Licht in New York

10. Dezember 2009, 17:00
6 Postings

Überproportional viele amerikanischen Designer haben asiatische Wurzeln - Trifft man Alexander Wang, weiß man warum - Stephan Hilpold über das neue New Yorker Ausnahmetalent

Es gehört zu den Eigenheiten jüngerer Menschen, dass sie das Wort "Kompromiss" nur ungern hören. Das ist bei politischen Überzeugungen nicht anders als in der Mode, weswegen Kreationen von Jungdesignern oft wunderbar anzusehen, aber nur bedingt tragbar sind.

"Ich mache gerne Kompromisse", sagt dagegen Alexander Wang, "erst dann laufe ich zu Hochform auf." Keine Frage: Dieser Mann ist wie geschaffen für ein Business, in dem die Zwänge des Marktes immer drückender werden. Alexander Wang spornen sie an. Er will seine Mode unter die Leute bringen. Vielleicht ist er deswegen bereits der Kopf eines 20-Millionen-Dollar-Unternehmens.

Und das mit 25. In Zürich hat er gerade den mit 100.000 Euro dotierten Stella-Preis gewonnen. Seine Modeschau im September in New York war ein Highlight der Fashion Week. Um den finanziellen Erfolg einer Marke ging es weder bei dem einen noch dem anderen Event. Wang sticht durch seine Kreationen aus der Masse an jüngeren Designern hervor. Er weiß, was er will. Und er kennt sich aus.

Oberkreative

"Am spannendsten finde ich derzeit, was Jil Sander bei Uniqlo macht," sagt er. Das muss man erklären: Jil Sander, die Hamburger Designerin, die schon viele Mitarbeiter durch ihren Perfektionswahn halb wahnsinnig machte, designt neuerdings für Uniqlo, die japanische Variante von Zara oder H&M. Nicht als Gastdesignerin sondern als Oberkreative. Die Preise sind moderat, die Design- und Qualitätsstandards hoch. Das ist eine Entwicklung, die es so noch nicht gegeben hat. In der Vergangenheit arbeiteten Designer nur im Rahmen eines Projekts für den Massenmarkt - zumindest offiziell.

Für Alexander Wang ist die Vermählung der Couture mit den großen Labels die Zukunft. Man kann ihm nur ein Lachen entlocken, wenn man ihn fragt, ob er auch einmal ein Haute-Couture-Kleid designen möchte. "Schauen wir uns doch in unserem eigenen Freundeskreis um. Wie oft kauft man ein Abendkleid, wie oft einen Smoking? Meine Erfahrung ist: Man braucht eine Jacke, man will, dass sie gut aussieht, gut verarbeitet und nicht zu teuer ist."

Das sind die Kunden, die den Jungspund mit dem Caravaggio-Lockenkopf interessieren. Mit zwölf kaufte ihm seine Mutter eine Nähmaschine, mittlerweile näht eine ganze Armada chinesischer Näherinnen für Alexander Wang. "Meine Herkunft", erzählt der jüngste Sohn chinesischer Einwanderer "hat mir nicht geschadet. Im Gegenteil: Es nützt ungemein, wenn man mit Produzenten in ihrer Muttersprache sprechen kann."

Aufgewachsen ist Wang in San Francisco - als Sohn steinreicher Unternehmer, deren erster Job der von Tellerwäschern war. Mit Mode hatten sie nichts am Hut. Ihrem Sohn, der sich seit frühester Jugend von Hochglanzmagazinen angezogen fühlte, mit 15 ein Semester in London am Central Saint Martins absolvierte und schließlich auf der Parsons School of Design in New York landete (nach zwei Jahren brach er die Schule ab, um sich ins Arbeitsleben zu stürzen), legten sie keine Steine in den Weg - vielleicht weil seit einigen Jahren eine ganze Reihe amerikanischer Modemacher mit asiatischen Wurzeln vormacht, wie man es in diesem Bereich zu etwas bringen kann.

