern. Die Studenten allerdings kommen von überall her - er zählt auf die Schnelle Libanon, Thailand, Frankreich, Kanada, Kolumbien auf - und sollen den eidgenössischen Schliff auch wieder exportieren.

Die Frage nach dem problematischen Luxus hat Keller schnell abgehakt bzw. abgefedert, nicht nur mit einem Lachen. Jede Metropole, die auf sich hält - er nennt Basel, Zürich, Köln, Wien, Miami, Tokio, London, Brüssel, Mailand -, habe ihre Designwoche, und gerade die extravaganten Aussteller zögen viele wohlinformierte Besucher an. Luxus mit Design zu kombinieren, schreibt er im Katalog der ECAL-Arbeiten, scheine ihm daher als ein "dynamite cocktail", "un cocktail détonnant", sozusagen voller explosiver Möglichkeiten. Die Welt sehe die Qualität des Studienprogramms, und sie bewundere die Zuverlässigkeit der regionalen Industrie von Genf bis Le Brassus.

Bling im Zeitalter von Blogs

Keller klingt nicht wie ein Mann, dem man leicht widersprechen kann. Als autokratisch beschreibt ihn Compton. Alles an ihm scheint, Amerikaner würden sagen: bigger than life, seine Zigarren, seine ausladenden Gesten, sein Lachen, sein französischer Akzent im Deutschen wie im Englischen. Geboren wurde er in Rolle, am Rande der Weinberge zwischen Genf und Lausanne - "darum bin ich so ein guter Weinverkoster geworden". Heute lebt er am anderen Ende des Genfer Sees, in Vevey. Nächstes Jahr wird er 65 und will sich, sagt er, zurückziehen.

Vorstellen kann man sich das nur schwer. In den vergangenen Jahren war Keller vor allem auf Achse bzw. im Flieger. Mexiko hat er mit Studenten besucht, sie haben dort gearbeitet, fern aller Luxusstrategien. Es ging vielmehr um Nachhaltigkeit im Kreislauf der lokalen Obst- und Gemüsemärkte und um Recycling.

Dass er sich nunmehr auf das High-End-Segment konzentriert, führt zu anderen Reisezielen. Gerade ist er von einer "Luxury Conference" in Berlin zurückgekehrt, zu der die International Herald Tribune geladen hatte. Wie in der Zeitung zu lesen war, beschäftigten sich die Teilnehmer mit dem Einfluss neuer Technologien auf das Selbstbild eingeführter großer Marken. Als Beleg für den Trend, nicht nur mit dem Namen, sondern auch mit besonderen Fertigungstechniken einen hohen Preis zu rechtfertigen, wird die Firma Oakley genannt. Sie bzw. ihr Erzeuger, die italienische Luxottica-Gruppe, stellt ein Sonnenbrillenmodell aus Karbonfaser her, für das fast 100 Arbeitsstunden nötig sein sollen und das 4000 Dollar kostet. Die Betonung technischer Besonderheiten und deren Propagierung im Internet hat die Herald Tribune schön auf den Nenner gebracht: "The purveyors of bling adapt to the era of the blog."

Keller findet das zwar interessant, doch in Berlin war er weniger wegen der Produkte und mehr wegen der Gelegenheit zum Netzwerken: Dort treffe man sie alle, die Styling-Verantwortlichen großer Autofirmen, Alain-Dominique Perrin (von der Cartier/Richemont-Gruppe) und Suzy Menkes (die Scharfrichterin des Stils, die in der Herald Tribune ausgiebig berichtet hat). Und Networken wird er auch in Singapur. Er ist schon auf dem Sprung zum Flughafen. "In Singapur gibt es eine Designwoche. Wir werden eine Ausstellung über die Arbeiten der ECAL eröffnen. Außerdem gibt es zwei Konferenzen und die Tagung des International Council of Societies of Industrial Design."

Silberrand an den Krisenwolken

Mehr noch: Die ECAL hat einen Austausch zwischen Lausanne und Singapur organisiert. Die Studenten besuchen einander für einen Workshop oder für ein ganzes Semester. Überhaupt ist Pierre Keller vom Mittleren und Fernen Osten begeistert. Diese Märkte sind für Keller der Silberrand an den Krisenwolken, wie Nick Compton nicht ohne Skepsis schreibt. Immerhin, gibt der Wallpaper-Autor zu, im Vergleich mit den westlichen Großstädten gebe es hier noch optimistische Signale für die Art von Unternehmen, mit denen die ECAL kooperiert.

Nicht zuletzt hat bei "Luxury & Design" auch das eidgenössisch Bodenständige seinen Platz. Zwar nur außer Konkurrenz, als "travaux libres", aber immerhin gleichwertig mit den anderen Teilnehmern zeigt Keller Entwürfe eines Studenten für die Firma Wenger, einen der Erzeuger Schweizer Armeemesser. Thilo Brunner hat sich praktische Variationen ausgedacht: einen Brieföffner, eine kleine Säge für Kinder, ein Messer mit eingebautem Schärfer und, damit auch ein Hauch von großer Welt oder Halbwelt weht: einen Absinth-Löffel. (Michael Freund/Der Standard/rondo/11/12/2009)

 

ECAL (Hg.), "Luxury & Design". Zu beziehen über ecal@ecal.ch. www.ecal.ch

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