Designer muss auch ein Unternehmer sein

Designer wie Thakoon, Jason Wu, Philipp Lim, Derek Lam, Peter Som oder Vera Wang gehören zu New Yorks aufregendsten Designern. Ästhetisch verbindet sie wenig, gemeinsam haben sie höchstens, dass sie den Modemarkt relativ nüchtern betrachten. "Ich verbringe höchstens 15 Prozent meiner Zeit damit, neue Kleider zu entwerfen", sagt Wang, "den Rest damit, die Produktion zu überwachen, Verkaufsstrategien festzulegen, Pressearbeit zu machen." Klage schwingt in diesen Worten keine mit. Wang fordern die derzeitigen Umbrüche in der Modewelt heraus: "Vor zehn oder 15 Jahren war das Profil eines Modemachers noch ganz anders: Heute muss ein Designer auch ein Unternehmer sein."

In diesem Jahr lancierte Wang neben Schuhen, Brillen (zusammen mit Linda Farrow) und einer E-Commerce-Seite eine Unterlinie, die er T (wie T-Shirt) nannte. Sie besteht aus einer Basisgarderobe, die Variationen bzw. Weiterentwicklungen von T-Shirts beinhaltet, also Sweater, Hoodies, Tanktops oder T-Shirt-Kleider. Keines der Teile kostet mehr als 100 Dollar. "Ich will keine Kunst machen, die man sich an die Wand hängen kann", sagt er. Das trifft auch auf seine Hauptlinie zu, die zwar in höheren Preisregionen angesiedelt ist, aber am Geschmack des jungen New Yorker Partyvolks ausgerichtet ist.

Alexander Wang ist einer ihrer Heroen, nach seiner letzten Modeschau schmiss er eine Party in einer Manhattaner Tankstelle, die beinahe mehr Publicity bekam als das Defilee selbst. Das war ungerecht, Wangs jüngste Kollektion zeigt nämlich besonders schön, was der 25-Jährige kann. Sein Hauptaugenmerk gilt den Klassikern. Sie stellt er auf den Kopf, dreht sie von innen nach außen, paart oder dekonstruiert sie. Dabei unterscheidet er sich diametral von den Konzeptkünstlern der Mode, denen eine Idee oftmals wichtiger ist als das Ergebnis. Wang ist ein lustvoller Spieler, einer, der auf der Klaviatur der Mode wie ein alter Hase spielt. "Das Ergebnis", sagt er, "muss leichtfüßig daherkommen."

In seiner jüngsten Kollektion nahm er sich das klassische Gebiet der Sportswear vor: Die gezeigten Wendejacken und Sporthosen, die kurzen Tops und hohen Stutzen muteten an, als ob man sie auch in einem Club in Tribeca oder Tokio tragen könnte. In der japanischen Tageszeitung Senken-Shimbun, wurde Wang jüngst übrigens zur "heißesten internationalen Designerbrand" gekürt. Weit vor der zweitplatzierten: Givenchy. In Europa hält sich die Bekanntheit des jungen Designers dagegen noch in Grenzen. Ob in Österreich ein Geschäft seine Mode führe, weiß Wang gar nicht. Er werde aber einen seiner Mitarbeiter fragen, verspricht er. Davon hat er glücklicherweise genug. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/11/12/2009)

 

Aufgewachsen in San Francisco als Sohn chinesischer Emigranten: Der 25-jährige Alexander Wang baute in den vergangenen Jahren ein 20-Millionen-Dollar-Modebusiness auf.

www.alexanderwang.com

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Stutzen mit Durchblick:

  • Der amerikanische Modemacher Alexander Wang designt am liebsten für das New Yorker Partyvolk.
    foto: hersteller

    Der amerikanische Modemacher Alexander Wang designt am liebsten für das New Yorker Partyvolk.

Share if you care.